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Politik

Des ägyptischen Pudels Kern

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Wer sich in ein paar Jahren an die ägyptische Revolution erinnert und sich besinnt, was denn aus ihr geworden sei, wird vielleicht zum Schluss kommen, dass einer der entscheidendsten strategischen Fehler darin lag, Mohammed Hussein Tantawi zum Übergangsstaats- und Regierungschef zu machen. Nicht etwa weil sich der Mann mit dem leicht angestaubten Titel des Feldmarschalls schmückt, sondern weil er wie kaum ein anderer dis Sklerose der ägyptischen Nomenklatur repräsentiert.

Tantawi ist beim früher engsten Verbündeten des Regimes Mubarak, den USA, stets als dessen "Poodle“ ein- und ausgegangen. Zuletzt offenbar in den ersten Februartagen, als er in geheimer Mission nach Washington fuhr (so WikiLeaks) um dort Kampfausrüstung für die ägyptische Riot-Police anzufordern, um besser gegen die Demonstranten vorgehen zu können. Das taktische Argument, welches Tantawi dabei vorbrachte, sollte sich wenige Tage später erfüllen: "Tantawi warnte davor, dass man ohne ein entschiedenes Vorgehen gegen die Demonstranten das Regime stürzen würde.“

In der Tat ist die Abkehr des Getreuen von seinem Diktator mehr dem Kalkül der Macht als irgendeiner politischen Überzeugung zuzuschreiben. Tantawi wird von der CIA als äußerst reformunwillig dargestellt. Und das ist aus seiner Position heraus auch verständlich. Denn die Vita des Feldmarschalls führt recht eindrücklich vor Augen, dass er nicht nur ein Mitläufer des überkommenen Systems ist, sondern das System selbst.

Der 1935 in Kairo geborene Tantawi begann seine Karriere als kleiner Soldat bei der ägyptischen Infanterie. 1956 stand er während der Suez-Krise im Kampfeinsatz und später in den beiden Kriegen gegen Israel 1967 und 1973. Angesehen von den dortigen militärischen Niederlagen hatte Tantawi seinen Arbeitgeber gut ausgewählt. Mit 450.000 Mann ist die ägyptische Armee nicht nur eine der größten der Welt, sondern gleichzeitig größter Arbeitgeber der Landes. Tantawi half mit, diesen Staat im Staat wirtschaftlich auszubauen, ab 1995 als ihr oberster Chef. Er ist so gesehen Manager eines Konzerns, der Ägypten seit Jahrzehnten kontrolliert, aber auch gewaltige Ressourcen verschlingt - ein Raubbau, der dazu beiträgt, dass mehr als 40 Prozent der Ägypter unter der Armutsgrenze fristen.

Ist von einem solchen Mann zu erwarten, dass er sein eigenes Nest zum Wohl der Allgemeinheit schädigt, einer Allgemeinheit, gegen die er vor Kurzem noch vom Tahrir-Platz prügeln lassen wollte?

In Washington wird man mit Tantawi trotzdem zufrieden sein. Denn einen gehorsameren Verbündeten können sich die USA kaum wünschen. Schon in den Tagen vor dem Sturz Mubaraks war er der verlässlichste Kontaktmann des Weißen Hauses in Kairo. Er entschied letztlich auch über Mubaraks Sturz und leitet die letzte "Überzeugungsarbeit“, deren der greise "Pharao“ noch bedurfte, um tatsächlich in den Helikopter zu steigen und ins Exil zu verschwinden. Das große Problem, das Ägypten mit Tantawi erwächst, ist sein Beharren auf den erstarrten Wirtschafts- und Gesellschaftsstrukturen. Doch die Zeit drängt. Ägypten braucht ein Wirtschaftswachstum von sieben Prozent, um mit dem dringendsten Problem, der Arbeitslosigkeit, fertig zu werden.

Ohne Reformen und der Entmachtung der milliardenschweren ägyptischen Oligarchie wird das nicht möglich sein. Mit Feldmarschall Tantawi an der Spitze, so glauben viele, schon gar nicht.