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Der Streit um die Schule

Veraltet, ineffizient, leistungsfeindlich: Ursula Haubner und Harald Walser lassen am Schulsystem kein gutes Haar - und sind sich in ihrer Kritik erstaunlich einig. Das Gespräch führte Veronika Dolna

Resignation bei SP-Ministerin Claudia Schmied, Blockadehaltung bei der ÖVP? Auch wenn sie politisch sonst oft weit auseinander stehen - beim Thema Bildung sind sich BZÖ-Bildungssprecherin Ursula Haubner und ihr Kollege Harald Walser von den Grünen erstaunlich einig. Worüber Haubner in ihrer Familie diskutieren muss und warum sich die Grünen Zugangsbeschränkungen zum Studium vorstellen können, erklären sie im Gespräch mit der FURCHE.

Die Furche: Sie sitzen im Sonderausschuss zum Bildungsvolksbegehren. Wird er konkrete Gesetzesinitiativen zum Ergebnis haben?

Ursula Haubner: Wir haben erst ein Mal getagt. Dabei gab es eine relativ große Übereinstimmung bei den Absichtserklärungen. Entscheidend ist aber, was am Ende rauskommt: Aus meiner Sicht eher Empfehlungen und Beabsichtigungen seitens der SPÖ und ÖVP.

Harald Walser: Ich fürchte auch, dass sich da ein Begräbnis erster Klasse abzeichnet. Wenn ich daran denke, dass wir parallel zum Ausschuss nächste Woche mit der Neuen Mittelschule eine Zementierung des bestehenden Schulsystems beschließen, und wir das dann drei Wochen später sachlich diskutieren sollen, sehe ich einen gewissen Widerspruch. Den hätte ich gerne erklärt, vor allem von sozialdemokratischer Seite. Dass die ÖVP zufrieden ist, kann ich mir vorstellen, sie hat ihr Ziel erreicht: Das Schulsystem des 19. Jahrhunderts bleibt auch im 21. so.

Die Furche: Im Grünen Bildungsprogramm gibt es viele Übereinstimmungen mit den Positionen von Bildungsministerin Schmied. Und das Bildungskonzept des BZÖ fordert - ganz auf Linie der Ministerin - eine standardisierte Reifeprüfung, eine gemeinsame Schule der Zehn- bis Vierzehnjährigen, ein neues Lehrerdienstrecht. Wie zufrieden sind Sie mit ihrer Arbeit?

Haubner: Sie bemüht sich, die Weichen richtig zu stellen. Aber was sie macht, ist Stückwerk. Das große Ganze für ein zukunftsfittes Bildungssystem fehlt.

Walser: Ich würde sagen: Sie hat sich bemüht. Aber seit einem Jahr hat die Ministerin in den zentralen bildungspolitischen Fragen aufgegeben. Sie hat in allen Kernfragen das Richtige gesagt, ist vom Koalitionspartner abgeblockt und von der eigenen Partei in Regen stehen gelassen worden. Dabei geht es um Sachfragen. Allein, dass die Grünen und das BZÖ in bildungspolitischen Fragen nicht so weit auseinanderliegen, obwohl sich unsere Parteien sonst nicht sehr ähneln, zeigt ja, dass Bildungsfragen nicht ideologisch zu beantworten sind .

Haubner: Typisch ist die neu entfachte Diskussion um die Lehrerarbeitszeit. Mit diesem Vorstoß hat Schmied schon vor zwei Jahren für helle Aufregung bei der Gewerkschaft und beim Koalitionspartner gesorgt. Und jetzt haben die Betonierer und Blockierer schon wieder vor Verhandlungsbeginn gesagt, was alles überhaupt nicht infrage kommt. Ich befürchte, dass sie sich nicht durchsetzen wird. Dabei sind genau das einheitliche Dienstrecht, die gemeinsame Ausbildung und die antiquierte Schulverwaltung die großen Brocken.

Walser: Wir müssten uns zuerst auf ein Ziel einigen und dann entsprechende Schritte einleiten. Jetzt werden Maßnahmen teils in eine, teils in eine andere Richtung gesetzt. Wir müssten außer Frage stellen, was wir wollen: Ganztägige Schulen mit verschränktem Unterricht, eine gemeinsame Ausbildung für alle Pädagogen, eine gemeinsame Schule für alle Zehn- bis Vierzehnjährigen. Noch einmal: Das sind keine ideologischen Fragen, da geht die Industriellenvereinigung mit und sogar Teile der FPÖ.

Haubner: Wir vom BZÖ sind sowohl für Schulen mit verschränktem Unterricht als auch für Schulen mit Nachmittagsbetreuung. Die Eltern sollen entscheiden.

Walser: Aber da wirst du genau die Kinder nicht hinein holen können, die es am Nötigsten haben.

Haubner: Ich kenne das Gegenargument. Ich diskutiere das auch in meiner Familie sehr viel, weil eine meiner Töchter das so sieht.

Walser: Eine Grünwählerin in deiner Familie?

Haubner: Nicht unbedingt. Aber ich stehe dazu: Es muss die Entscheidungsfreiheit der Eltern sein.

Walser: Wir brauchen ein pädagogisches Modell, keine bloße Aufbewahrungsstätte. Versuchen Sie einmal das Wort "Ganztagsschule“ in eine andere Sprache zu übersetzten. Diese komische Begrifflichkeit gibt es nur auf Deutsch. Überall sonst ist klar, dass Schule eine Ganztagsangelegenheit ist.

Die Furche: Welche Konsequenzen wird es haben, wenn keine umfassende Bildungsreform gelingt?

Walser: Der Wirtschaftsstandort Österreich wird erheblich in Mitleidenschaft gezogen. Wir haben jetzt schon jedes Jahr 1000 ausgebildete Techniker zu wenig und müssen aus den Ländern Osteuropas qualifizierte Menschen nach Österreich holen. Die Rechtsparteien schaffen ein Klima, das dem nicht unbedingt zuträglich ist.

Haubner: In der Zeit der schwarz-blauen Regierung waren wir sehr wohl ein attraktiver Wirtschaftsstandort. Aber ich gebe dir recht, dass man im gesellschaftlichen System mit Hetze und Ausgrenzung im europäischen Verbund negativ dasteht. Das ist klar, aber als Vertreterin einer Rechtspartei fühle ich mich da nicht angesprochen.

Walser: Ganz abgesehen vom Gerechtigkeitsproblem: Auch ökonomisch ist es ein Unding, dass wir Kinder mit Migrationshintergrund und ihr Potenzial außen vor lassen.

Haubner: Wenn jetzt nicht das Richtige passiert, werden noch mehr junge Menschen die Schule abbrechen. Damit produzieren wir die Sozialfälle der Zukunft. Junge Menschen ohne Abschluss sind in jeder Hinsicht gefährdet ...

Walser: ... und gefährlich!

Haubner: Das auch. Schauen Sie nur auf die Debatte über Schulschwänzer.

Die Furche: Das Schulschwänzen wird derzeit auch als migrantisches Problem dargestellt.

Haubner: Nicht nur, aber zum Großteil.

Walser: Ich halte es für ein Skandal, dass ein Staatssekretär das so darstellt. Das ist eine Frage des Bildungsniveaus, nicht der Herkunft.

Haubner: Man muss die Gründe hinterfragen und braucht mehr konkrete Ansätze in der Prävention. Damit man nicht, wie in so vielen andern Bereichen, nur viel Geld in die Reparatur steckt.

Die Furche: Wien soll einen Schulschwänzbeauftragten bekommen.

Haubner: Eine Schnapsidee!

Walser: Das sind Alibi-Aktionen. Wir müssen in der Schule ein Klima schaffen, in dem alle Kinder in der Lage sind, das zu tun, was wir uns alle wünschen. Nämlich: Leistung erbringen. Aber die ÖVP als Hardcore-Leistungsverweigerungspartei verhindert konsequent, dass wir in der Schule das Leistungsprinzip umsetzen können, indem sie ein System zementiert, das nachweislich nicht leistungsfördernd ist.

Die Furche: Ein weiterer Streitpunkt sind Studiengebühren.

Walser: Ich halte die Diskussion für reichlich überschätzt. Wir müssen jede finanzielle Hürde im Bildungsbereich abbauen, aber die größte Hürde sehe ich im Kindergartenbereich. Ich kann mir sinnvolle Zugangsbeschränkungen vorstellen, wenn man nämlich die Modularisierung in der Oberstufe weiterführt. Wenn Oberstufenschüler in der Lage sind, individuelle Schwerpunkte zu setzen, und z. B. zwölf statt acht Englisch-Kurse besuchen können, könnten etwa fürs Dolmetschstudium vertiefte Kenntnisse vorausgesetzt werden.

Haubner: Das höre ich zum ersten Mal, aber es klingt interessant. Gegen das eine oder andere Lenkungselement ist nichts einzuwenden. Studiengebühren müssen in ein Fördersystem eingebettet werden. Ich halte sie für wichtig, um Chancengleichheit zwischen den Ausbildungen herzustellen. Wer eine Meisterprüfung macht, muss sie auch selbst bezahlen.

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