Die Mitte neu definieren

Die Kunst guter Politik wäre es, eine ausgewogene Balance zu schaffen zwischen Freiheit, Nachhaltigkeit und Menschlichkeit. Denn in gewisser Weise setzen sie einander voraus.

Der Begriff des "Bürgerlichen" hat sich abgenützt, sagt alles und zugleich nichts. Der gesellschaftlichen Komplexität und Dynamik wirklich gerecht zu werden, hieße die politische Mitte neu zu definieren. Wir haben es oft mit Glaubensfragen oder persönlichen Vorlieben, mit Wahrscheinlichkeiten und Wechselwirkungen zu tun. Das Zeitalter des Wissens dürfte sich dem Ende nähern. Urteilsvermögen wird wichtiger, die Bereitschaft zu differenzieren. Und Kommunikation ist immer weniger eine Frage der Technologie; eher der Fähigkeit, mit anderen umzugehen. Von Beziehungen statt Strukturen. Das Medium selbst ist nicht mehr die Botschaft.

Selbststeuerung fördern

In einer Demokratie kann niemand eigene Vorstellungen vollständig verwirklichen. Doch allergrößter Fortschritt entsteht oft aus Widersprüchlichem. Um Ambivalenz oder Infragestellung durch andere zu vermeiden, kommt es allerdings mitunter zu einer Polarisierung in Extrempositionen. Ziel einer Politik der Mitte könnte vor allem die Förderung der Fähigkeit der Gesellschaft zur Selbststeuerung sein. Erster Schritt wäre es, verschiedene Steuerungsinstanzen zu akzeptieren, anstatt einzelnen den Alleinvertretungsanspruch zuzugestehen. Stabilität und Frieden wären vielleicht am höchsten, wenn alle möglichst gleich viel zu verlieren hätten. Empfundene Gerechtigkeit kann dabei wichtiger sein als objektive.

Unsere Institutionen stoßen an Grenzen ihrer Belastbarkeit - wir können uns immer weniger auf sie verlassen. Die Gesellschaftsverträge bedürfen einer Erneuerung. Dabei müsste das Individuum mehr Verantwortung übernehmen, deshalb auch mehr Freiraum erhalten.

Freiraum und Verantwortung

Freiraum entsteht letztlich dadurch, dass er nicht ausgenützt wird ... Intoleranz oder Gier sind oft Symptome von Vertrauensmangel. Der wichtigste Freiraum wäre wohl jener, Eigenart ungehindert ausleben und Anlagen entwickeln zu können. Daraus folgten ganz spezifische Bedürfnisse; diese mit möglichst geringem Aufwand zu befriedigen, wäre ein weiteres Ziel, anstatt alle vorhandenen Ressourcen zu verbrauchen, um maximalen Output zu erzielen, während menschliche Potenziale brach liegen. Subsidiarität - im Spannungsfeld zwischen Individuum und Gemeinschaft - bedeutete nicht zuletzt Selbstleistung vor Fremdleistung. Sie wäre Voraussetzung für Nachhaltigkeit. Und Gemeinschaft könnte als Summe konzentrischer Kreise gesehen werden - in deren Mitte jeder als Einzelner steht; mit abnehmendem Solidarisierungsgrad. Wir haben Weltverantwortung, vorher aber Verantwortung gegenüber Nahestehenden.

Globalisierung heißt, mit der ganzen Welt kommunizieren und Handel treiben zu können - nicht zu müssen. Wirklich wettbewerbsfähig wäre, wer möglichst unabhängig für sich selbst sorgen kann und nicht mehr erwartet, als er selbst zu geben bereit ist. Wer sein persönliches Potenzial voll ausschöpft, tut andererseits nicht nur etwas für sich. Umfassende, materielle und immaterielle Wertschöpfung als zentrales Politikziel? Auch die eu könnte als Wertschöpfungsgemeinschaft betrachtet werden, statt Werte und Wirtschaft gegeneinander auszuspielen. Wertschöpfung sollte die Welt nachhaltig bereichern: um Probleme zu lösen, Bedürfnisse zu befriedigen. Oberstes Kapital wären die Fähigkeiten der Menschen, mit dem Ziel, natürliche wie menschliche Ressourcen möglichst kreativ und wirkungsvoll zur Geltung zu bringen.

Wer definiert eigentlich Erfolg? Zufriedenheit hängt von Erwartungen ab, ist also relativ. Bereits der Moralphilosoph und Ökonom Adam Smith hat inneren Frieden als höchstes Gut bezeichnet. Vom inneren profitiert letztlich der globale Frieden. Sich bescheiden zu können, bedeutet oft, sich nicht zu verkaufen. In unseren Konsumentscheidungen liegt quasi demokratische Macht. Doch während die einen auf Machbarkeit durch monetäres Wachstum und Fortschritt setzen, scheinen andere noch immer an die Regulierbarkeit der Gesellschaft per Gesetz und Vorschrift zu glauben ... Möglicherweise bedarf es einer Neudefinition unseres Freiheitsbegriffes. Schon Nietzsche sagte: "Dem wird befohlen, der sich nicht selbst gehorchen kann." Je mehr Verantwortung wir freiwillig übernehmen, desto weniger Vorwand liefern wir anderen, uns zu bevormunden.

Die natürliche Mitte

Vielleicht hat Mitte auch etwas mit Natürlichkeit zu tun. Mit Bewusstsein für Zusammenhänge und die Folgen eigenen Verhaltens. Der Mensch als Teil der Natur. Nachhaltigkeit und Menschlichkeit sind schwer zu trennen. Natur könnte auch Spiegel der Gesellschaft sein - wie der Körper für den Einzelnen. Letztlich führt dies zur Frage: Bestimmung oder Zufall? Warum sollte es nicht beides geben? Warum soll Gott nicht zumindest manchmal würfeln - oder wenigstens zulassen, dass es andere tun? Auch für den freien Willen wäre Platz: Schicksal als Kräfteparallelogramm zwischen Bestimmung und freiem Willen ...

Doch manche Hirnforscher behaupten, der Mensch habe keinen freien Willen. Evolutionsbiologen wiederum meinen, alles sei Zufall. Sind also der Mensch und sein Leben unfreiwillige Zufallsprodukte? Warum sollte es nicht Rahmenbedingungen geben, innerhalb derer sich jeder seinem Gewissen und Verstande gemäß frei entscheiden kann? Oder auch in der Wirtschaft: Warum sollte es zwischen Planwirtschaft und Shareholder Value nicht die Zielsetzung eines Customer Value oder "Kunden-Nutzen" geben - den zu optimieren und dabei zahlungsfähig zu bleiben sogar noch wichtiger sein könnte als Gewinnmaximierung für Aktionäre, wie etwa der Management-Berater Fredmund Malik meint.

Phantasie für das Ganze

Dynamische Mitte: die Füße am Boden, zugleich Phantasie für Mögliches. Pragmatisch nicht aus Opportunismus, sondern weil man den eigenen Prinzipien so am besten dienen kann. Immer das größere Ganze im Auge, speziell in den Volksparteien. Es bedarf nicht unbedingt großer Koalitionen; man müsste lediglich bereit sein, größere Bögen zu spannen. Parteien stehen für Kollektive. Eine repräsentative Demokratie sollte auf Personen bauen als unmittelbare Vertreter ihrer Wähler. Direkt legitimierte Mandatare, die die Vielfalt der Gesellschaft abbilden und dementsprechend abstimmen. Links und Rechts existieren oft als Vorstellungen. Mitte eher im Gespür für Zusammenhänge. Durch gesunden Menschenverstand, Geistesgegenwart, Weltoffenheit.

Der Autor ist freier Publizist.

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