Die Mutter Courage von Siebenbürgen

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Im Dorf Rusciori ist vieles anders. Die Roma-Kinder besuchen höhere Schulen, ihre Eltern gehen arbeiten. Ein Grund dafür: Hermine Jinga-Roth, eine Siebenbürger Sächsin, die 1990 ein Bildungsprojekt gestartet hat. Eine Reportage.

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Im Dorf Rusciori ist vieles anders. Die Roma-Kinder besuchen höhere Schulen, ihre Eltern gehen arbeiten. Ein Grund dafür: Hermine Jinga-Roth, eine Siebenbürger Sächsin, die 1990 ein Bildungsprojekt gestartet hat. Eine Reportage.

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Auf den ersten Blick ist Rusciori bei Hermannstadt in Siebenbürgen ein Dorf wie viele in Rumänien. 700 Einwohner, eine Kirche, eine Dorfschule. Und eine unsichtbare Grenze zwischen zwei Welten: Die Welt der Rumänen und die der Roma. "Rumänen" hier, "Roma" dort: Allein die Begriffe, die verwendet werden, verraten viel. Denn natürlich sind die Roma auch Rumänen. Und doch ist hier etwas ist anders. 26 junge Roma, die in Rusciori leben, besuchen weiterführende Schulen oder lernen einen Beruf. Viele Erwachsene arbeiten: Sie schaffen auf dem Bau, bewirtschaften Felder. Sie bewegen sich in kleinen Schritten Richtung Mitte der Gesellschaft.

Kürzlich berieten Beamte, Roma-Vertreter und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen im Rathaus von Hermannstadt, wie man die Roma integrieren kann. Irgendwann stand der Polizeichef auf und sagte, es gebe ein einziges Dorf in der Gegend, in das seine Leute schon lange nicht mehr gerufen wurden, um Streit zwischen Rumänen und Roma zu schlichten: Rusciori. "Und wissen sie warum?", fügte er hinzu. "Wegen dieser alten Sächsin."

Hermine Jinga-Roth, 75 Jahre alt, das Haar streng hochgebunden, schmunzelt, wenn sie diese Anekdote erzählt. Selten würdigen Menschen ihr Engagement für die Roma. Sie und ihre Mitarbeiter helfen bei Hausaufgaben und Bewerbungsschreiben, sie organisiert Mittagessen und unterstützt sie bei Behördengängen.

Es ist Punkt 13 Uhr, als die Glocke vor dem alten Pfarrhaus läutet, und 40 Kinder zu den Wasserhähnen stürmen: Hände waschen. Wenig später sitzen sie an langen Holztischen und schöpfen sich Kartoffelsuppe auf die Teller, beten gemeinsam, greifen zu den Löffeln und essen. Hermine-Jinga Roths Blick wandert durch die Reihen. Hält ein Kind den Löffel falsch, gibt sie ihm Nachhilfe. Und wenn ein Kind "Domna" zu ihr sagt, statt "Doamna", wie man die höfliche Anrede einer Dame richtig ausspricht, korrigiert sie es. Lässt es zwei, drei Mal "Doamna" sagen, bis das Wort sitzt.

Systematische Ausgrenzung

Keine Minderheit in Südosteuropa wird so systematisch ausgegrenzt wie die Roma. "Sie waren bis vor 150 Jahren noch sogenannte 'Robi', also Sklaven", sagt Hermine Jinga-Roth. 1856 wurde die Sklaverei in Rumänien abgeschafft. Die Roma wurden von den Höfen gejagt und gingen auf Wanderschaft. Jinga-Roth möchte, dass die Roma einen Platz in der modernen Gesellschaft finden. Deshalb hat die pensionierte Lehrerin ein Tageszentrum gegründet. Mittagessen, Hausaufgabenhilfe, Sport und Spiel. Das Angebot richtet sich an alle Kinder im Dorf, doch die Eltern der rumänischen Kinder möchten nicht, dass ihr Nachwuchs mit den Roma spielt. Also kommen eben nur die Roma. Wer Roma helfen will, muss zum einen die Sprüche der "Skeptiker" aushalten, die in Wahrheit Rassismus verbreiten - etwa wenn sie sagen, Arbeit liege den Roma eben nicht im Blut. Das Stehlen schon eher. Doch wie viele Roma leben, resultiert nicht aus einer genetischen Bestimmung, sondern ist Ergebnis einer jahrhundertealten Sozialisation.

Wer Roma helfen will, muss aber auch die Widerstände der Roma aushalten. So beklagte sich eine Mutter bei Jinga-Roth: Ihre Kinder wollten neuerdings jeden Abend die Zähne putzen. Eine andere erzählte, es gebe Zoff zu Hause: Der Vater hatte beim Essen den Kopf auf die Hand gelehnt. Da sagte der Sohn: "So sitzen nur Säufer am Tisch!" Jinga-Roth schmunzelt und sagt: "Vielleicht muss ich mich ein wenig zügeln."

Wer Roma helfen will, trifft immer wieder auch auf Menschen, die sagen, man dürfe die Roma-Kultur nicht zerstören durch zu viel Zwang zur Anpassung. Ihre Sprache, ihre Handwerkskunst, ihre Musik, ihr Tanz müssen geschützt werden. "Die Kultur schon", sagt Jinga-Roth. "Die Armut nicht." Und sie erzählt, wie das Projekt entstand.

1990 war das, direkt nach dem Sturz Ceausescus. Hermine Jinga-Roth, damals Leiterin der Deutschen Schule in Bukarest, kündigte ihre Stelle und mietete das leer stehende Pfarrhaus in Rusciori. Nun soll das Tageszentrum weiter ausgebaut werden. Hier soll es künftig auch Nachhilfe für Schüler ab der fünften Klasse und Alphabetisierungskurse für Erwachsene geben. Im Gemeinderat gab es Widerstand gegen die Pläne. Doch als Jinga-Roth anbot, Rusciori zu verlassen, bat man sie, zu bleiben. Wer den Roma helfen will, braucht einen langen Atem. "Man muss sich reinknien", sagt Hermine Jinga-Roth.

Am Nachmittag feiern die Viertklässler ihren Abschied aus dem Tageszentrum. Sie tragen traditionelle Gewänder und führen Roma-Tänze auf. Später sitzen sie zusammen und Hermine Jinga-Roth fragt sie, was sie werden möchten. Ein Junge sagt "Chauffeur", ein Mädchen "Köchin". Ein Mädchen sagt: "Ich möchte Ärztin werden.""Dann wirst du viel lernen müssen", entgegnet Hermine Jinga-Roth. Das Mädchen nickt.

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