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Die Europäische Union ist nicht Babylon

Die EU sollte dringend Konzepte zur Förderung der Mehrsprachigkeit entwickeln - nicht nur aus ökonomischen Gründen. Nur wenn ihre Bürger mehrere Amtssprachen beherrschen, wird demokratische Partizipation möglich.

Über dem europäischen Einigungsprozess schwebt seit jeher als mythisches Trauma der Turmbau zu Babel. Die Gefahren der Verwirrung und Verzettelung, des sich Verlierens in Unwesentlichkeiten und vermeintlichen Differenzen zwischen den europäischen Kulturen, könnten das Projekt "Europäische Union" jederzeit zum Scheitern zwingen. Die ewige Baustelle Europa koordiniert sich eben nicht von selbst. Mehrsprachigkeit muss gelenkt und durch nachhaltige Konzepte entwickelt werden.

Dies bereitet der Union enormen Aufwand, hohe Kosten und ist dennoch ohne Alternative. Eine EU, die als Ganzes ökonomisch wettbewerbsfähig sein und all ihren Bürgern gleiche demokratische Partizipation ermöglichen will, kommt um eine gezielte und langfristige Regelung von Mehrsprachigkeit nicht umhin.

Die österreichische Sprachwissenschaftlerin Ruth Wodak forscht im Rahmen des Projektes "Dylan" der Europäischen Kommission zur "Dynamik und Handhabung der Sprachenvielfalt" in der Europäischen Union. Unter Beobachtung steht dabei die demokratietheoretische Achtung gegenüber den ökonomischen Herausforderungen der europäischen Mehrsprachigkeit. In Wien berichtete Ruth Wodak über ihre bisherigen Erfahrungen, anlässlich ihres Vortrages "Unity in Diversity" der "Hedy Lamarr Lectures" an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

Wissen wird sprachlich vermittelt

Aus Sicht der Diskursforscherin steht und fällt die Möglichkeit der demokratischen Partizipation einzelner Bürger mit deren Sprachkompetenz. Der Umgang mit 23 Amtssprachen in einem Staatenverbund mit rund 500 Millionen Einwohnern erfordert anhaltende Reflektions- und Aushandlungsprozesse seitens der Institutionen und der Bürger selbst. Sprache und Kommunikation ermöglichen Dialog, Diskussion, den Zugang zu Wissen und zu demokratischen Entscheidungsprozessen, denn: Wissen ist Macht und Wissen wird sprachlich vermittelt.

Verschiedene soziale Situationen erfordern vielfältige Sprachkompetenzen. Immer neue Kommunikationsformen stellen hohe Anforderungen an die menschliche Anpassungsfähigkeit. Das Internet sorgt für steigende Komplexität und Beschleunigung. "Selbst wenn wir nur eine Sprache sprechen, sprechen wir verschiedene Sprachen", so Wodak.

Zudem stellen wir uns in vielfältiger Weise über Sprache dar. Sie konstituiert Identität. Kommunikation und Sprachkompetenz definiert Gruppenzugehörigkeiten und Innen-Außen-Grenzen. Diese Kette von Abhängigkeiten ließe sich wohl endlos fortsetzen.

Innerhalb der EU lassen sich zur Frage der Ausgestaltung von Mehrsprachigkeit drei dominante Diskurse erkennen. Zunächst gibt es eine anhaltende Diskussion darüber, wie demokratische Partizipation für Angehörige aller europäischer Sprachgruppen sichergestellt werden kann. In einem zweiten Themenfeld stellt sich die Frage, wie in einer modernen Wissensgesellschaft Mehrsprachigkeit ökonomisch möglichst vorteilhaft organisiert werden kann.

Ein drittes Problem tut sich bei den Aspekten der sprachlichen Integration von Migranten auf. Dass die EU auch auf Zuwanderung von außerhalb des Schengen-Raumes angewiesen ist, steht dabei außer Frage. Es müssen jedoch Konzepte darüber diskutiert werden, welche Sprachkompetenz nötig ist und wie sich diese vermitteln lässt.

Sprach-Rationalisierungen

Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass das Hauptaugenmerk der europäischen Institutionen immer mehr von der Frage der Sprachkompetenz als Mittel zur demokratischen Partizipation hin zur Frage der wirtschaftlichen Nutzbarkeit und Notwendigkeit von Sprachkompetenz wandert. Oder wie Ruth Wodak meint: "Sprache wird immer mehr auch als ökonomisches 'Asset' betrachtet."

Die Konzepte, welche auf europäischer Ebene erstellt werden, seien auf den ökonomischen oder den demokratischen Umgang mit Mehrsprachigkeit ausgerichtet, kämpfen dann oft mit der Umsetzung in das nationale Recht der Mitgliedsstaaten. So lassen sich zum Teil starke Renationalisierungstendenzen in den EU-Mitgliedsländern erkennen. Bezüglich des Diskurses zur nationalen sprachlichen Identität lässt sich diese Entwicklung beispielsweise in Großbritannien erkennen. Dort ist es nun für das Erreichen der Hochschulzugangsberechtigung "A-Level" nicht mehr nötig, eine Fremdsprache belegt zu haben. In Frankreich werden die Gesetze zum Schutz vor Anglizismen und zur Förderung der französischen Sprache ebenfalls stetig weiter ausgebaut. Ähnliches ist bei der Debatte um Migration und Integration zu beobachten.

Ebenso sind auch die nationalen Reglungen zum Spracherwerb bei Migranten kaum von Offenheit und Anerkennung der Mehrsprachigkeit geprägt. Sprachtests in den nationalen Sprachen dienen hier oft als Voraussetzung für eine Aufenthalts- oder Arbeitserlaubnis. Mittlerweile gibt es in 17 EU-Staaten Sprachtests, wovon sich elf auf den Erwerb der jeweiligen Staatsbürgerschaft beziehen und sechs sogar eine Voraussetzung für eine Aufenthaltserlaubnis darstellen. Wodak spricht sich hier für überlegte Konzepte aus, die sich auf tatsächliche Notwendigkeiten beim Spracherwerb konzentrieren und nicht in unüberlegtem Sprachprotektionismus münden.

Nur 51 Prozent können Englisch

Für die Zukunft der Mehrsprachigkeit sieht die Forscherin für die Bewohner der EU eine steigende Notwendigkeit zum Erlernen mehrerer Sprachen. Englisch als universelle Verkehrssprache wird nach wie vor nur von 51 Prozent der Europäer verstanden und bleibt weit entfernt von einer universellen Verkehrssprache. Nach den Wünschen der Europäischen Kommission sollte jeder Bürger zumindest drei europäische Amtssprachen sprechen und dabei verstärkt auch die Sprachen der Nachbarländer erlernen.

Bei der Sprachkompetenz zu sparen ist bereits jetzt für die EU als Wirtschaftsraum indiskutabel. Laut Zahlen, welche 2008 im Auftrag der uropäischen Kommission erhoben wurden, sollen bereits jetzt rund 100 Milliarden Euro jährlicher volkswirtschaftlicher Schaden durch mangelnde Sprachkompetenz in der EU entstehen. Dagegen nehmen sich die rund 1,1 Milliarden Euro, welche jedes Jahr für die Übersetzung von rund 1.541.518 Seiten Text in den europäischen Institutionen anfallen, bescheiden aus. Ökonomisch ist eine nachhaltige Konzeption der europäischen Mehrsprachigkeit unumgänglich. Demokratietheoretisch ist der Respekt vor der Mehrsprachigkeit zwingend, wenn die EU ihre Legitimität bei den Bürgern nicht verspielen will.

In diesem Sinne gilt für Sprachen und Kulturen auf europäischer Ebene das Prinzip der Egalität, auch im europäischen Recht. Alle Schriftstücke müssen demnach in allen Amtssprachen zugänglich sein. Ebenso muss sich am europäischen Gerichtshof jeder Bürger in seiner Muttersprache rechtfertigen können. In der Praxis gilt das egalitäre Prinzip jedoch nicht in allen EU-Institutionen. In der Kommission wird aus pragmatischen Gründen hauptsächlich englisch gesprochen.

Besonders im Streitfall schwenken Politiker gerne auf Englisch um, selbst wenn sie es schlecht sprechen und Übersetzer zur Verfügung stehen. Scheinbar verspricht man sich von manchen Sprachen doch mehr Legitimität und Durchsetzungskraft als von anderen. Es gibt eben gleichere unter den gleichen Sprachen Europas. Von einer Klarheit und Gleichheit im Umgang mit Sprachen und Kulturen, welche den Turmbau zu Babel vergessen lassen könnten, ist Europa immer noch weit entfernt.

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