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Die österreichisch-türkische Verstimmung

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Seit dem Putschversuch in Ankara kriselt es zwischen der Türkei und Österreich. Am meisten spüren das die Austrotürken, von denen nicht alle Erdogan-Anhänger sind.

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Seit dem Putschversuch in Ankara kriselt es zwischen der Türkei und Österreich. Am meisten spüren das die Austrotürken, von denen nicht alle Erdogan-Anhänger sind.

Es ist verdächtig ruhig geworden. Nach dem Putschversuch in der Türkei Mitte Juli gingen die Wogen hoch, inzwischen scheint Waffenstillstand zwischen Österreich und der Türkei zu herrschen. Dabei von einer langfristigen Deeskalation zu sprechen, ist aber zu optimistisch. Wie schnell das Fass zum Überlaufen gebracht werden kann, haben die Ereignisse im Sommer gezeigt: Als in der Nacht des verhinderten Staatsstreichs tausende Austro-Türken in Wien und Vorarlberg für Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan protestierten und die österreichische Regierung türkische Migranten aufforderte, in ihre Heimat zurückzukehren. In den nächsten Wochen verging kein Tag ohne Negativmeldung: Vom Abzug des türkischen Botschafters über die Forderung von Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ), die EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei abzubrechen, bis hin zu dubiosen Meldungen Erdogan-naher Vereine, dass die meisten Austrotürken Österreich am liebsten verlassen würden.

"Ich fühle mich in Wien heimisch. Wir haben hier eine Wohnung gekauft, sind ansässig geworden", erzählt Sena M. (Name der Redaktion bekannt). Die gebürtige Türkin ist 2005 wegen des Studiums von Istanbul in die Bundeshauptstadt gekommen - und geblieben. Hier hat die 30-Jährige ihren ebenfalls türkischen Mann getroffen, geheiratet, einen Job gefunden. Die beiden sehen ihre Zukunft hier - eigentlich. "Doch ich bin bereit, zu gehen", räumt sie ein, und man merkt an ihren glasigen Augen, wie sehr ihr das Thema nahe geht. "Wir haben keine Ausgrenzung erlebt, aber wie wird es unseren künftigen Kindern ergehen? Was mache ich, wenn die Situation schlimmer wird? Wenn Hofer Präsident wird? Ich habe diese Angst und muss eine zweite Option im Kopf haben. "

Niedrige Bildungsabschlüsse

M. ist mit ihren Sorgen nicht allein. Wie sie leben 116.000 türkische Staatsbürger und mehr als 250.000 Personen mit türkischen Wurzeln in Österreich. Damit stellen sie die drittgrößte Gruppe ausländischer Staatsbürger. Davon leben knapp 40 Prozent in Wien. Vor allem in Bezirken wie Ottakring oder Favoriten haben sich in den 1960er-Jahren Gastarbeiter angesiedelt. Mittlerweile leben die nächsten Generationen dort - und kämpfen mit Problemen: Im Vergleich zu anderen Migrantengruppen haben die Türken durchschnittlich die niedrigsten Bildungsabschlüsse. Die Arbeitslosenquote ist mit 19,8 Prozent höher als der österreichische Durchschnitt. 23 Prozent der Türken waren 2014 armutsgefährdet. Neun Prozent sind manifest arm. Die Lebenssituation hat sich laut einer GfK-Erhebung in den letzten fünf Jahren für ganze 43 Prozent verschlechtert. Knapp die Hälfte aller Austro-Türken gaben an, dass sie "immer oder eher diskriminiert werden", weil sie Zuwanderer sind.

"Die Stimmungslage in der Community ist derzeit alles andere als ideal", beobachtet Kemal Boztepe von der Wiener Magistratsabteilung 17 für Integration und Diversität, warnt aber vor einer Pauschalierung: "Es wird zu oft außer Acht gelassen, dass die Türken ja keine homogene Gruppe sind. Die Mehrheit ist im Arbeitsprozess integriert, zahlt Steuern und ist Teil der Gesellschaft." Tatsächlich sind die früheren Gastarbeiter nicht mit jenen in einen Topf zu werfen, die zur sozialen Mittelschicht aufgestiegen sind. "Wenn wir über Türkeistämmige sprechen, über welche Gruppe reden wir", möchte auch Soziologe Kenan Dogan Güngör, Leiter von "think.difference. Büro für Gesellschaft, Organisation, Entwicklung", differenzieren. "Über jene, die performt oder über jene, die den sozialen Aufstieg nicht schafft? Die zwei Tendenzen gibt es." Dass anfangs ausschließlich Menschen aus bildungsfernen Schichten nach Österreich geholt worden sind, erkläre, warum die Integration bei einem Teil der Immigranten gescheitert scheint.

Sichtbarkeit von Migranten

Dazu komme noch die kulturelle Distanz durch den derzeit sehr problematisch besetzten Islam sowie die Sichtbarkeit dieser Migrantengruppe. "Menschen aus Bosnien oder den USA fallen auf der Straße nicht auf", meint er, "aber eine dunklere Hautfarbe wird immer als fremd wahrgenommen".

Was für Türken in ganz Europa gilt, scheint sich hierzulande stärker als andernorts bemerkbar zu machen. Gerade in Österreich ist Güngörs Beobachtung nach die Skepsis gegenüber Türken seit jeher groß, werden doch historische Ereignisse wie die Türkenbelagerung immer wieder mit einem negativen Gegenwartsbezug aufgegriffen. Diese Ressentiments spüren auch die Menschen mit türkischen Wurzeln: Während sich türkische Immigranten in den Niederlanden oder in Deutschland mit ihrer Wahlheimat emotional verbunden fühlen, sei das in Österreich weniger der Fall.

"Türkischstämmige schätzen zwar die Bildungsmöglichkeit, Sicherheit und Demokratie in Österreich", zitiert Güngör verschiedene Studien, "man schätzt das Land, ohne sich aber stark emotional verbunden zu fühlen." Es sind diese seit jeher vorhandenen Kratzer in der Beziehung, die aktuell zu scheinbar unüberwindbaren Gräben geschaufelt werden -auf beiden Seiten. "Einerseits hat der Islam in den letzten zehn Jahren durch den Terror ein schlechtes Image bekommen, und Erdogans zunehmend anti-demokratische Tendenzen führen zu einer steigendenden Türkei-Skepsis", so Güngör, "andererseits gehört es immer mehr zum Narrativ des türkischen Staatsapparats, dass die Türkei von äußeren Feinden umgeben ist. Österreich zählt zu den EU-Ländern, die sich seit längerem zur Türkei kritisch positionieren. Das bringt Türkischstämmige in Österreich in einen Loyalitätskonflikt - sie wissen nicht, auf welcher Seite sie stehen sollen."

Tatsächlich ist die türkische Community in Österreich hinsichtlich der aktuellen Lage in der Türkei gespaltener als je zuvor. "Ich möchte lieber nicht über Politik reden", hört man auf dem Wiener Brunnenmarkt immer wieder. Sei es aus Unwissenheit, wegen der Zensur in den türkischen Medien oder aus Angst vor Denunziation von in der Türkei lebenden Verwandten. "Ich liebe Erdogan, er hat die Türkei wieder groß gemacht", halten andere ihre Begeisterung nicht zurück. Auf den ersten Blick scheinen die AKP und ihr Präsident in der türkischstämmigen Gruppe in Österreich mehr Anhänger als Kritiker zu haben: 70 Prozent haben zuletzt die Partei gewählt.

Nicht lauter AKP-Befürworter

Mit einer "Erdoganisierung" habe das aber nichts zu tun, meinen Experten. "Von den 107.000 Wahlberechtigten in Österreich haben nur rund 43.000 ihre Stimme abgegeben", sagt Boztepe von der Magistratsabteilung 17, "das heißt, nur etwa ein Drittel konnte für die Wahl mobilisiert werden. Daraus kann ich nicht ableiten, dass alle Türken AKP-Anhänger sind." Und selbst die konservativ-islamischen Fans Erdogans sollte man nicht in eine radikale Ecke drängen, bekräftigt Kenan Güngör: "Der Großteil sieht mit Erdogan nur den wirtschaftlichen Aufschwung, dass er der Türkei und dem Islam zu neuer Größe verholfen hat." Wie wichtig letzteres für das Selbstbewusstsein der Austro-Türken ist, kann die Erdogan-kritische M. aus ihrem Umfeld nur bestätigen. "Die meisten fühlen sich hier in Österreich wie Menschen zweiter Klasse", meint sie, "für sie ist die Religion umso relevanter. In meinem Umfeld in der Türkei ist dem nicht so. Die türkische Gesellschaft ist zwar konservativer geworden, die Auslands-Türken sind aber noch weit konservativer."

Während die nationalistisch-islamistische Machtbotschaft der türkischen Regierung hierzulande die Stimmung "aufheizt" und einen Keil zwischen die Gruppen treibt, liegt die wahre Gefahr andernorts. "Das wirkliche Drama findet in der Türkei statt", betont Kenan Güngör, "hier driftet alles auseinander und läuft in Richtung Diktatur." Dass sich Erdogan vom Sicherheitsrat die Verlängerung des Ausnahmezustands empfehlen ließ, sei nur ein Zeichen für den Ernst der Lage. Umso mehr plädieren Experten an die EU im Allgemeinen und an Österreich im Besonderen, sich mit anti-türkischen Ressentiments zurückzuhalten, zur Sachlichkeit zurückzukehren und gemeinsam an einer Deeskalation zu arbeiten. Die Gräben sind schon tief genug.

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