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Die Ambivalenz des Religiösen

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Entgegen den Prophezeiungen mancher aufklärungspropheten ist Religion nicht aus der Gesellschaft verschwunden. Was bedeutet dieser Befund?

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Entgegen den Prophezeiungen mancher aufklärungspropheten ist Religion nicht aus der Gesellschaft verschwunden. Was bedeutet dieser Befund?

Sollten, wie es ein bekanntes Sprichwort besagt, Totgesagte wirklich länger leben, so dürfte die vielerorts proklamierte Wiederkehr der Religion in den öffentlichen Gesellschaften keine besondere Überraschung darstellen. Hatte doch bereits Friedrich Nietzsche dem "tollen Menschen" in seinem berühmten Aphorismus Nr. 125 jene berühmten Worte, die den Tod Gottes proklamieren, in den Mund gelegt.

Doch angesichts der Schlagzeilen einer schier omnipräsenten terroristischen Bedrohung, einem ideologisch beanspruchten Schutz des christlichen Abendlandes oder der Erfahrung, dass durch Migrationsströme Menschen mit vielfältigen Formen unterschiedlicher Weltanschauung in Europa sesshaft werden, tritt das Religiöse mitunter in seiner aggressivsten Form potenzieller Gewalt in den Blick. Dass dieser "religiöse Schock", wie es der Salzburger Theologe Gregor Maria Hoff bezeichnet, so einprägsam ist, liegt zu einem großen Teil wohl auch in den höchst unterschiedlichen Erwartungshaltungen begründet, die den modernen Gesellschaften seit der Aufklärung entgegen gebracht wurden.

Das Religiöse als Gespenst

Das Religiöse wird besonders dort als unwirklicher Fremdkörper oder gar herumspukendes "Gespenst" (Peter Sloterdijk) gesehen, wo es aufgrund der neutralen Sphäre im öffentlichen Raum eigentlich verschwiegen werden sollte oder es aufgrund technologischen Fortschrittes schlichtweg keinen Platz mehr finden sollte. Ob religiös motivierte Anschläge oder religiös beeinflusste öffentliche Debatten, welche die Würde, Rechte und Freiheit der Menschen zu untergraben suchen - die gerissenen Wunden in der Gesellschaft sitzen vielerorts tief.

Dass der klassisch von säkularisierungstheoretischer Seite prognostizierte Niedergang der Religionen weiter auf sich warten lässt, wird besonders zu Zeiten beklagt, an denen das Religiöse in seiner bedrohenden Form machtpolitischer Instrumentalisierbarkeit in den Blick tritt. Dazu braucht es nicht notwendigerweise politische Aufmärsche unter christlichen Kreuzessymbolen oder Wahlplakate, auf denen der Gottesbegriff politisch funktionalisiert wird. Doch erinnern diese umso stärker an die ambivalente Stellung von Religion in einer säkular verfassten Gesellschaft.

In einer jüngst von der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen in Auftrag gegeben Umfrage wurden vom Institut für Grundlagenforschung (IGF) 410 Personen in Salzburg über ihre Meinung zur Lage von Religion in Österreich befragt. Die Antworten spiegeln teilweise den Trend vergangener Jahre wider, andere überraschten umso mehr: So gehen 72 Prozent der Befragten davon aus, dass in Zukunft die Kirchenaustritte in Österreich steigen werden bzw. 61,6 Prozent rechnen damit, dass der Glaube an ein höheres Wesen abnehmen wird. Diese Ergebnisse würden der in vielen Fachkreisen religionswissenschaftlicher Forschung bereits wieder zu den Akten gelegten Perspektive der Säkularisierung entsprechen.

Doch geht in derselben Umfrage mit knapp 40 Prozent ein beträchtlicher Teil der Befragten ebenfalls davon aus, dass religiöse Themen in der Öffentlichkeit weiterhin einen festen Platz haben werden und fast 70 Prozent finden gar, dass christliche Werte für das Funktionieren der österreichischen Gesellschaft zentral sind. Überraschend hierbei jedoch: Ein Großteil der Befragten (mehr als 80 Prozent) spricht sich zugleich deutlich für die weltanschauliche Neutralität des Staates und des öffentlichen Raumes aus. Paradoxe Szenarien zeichnen sich in den Antworten ab. Dies dürfte nicht nur ein Resultat angesichts der wachsenden religiösen Pluralität sein, sondern auch der Tatsache Rechnung tragen, dass in einem säkular verfassten Staat westlicher Prägung ebenso ein beträchtlicher Teil der Menschen mit agnostischen oder atheistischen Ansichten lebt.

Religion hat politische Relevanz

Diese teils in Widerspruch oder Spannung zueinander stehenden Aussagen spiegeln damit im österreichischen Mikrokosmos die ambivalente Haltung der Menschen gegenüber der Religion in vielen westlichen Staaten wider, was nicht zuletzt auch für das politische Geschehen höchst relevant ist: Geht es etwa nach dem austro-amerikanischen Soziologen Peter L. Berger, stehen Wahlverhalten und religiöses Bekenntnis nach wie vor in einem engen Zusammenhang.

Während große Teile der gebildeten Elite in einer immer größer werdenden Distanz zu religiösen Weltbildern leben, sind große Teile der Bevölkerung ohne höhere Bildung nach wie vor sehr religiös. Berger beschrieb im Bezug auf den US-Bereich, wie die Regierung in Washington bzw. auch die Rechtsprechung am Obersten Gerichtshof der USA in einer größer werdenden Distanz zu religiösen Themen vonstatten gehen, wobei jedoch religiöse Themen in vielen Teilen der US-Bürgerinnen und Bürger als höchst relevant für ihr Leben und deshalb auch für deren Wahlverhalten angesehen wird. Es sei nicht verwunderlich, dass man in vielen Teilen der politischen Wahlkampfstrategien auf diese ambivalente Stellung des Religiösen in der Gesellschaft setzt. Damit sei die religiöse Thematik aber auch in westlichen Gesellschaften nach wie vor ein Politikum ersten Ranges, die "Säkularisierung der Eliten" nur ein oberflächliches Phänomen. Das religiöse Bekenntnis der Bürger eines Landes präge auch im 21. Jahrhundert noch die Politik, mit welcher auf Stimmenfang gegangen wird.

Für den öffentlichen Raum bedeutet das dann aber: Man hat sich darauf einzustellen, mit religiösen Schockerlebnissen wie Pegida oder selbst ernannten politischen Erlösern weiterhin umgehen zu müssen. Wie der US-Politologe Ronald Inglehart betont hat, könne man nicht davon ausgehen, dass der Einfluss von Religion bzw. weltanschaulicher Prägung in modernen Staaten wesentlich geringer werden würde. Vielmehr würden sich vor allem die Form der Religiosität und die Bindung der Menschen zu den Institutionen traditioneller Religionsgemeinschaften verändern.

Die Menschen würden zwar mit einem größer werdenden Selbstbewusstsein verstärkt autonom entscheiden, ob und welcher Religion sie angehören wollen und welche moralischen und politischen Vorgaben sie erfüllen würden. Dies führe zu einer stark individualisierten Form von Religion, welche sich besonders an Idealfiguren orientiert oder die nützlichen Werte klassischer Bekenntnisse herausstreicht. Eine Reduktion des religiösen "Zündstoffes" sei damit keineswegs verbunden.

Stabilisierung der Gesellschaft

Auch in der angestellten Studie aus Salzburg finden sich Befürchtungen gegenüber destruktiven oder negativen Potenzialen, die Religionen entfalten können, ebenso wie die Hoffnung, dass religiöse Elemente eine für die Gesellschaft stabilisierende und hilfreiche Funktion erfüllen können. Es kann als ein Schwanken zwischen Faszination und Anerkennung der gesellschaftlichen Kraft des Religiösen auf der einen Seite und der Skepsis vor Institutionen, Fremdbestimmung und wissenschaftstheoretischen Verurteilungen des Religiösen auf der anderen Seite gesehen werden. Es zeichnet sich offenbar eine Perspektive ab, welche die Relevanz von Religion für die öffentliche Gesellschaft zumindest in Teilen nach wie vor anerkennt, doch nicht mehr als notwendig in den institutionalisierten Gemeinschaften traditioneller Kirchen verortet.

Die Trennung von Kirche und Staat und die Miteinbeziehung religiöser Inhalte, Fragestellungen und Problempunkte in die politische Diskussion sind für viele kein Widerspruch. Eine solche Schnittmenge von Religion und Politik jedoch als Siegeszug der Religion à la Phönix aus der Asche zu sehen, wäre wohl überzogen. Vielmehr wird das Religiöse wohl auch in Zukunft in der ambivalenten Sichtweise zwischen Potenzial und zerstörerischer Kraft kritisch beäugt und sein Ende weiterhin prognostizierend erwartet oder erhofft werden. Das Religiöse bleibt modernen Staaten auch trotz säkularer Verfassungen in öffentlichen Debatten weiterhin erhalten -und sei es nur als problematische Frage. Seine Ambivalenz zeigt sich an vielen Orten und beweist, dass Religion in den öffentlichen Debatten (noch) keineswegs zu den herumwandernden Untoten gehört, sondern durchaus in der Lage ist, einen gesellschaftlichen Schockzustand auszulösen.

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