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Die Laien endlich für voll nehmen

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Der "Aufruf zum Ungehorsam“ ist für Luitgard Derschmidt, oberste Laiin des Landes, ein Aufruf zu "höherem Gehorsam“. Und geht längst nicht weit genug.

Der "Aufruf zum Ungehorsam“, den die Pfarrer-Initiative Ende Juni veröffentlicht hat, war im August 2011 ein bestimmendes Thema der öffentlichen Diskussion. Was etwa den Reformern von "Wir sind Kirche“ nicht gelungen war, schaffte das Reizwort "Ungehorsam“, das die Pfarrer in den Mund genommen hatten. In den letzten Tagen hatten einige Ordensobere wie der Herzogenburger Propst Maximilian Fürnsinn oder sein Schlägler Kollege Martin Felhofer vorsichtige Sympathie für einige, wenn auch nicht für alle Anliegen der Pfarrer durchklingen lassen. Von Bischofsseite empfahl zuletzt der steirische Hirte Egon Kapellari den "Ungehorsamen“, ein wenig "runter vom Gas“ zu gehen.

Das Gewissen als Richtschnur

Für Luitgard Derschmidt, Präsidentin der Katholischen Aktion Österreich (KAÖ), der größten und offiziellen Laienorganisation der Kirche im Land, stellt der Aufruf der Pfarrer-Initiative zuerst eine "Selbstverpflichtung der Pfarrer“ dar. Derschmidt äußerte gegenüber der FURCHE Verständnis dafür, dass den Pfarrern "der Kragen geplatzt“ sei. Die KAÖ-Präsidentin weiß, dass das Wort "Ungehorsam“ eine "große Medienwirkung“ entfaltet, aber: "Es handelt sich nicht um Ungehorsam, sondern um einen höheren Gehorsam Gott gegenüber.“ Dieser folge aus einem Kirchenbild, in dem alle Getauften ernst und für voll genommen werden. Der "Aufruf zum Ungehorsam“ gehe da gar nicht weit genug.

Für Österreichs oberste Laiin rührt das ans Grundverständnis von Kirche. Der Aufruf der Pfarrer-Initiative spreche etwa davon, dass "gutwilligen Gläubigen“ die Eucharistie nicht verweigert werden solle, auch wenn sie wiederverheiratete Geschiedene seien: Solche Sprache habe, so Derschmidt, den Klerikalismus längst nicht überwunden: Weder die Kirche, noch die Priester seien dazu da, die "Gutwilligkeit“ von Gläubigen festzustellen. Die Kirche müsse vielmehr endlich die Verantwortung und das Gewissen des einzelnen ernst nehmen und als Richtschnur akzeptieren. Dass die Pfarrer-Initiative den "liturgischen Gastspielreisen“ von Priestern eine Absage erteilt, begrüßt die KAÖ-Präsidentin ausdrücklich. Aber der Bezeichnung von Wortgottesdiensten mit Kommunionspendung als "priesterlose Eucharistiefeier“ kann sie nichts abgewinnen: "Wo bleibt da der Wert der Laien, die ja auch Anteil am gemeinsamen Priestertum aller Getauften haben?“ Derschmidt versteht auch nicht, dass der "Aufruf zum Ungehorsam“ von "kompetent ausgebildeten Laien“ spricht, die predigen sollen dürfen. Die KAÖ-Präsidentin verweist aufs II. Vatikanum sowie auf die Bischofssynode über die Laien 1987, wo gesagt worden sei, jeder Getaufte sei verpflichtet "und vom Herrn selbst“ berufen, das Wort Gottes zu verkünden. Von daher sei es kein Akt des Ungehorsams, wenn Laien verkündigen - und predigen, sondern einer des Gehorsams.

Für Derschmidt geht es darum, die Kluft zwischen Priestern und Laien in der katholischen Kirche bzw. ein überhöhtes Amtsverständnis der Priester abzubauen. Sie zitiert dazu den Galaterbrief. Dort schreibt Paulus, dass alle "einer in Christus“ seien - es gebe nicht mehr "Juden und Griechen, Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau“. Derschmidt meint, man könne heute dazufügen, es gebe auch nicht mehr "Priester und Laien“. Wenn man "einer in Christus“ in diesem Sinn fortschreibe, dann stellte sich die Frage nach der Aufhebung des Pflichtzölibats so nicht mehr, auch die Diskussion um Frauen als Amtsträgerinnen würde anders geführt als zurzeit.

Ein österreichweiter Katholikentag

Derschmidt plädiert dafür, mit der Pfarrer-Initiative, aber erst recht mit der Kirche(nleitung) in wirklichen Dialog zu treten. Sie fordert - wie schon im Jänner in der FURCHE - dazu einen österreichweiten Katholikentag. In der Sache Ähnliches hatten auch die Ordensoberen Fürnsinn ("Kirchen-Gipfel“) und Felhofer ("neuer ‚Dialog für Österreich‘“) angeregt.

Und solches wollen auch die Pfarrer anstoßen, wie deren Sprecher Helmut Schüller gegenüber der FURCHE erklärte. Die Pfarrer-Initiative erhebe keinen Vertretungsanspruch, sondern die Kirchenleitung müsse sich endlich auf "Gesprächspartner mit Gewicht“ einlassen. Diese Ansage Schüllers und die Forderung von Luitgard Derschmidt, die Laien endlich ernstzunehmen und auf Augenhöhe einzubinden, erscheinen da als komplementäre Anliegen.