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Die prekäre Lage der Frauen in Afghanistan

Die rechtliche Situation von Frauen und Mädchen in Afghanistan ist nach wie vor erschütternd. Die UN versuchen, die Lage zu verbessern. Doch diskriminierende Traditionen erweisen sich als hartnäckig. Ein Lokalaugenschein.

Sima ist 15, doch sie sieht sogar noch jünger aus. Ich traf sie diesen Monat in Kabul, in der Abteilung für weibliche Jugendstraftäter des Badam-Bagh-Gefängnisses. Sie spricht nicht viel, aber in ihren Augen ist das Leid deutlich abzulesen. Ein Anwalt der Verteidigung erzählte mir später, dass sie wahrscheinlich vergewaltigt wurde.

Warum ist Sima im Gefängnis? Das Mädchen wurde mit einer Gefängnisstrafe belegt, weil sie der häuslichen Gewalt entfliehen wollte. Etwa die Hälfte aller in afghanischen Gefängnissen inhaftierten Frauen haben das gleiche "Verbrechen“ begangen. Manche bekommen sogar ihre Kinder während der Haft, einige der jüngsten Mädchen sind nicht älter als 12 Jahre. Nach einem Aufenthalt im Gefängnis werden die meisten Frauen weder von ihrer Familie noch ihrer Gemeinde wieder aufgenommen.

Erschütternder Bericht

Zehn Jahre nachdem die Taliban aus Kabul geflohen sind, nachdem neue Gesetze, neue politische Regeln und Entwicklungshilfe das Land erreicht haben und durchaus Verbesserungen für die afghanischen Frauen mit sich gebracht haben, gibt es immer noch tief verwurzelte Herausforderungen. Das Büro der Hohen Kommissarin der Vereinten Nationen für Menschenrechte (UNHCR) hat kürzlich einen Bericht über die diskriminierende, traditionelle Behandlung von Frauen und Mädchen in Afghanistan veröffentlicht. Die Ergebnisse sind erschütternd: Etwa die Hälfte der Frauen werden verheiratet, bevor sie 15 Jahre alt sind; Schätzungen zufolge sind etwa 70 bis 80 Prozent aller Eheschließungen erzwungen; der Verkauf oder der Eintausch von Mädchen zur Konfliktlösung ist gängige Praxis und nur 12 Prozent der afghanischen Mädchen über 15 können Lesen und Schreiben. Dass sie häufig Gewalt und Missbrauch ausgesetzt sind, überrascht angesichts dieser Fakten nicht. Afghanistan hat die Konvention zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau zwar ratifiziert, aber der Umsetzungsbericht steht schon lange aus. Vor Kurzem wurde ein Gesetz zur Beseitigung der Diskriminierung von Frauen verabschiedet, jedoch gestaltet sich die Durchsetzung als echte Herausforderung: Betroffene Frauen haben oft Angst, zur Polizei zu gehen - immerhin sind 99 Prozent der Beamten männlich.

Wohin können sie sich als Opfer von Gewalt dann noch wenden? Verzweifelte Frauen begehen nur zu oft Selbstmord, immer mehr durch Selbstverbrennung. Diejenigen, die den Mut haben wegzulaufen und Hilfe bei ihrer Familie zu suchen, werden fast immer zu ihrem gewalttätigen Mann oder ihren Eltern zurückgeschickt. Wenn sie Unterschlupf bei Nachbarn oder Freunden finden, droht ihnen eine Anklage als Ehebrecherin ( zina = Ehebruch). Die Bestrafung sei weder gesetzlich, noch durch die Scharia geregelt, die Zeugen verlange, erklärten mir Experten. Sie stütze sich lediglich auf eine Bestimmung des Obersten Gerichtshofs von Afghanistan. Der einzige Zufluchtsort für Opfer sind demnach Frauenhäuser, die von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) betrieben werden. Doch auch sie waren gerade erst durch afghanische Behörden von Schließung bedroht.

Während meines Aufenthaltes in Afghanistan besuchte ich die älteste dieser Frauenunterkünfte und sprach mit Mädchen und Frauen, die dort Zuflucht gesucht hatten. Ihre eindringlichen Bitten, sich für den Erhalt der Frauenhäuser einzusetzen, haben mich tief berührt. Schließlich sind diese Notunterkünfte der einzige Ort, an den sie gehen können. "Wenn es sie nicht mehr gibt, habe ich keinen anderen Ausweg als mich umzubringen“, gestand mir eine junge Frau.

Bei meinem Treffen mit Präsident Karzai habe ich die Not der Frauen angesprochen und er versicherte mir, dass die Frauenunterkünfte erhalten bleiben werden. Ebenso sprach er sich für eine finanzielle Unterstützung der Regierung für Frauenunterkünfte aus, die von Nichtregierungsorganisationen betrieben werden.

Beobachtungen fortsetzen

Nun hat der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen eine Resolution zur Verlängerung des Mandats für die Unterstützungsmission der Vereinten Nationen in Afghanistan (UNAMA) beschlossen. In der einstimmig angenommenen Resolution wurde UNAMA mandatiert, seine Aktivitäten bis 23. März 2012 fortzusetzen - dazu gehört auch die Beobachtung der Menschenrechtslage im Land.

Frauen an den Verhandlungstisch

In der Resolution heißt es, die andauernde Diskriminierung von Frauen und Mädchen werde "scharf verurteilt“, die Rechte der Frauen müssten weiterhin gestärkt und Frauenunterkünfte unterstützt werden. Auch eines der wichtigsten Probleme wurde hier angesprochen: Die Gleichstellung der Frau in Afghanistan und die Vermittlung des Verständnisses, dass Frauenrechte ein essentieller Bestandteil im Friedens- und Wiederaufbauprozess sind. Wenn Frauen der Zugang zu Bildung, politischem Leben und dem öffentlichen Verwaltungs- und Rechtssystem weiterhin verwehrt bleibt, werden Gewalt und Diskriminierung gegen sie nie enden und ihre Menschenrechte nicht geschützt werden können. Nur wenn sie aktiv an Friedensgesprächen teilnehmen, können sie sicherstellen, dass auch die kleinsten bisher erreichten Erfolge nicht mehr verhandelbar sind. Der Leiter der UNO-Mission, Staffan de Mistura betonte, der Schlüssel zum Erfolg in Afghanistan sei auch, "das Jahr 2011 zu einem Jahr zu machen, in dem sich der Schutz für die Zivilbevölkerung rapide verbessert“.

Um nachhaltigen Frieden und Gerechtigkeit zu schaffen, müssen sowohl Taliban als auch Frauen am Verhandlungstisch sitzen und an den Entscheidungen über die Zukunft Afghanistans beteiligt sein.

* Der Autor ist Beigeordneter Generalsekretär für Menschenrechte bei den Vereinten Nationen.

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