Die radioaktive Wolke aufspüren

Wenn heute ein Atomreaktor in Europa explodiert, machen sich in Österreich Spürteams auf Strahlensuche - von der Luft aus.

Im nuklearen Ernstfall soll alles so schnell wie möglich gehen: jeweils ein Hubschrauber, zwei speziell geschulte Polizisten, ein Laptop, vier Sonden - alles zusammengepackt und Abflug. Die solcherart ausgerüsteten "Spürteams" sollen den Durchzug einer radioaktiven Wolke lokalisieren und entsprechende Evakuierungs-beziehungsweise Vorsichtsmaßnahmen punktgenau durchgeben. Und Österreich hat diesbezüglich aufgerüstet: Zusätzlich zum bewährten Frühwarnsystem werden nun vom Innenministerium satellitengestützte Systeme mit automatischer Positions-und Messdatenerfassung eingesetzt.

Immer einsatzbereit

Entwickelt wurde das System im Austrian Research Center Seibersdorf. Insgesamt zehn dieser hoch empfindlichen Geräte stehen den fliegenden Strahlenschutzexperten zur Verfügung. Vorteil des Systems: Es basiert auf einem einfachen, überaus benutzerfreundlichen Prinzip, die Piloten benötigen keine Spezialausbildung - und es kann innerhalb weniger Minuten in einem Hubschrauber installiert werden.

So bald die Meldung über einen Atom-Unfall bekannt wird, erfolgt die Alarmierung der Spezialisten. Ein "Spürteam" besteht aus zwei Mann. "Die Teams sind innerhalb von ein bis drei Stunden startbereit", erklärt Günter Timal, Leiter der Zivilschutzschule in Traiskirchen.

Besser als vom Boden aus

Geflogen wird in 80 Meter Höhe mit 80 Stundenkilometern. Timal: "Jeder Hubschrauber kann einen Streifen von 150 Meter Breite abtasten. Im Notfall kann dieser auf 500 Meter erweitert werden." Ab Herbst 2006 werden die Strahlenspürer nach einem önorm-zertifizierten Ausbildungssystem geschult. Zivilschutzexperte Timal: "Unser Vorteil ist, dass es sich um keine stehende Truppe handelt. Die Kollegen werden nur bei Anlassfällen herangezogen."

Eine Stunde für Steiermark

Selbst 20 Jahre nach Tschernobyl können die Detektoren heute noch genaue Unterschiede bei der Strahlenbelastung in Österreich messen. Ein Hubschrauber erreicht eine Spürleistung, die rund 4.000 bis 6.000-mal höher ist als die von am Boden eingesetzten Detektoren. Und ein weiterer großer Vorteil: In einer Stunde können von der Luft aus 15 Tausend Quadratkilometer durchkämmt werden - das entspricht fast der Größe der Steiermark.

Egal woher die radioaktive Wolke kommt, an den österreichischen Messstationen kommt sie nicht vorbei. Außerdem hat die ukrainische Reaktor-Katastrophe vom 26. April 1986 auch für eine internationale Sensibilisierung gesorgt. Zu einigen Kernkraftwerken - wie etwa zum slowakischen Bohunice oder zum slowenischen Krsko - besteht mittlerweile sogar eine Online-Verbindung. Bilaterale Nuklearinformationsabkommen gibt es mit der Schweiz, Deutschland, Tschechien, Slowakei, Ungarn, Slowenien, Polen, Ukraine, Russland und Weißrussland.

Aufhalten kann man eine radioaktive Wolke zwar auch mit der modernsten Technik nicht, aber so rasch wie möglich zu wissen, woher sie kommt und wohin sie zieht und wo die Strahlung am stärksten ist, kann die Gesundheit vieler Menschen schützen.

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