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Politik

Die Lebensernte in die Scheune einbringen

1945 1960 1980 2000 2020

Der Personalentwickler Leopold Stieger wirbt seit Jahren für einen Bewusstseinswandel im Hinblick auf die Lebensphase nach der Erwerbsarbeit. In einem schmalen Band hat er die Quintessenz seiner Erfahrungen und Überlegungen launig zusammengefasst.

1945 1960 1980 2000 2020

Der Personalentwickler Leopold Stieger wirbt seit Jahren für einen Bewusstseinswandel im Hinblick auf die Lebensphase nach der Erwerbsarbeit. In einem schmalen Band hat er die Quintessenz seiner Erfahrungen und Überlegungen launig zusammengefasst.

Das Thema "Pension" zählt zu den Dauerbrennern der Innenpolitik - insbesondere (wie gerade wieder in diesen Tagen), aber nicht nur, in Vorwahlzeiten. Kein Wunder, zählt doch der durch die gestiegene und weiter steigende Lebenserwartung bewirkte demografische Wandel unbestritten zu den größen Herausforderungen unserer Zeit.

Dies gilt freilich nicht nur für die Zukunft der sozialen Sicherungssysteme, deren Rahmenbedingungen die Politik entsprechend zu adaptieren gefordert ist; es hat auch einen persönlichen, individualbiografischen Aspekt: Wie gehe ich mit der mir nach dem Ausscheiden aus der Erwerbsarbeit verbleibenden Lebenszeit um? Im Unterschied zu früheren Epochen handelt es sich eben nicht bloß um einen "Lebensabend" von einigen wenigen Jahre, sondern -statistisch erwartbar -um gut ein Viertel des gesamten Lebens. Das ist immerhin so viel wie die gesamte Kindheit und Jugend, gegebenenfalls die ganze Schul-und ein Gutteil der Studienzeit.

Auf diese Perspektive hat sich der Personalentwickler Leopold Stieger in den letzten Jahren spezialisiert. Nach der Übergabe seiner Firma an die Söhne 2004 hat er gewissermaßen an sich selbst ein Exempel statuiert und die Plattform seniors4success gegründet. Die Quintessenz seiner Überlegungen hat der 1939 geborene Stieger in einem schmalen, launig gehaltenen Buch zusammengefasst: "Pension -Lust oder Frust?", so der programmatische Titel. Und es ist nicht schwer zu erraten, dass Stieger der Meinung ist, dass Pension eben nicht "Frust" bedeuten muss, dass es aber zunächst und vor allem (i. e. vor allen Systemfragen und Rahmenbedingungen) auf einen selbst ankommt: "Herzlichen Glückwunsch: Sie sind an der Schwelle zur größtmöglichen Chancen-Realisierung Ihres Lebens angekommen. Jetzt können Sie Ihre Lebensernte in Ihre Scheunen einbringen und haben die Wahl, sie dort sicher zu versperren oder sie zu öffnen, um sie langfristig zu nützen." Mit diesen Worten wendet sich Stieger gleich eingangs direkt an seine Leserinnen und Leser.

Der Traum von der Frühpension

Der von Stieger angestrebte Bewusstseinswandel ist in Österreich offenbar noch schwieriger zu bewerkstelligen als anderswo. Der Traum, möglichst früh in Pension zu gehen, ist nach wie vor weitverbreitet, ungeachtet der Tatsache, dass die Pension dann oft keineswegs der erträumte Idealzustand ist, wie Studien belegen. Aber immerhin, konstatiert Stieger, bewegten sich auch hierzulande die Einschätzungen in die richtige, sprich: realistische Richtung.

Ganz wesentlich für diesen Bewusstseinswandel ist auch eine Haltung, die nicht unmittelbar mit dem Thema zu tun hat: Es geht darum, dem (linken wie rechten) Kulturpessimismus -der letztlich wohl in der Neigung des Menschen, die Vergangenheit zu verklären, wurzelt -zu widerstehen: "Atomkraftwerke, Waldsterben, Klimawandel, genmanipuliertes Essen, Rinderwahn, Bevölkerungsexplosion und Ressourcenknappheit schafften es immer auf Platz 1 der Titelblätter", schreibt Stieger. "Medizinischer und technischer Fortschritt oder wachsender Wohlstand werden hingegen nur ganz selten erwähnt. [] Ist das alles 'Jammern auf hohem Niveau'?" Man muss kein blinder Fortschrittseuphoriker sein - aber wer nur im Blick zurück lebt beziehungsweise im Bewusstsein apokalyptischer Szenarien gefangen bleibt, wird auch und gerade in der letzten Lebensphase kaum Gestaltungskraft aufbringen.

So sehr Stieger an die Verantwortung des Einzelnen appelliert, so lässt er doch auch die Unternehmen nicht aus der Verantwortung. Ihnen fehlten vielfach -auch hier: gerade in Österreich -"sowohl die Konzepte als auch die Bemühungen, sich mit dieser Zielgruppe (der Älteren; Anm.) intensiver auseinanderzusetzen".

Was der Autor in seinem Buch empfiehlt, klingt im Prinzip ganz einfach, manches vielleicht allzu einfach. Allerdings verschweigt auch Stieger nicht, dass es Menschen gibt, denen Schicksalsschläge die Gestaltungsmöglichkeiten stark einschränken. Aber davon, was alles nicht geht, sprechen ohnedies genügend Leute. Stiegers Buch probiert es andersrum. Seine Streitschrift ist ein Remedium gegen das "Jammern auf hohem Niveau".

Pension -Lust oder Frust? Von Leopold Stieger Mit Cartoons von Kristian Philipp New Academic Press 2017,82 S., geb., € 9,90

Das Thema "Pension" zählt zu den Dauerbrennern der Innenpolitik - insbesondere (wie gerade wieder in diesen Tagen), aber nicht nur, in Vorwahlzeiten. Kein Wunder, zählt doch der durch die gestiegene und weiter steigende Lebenserwartung bewirkte demografische Wandel unbestritten zu den größen Herausforderungen unserer Zeit.

Dies gilt freilich nicht nur für die Zukunft der sozialen Sicherungssysteme, deren Rahmenbedingungen die Politik entsprechend zu adaptieren gefordert ist; es hat auch einen persönlichen, individualbiografischen Aspekt: Wie gehe ich mit der mir nach dem Ausscheiden aus der Erwerbsarbeit verbleibenden Lebenszeit um? Im Unterschied zu früheren Epochen handelt es sich eben nicht bloß um einen "Lebensabend" von einigen wenigen Jahre, sondern -statistisch erwartbar -um gut ein Viertel des gesamten Lebens. Das ist immerhin so viel wie die gesamte Kindheit und Jugend, gegebenenfalls die ganze Schul-und ein Gutteil der Studienzeit.

Auf diese Perspektive hat sich der Personalentwickler Leopold Stieger in den letzten Jahren spezialisiert. Nach der Übergabe seiner Firma an die Söhne 2004 hat er gewissermaßen an sich selbst ein Exempel statuiert und die Plattform seniors4success gegründet. Die Quintessenz seiner Überlegungen hat der 1939 geborene Stieger in einem schmalen, launig gehaltenen Buch zusammengefasst: "Pension -Lust oder Frust?", so der programmatische Titel. Und es ist nicht schwer zu erraten, dass Stieger der Meinung ist, dass Pension eben nicht "Frust" bedeuten muss, dass es aber zunächst und vor allem (i. e. vor allen Systemfragen und Rahmenbedingungen) auf einen selbst ankommt: "Herzlichen Glückwunsch: Sie sind an der Schwelle zur größtmöglichen Chancen-Realisierung Ihres Lebens angekommen. Jetzt können Sie Ihre Lebensernte in Ihre Scheunen einbringen und haben die Wahl, sie dort sicher zu versperren oder sie zu öffnen, um sie langfristig zu nützen." Mit diesen Worten wendet sich Stieger gleich eingangs direkt an seine Leserinnen und Leser.

Der Traum von der Frühpension

Der von Stieger angestrebte Bewusstseinswandel ist in Österreich offenbar noch schwieriger zu bewerkstelligen als anderswo. Der Traum, möglichst früh in Pension zu gehen, ist nach wie vor weitverbreitet, ungeachtet der Tatsache, dass die Pension dann oft keineswegs der erträumte Idealzustand ist, wie Studien belegen. Aber immerhin, konstatiert Stieger, bewegten sich auch hierzulande die Einschätzungen in die richtige, sprich: realistische Richtung.

Ganz wesentlich für diesen Bewusstseinswandel ist auch eine Haltung, die nicht unmittelbar mit dem Thema zu tun hat: Es geht darum, dem (linken wie rechten) Kulturpessimismus -der letztlich wohl in der Neigung des Menschen, die Vergangenheit zu verklären, wurzelt -zu widerstehen: "Atomkraftwerke, Waldsterben, Klimawandel, genmanipuliertes Essen, Rinderwahn, Bevölkerungsexplosion und Ressourcenknappheit schafften es immer auf Platz 1 der Titelblätter", schreibt Stieger. "Medizinischer und technischer Fortschritt oder wachsender Wohlstand werden hingegen nur ganz selten erwähnt. [] Ist das alles 'Jammern auf hohem Niveau'?" Man muss kein blinder Fortschrittseuphoriker sein - aber wer nur im Blick zurück lebt beziehungsweise im Bewusstsein apokalyptischer Szenarien gefangen bleibt, wird auch und gerade in der letzten Lebensphase kaum Gestaltungskraft aufbringen.

So sehr Stieger an die Verantwortung des Einzelnen appelliert, so lässt er doch auch die Unternehmen nicht aus der Verantwortung. Ihnen fehlten vielfach -auch hier: gerade in Österreich -"sowohl die Konzepte als auch die Bemühungen, sich mit dieser Zielgruppe (der Älteren; Anm.) intensiver auseinanderzusetzen".

Was der Autor in seinem Buch empfiehlt, klingt im Prinzip ganz einfach, manches vielleicht allzu einfach. Allerdings verschweigt auch Stieger nicht, dass es Menschen gibt, denen Schicksalsschläge die Gestaltungsmöglichkeiten stark einschränken. Aber davon, was alles nicht geht, sprechen ohnedies genügend Leute. Stiegers Buch probiert es andersrum. Seine Streitschrift ist ein Remedium gegen das "Jammern auf hohem Niveau".

Pension -Lust oder Frust? Von Leopold Stieger Mit Cartoons von Kristian Philipp New Academic Press 2017,82 S., geb., € 9,90