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Die Richterin der Kinder

1945 1960 1980 2000 2020
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Den roten Teppich meidet sie, und in den Hauptnachrichten sieht man sie kaum. Trotzdem ist Renate Winter eine der angesehendsten Österreicherinnen. Die Kinderrechtsexpertin wurde am 18. Dezember in New York in den UNO-Kinderrechtsausschuss gewählt - als erste Österreicherin überhaupt. 15 Kandidaten standen für neun Plätze zur Wahl, Winter erhielt die zweithöchste Stimmenanzahl. Ihre Amtsperiode im wichtigsten Kinderrechtsgremium der Welt beginnt am 1. März.

In einem Alter, in dem andere längst den Ruhestand genießen, engagiert sich die 67-jährige Wienerin unermüdlich für den Schutz der Kinder - wie schon in den vergangenen 35 Jahren. Fünfzehn Jahre lang ist Winter Jugendrichterin in Wien. 1984 gründet sie gemeinsam mit Sozialarbeitern die NGO "WOBES“, die sozial verwaisten Jugendlichen Strukturen gibt, und sie so vor der Untersuchungshaft bewahrt. Das Projekt wird heute vom Fonds Soziales Wien weitergeführt. Später berät sie Regierungen auf vier Kontinenten bei der Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention. Dabei kommt ihr ein Dolmetsch-Diplom zugute: Neben Englisch spricht sie fließend Französisch, Spanisch und Niederländisch. Als UNO-Richterin im Kosovo hat Winter mit minderjährigen Kriegsopfern und Kindersoldaten zu tun. Diese Problematik begegnet ihr in Sierra Leone wieder, wo sie seit zehn Jahren am Sondertribunal über Kriegsverbrechen urteilt.Von 2008 bis 2010 leitet sie den Sondergerichtshof. Dorf trifft sie Kriegsherren, die ihr ins Gesicht sagen: "Es gibt keine billigeren Waffen als Kinder. Wenn heute 200 meiner Kinder umgebracht werden, ist das egal - morgen kann ich 2000 neue haben.“ Die Situation hat sich mittlerweile - auch durch Winters Arbeit - verbessert: Es gibt nun ein neues Kinderrecht, einen Kinderschutz und drei neue Gesetze, die das Familienrecht regeln: "Kinderrechte können einen Anfang darstellen und zum Umdenken bewegen“, ist Winter überzeugt.

Ihre Erfahrungen aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen werden im UN-Kinderrechtsausschuss von großem Nutzen sein. Das Gremium überwacht die Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention in den 193 Vertragsstaaten, die regelmäßig Berichte abliefern. "Wenn ich einen Bericht aus einem Land, in dem ich war, lese, dann lese und deute ich den richtig“, sagt Winter. Als Juristin ist sie im bunt zusammengewürfelten Expertenpool zudem besonders wichtig: Gerade wird an der Umsetzung des dritten Zusatzprotokolls gearbeitet, das Rechtsmittel ermöglichen soll und daher juristische Expertise benötigt. An der neuen Aufgabe reizt Winter vor allem das Weichenstellen - bei den Beratungsarbeiten in den Ländern sei sie auch an Grenzen gestoßen: "Dort kannst du nur so viel tun, wie die Regierung getan haben will. Du kannst helfen, beraten aber nicht normieren und sagen: ‚Das muss so geschehen.‘ Das Kinderkomitee kann das schon.“

Inspirierierend findet Winter die südafrikanische Juristin Navi Pillay. Während der Apartheid gründete die eine Anwaltskanzlei und kämpfte gegen die Rassentrennung. Später wurde sie Richterin am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag, jetzt ist sie Hohe Kommissarin der Vereinten Nationen für Menschenrechte. Unermüdliches Engagement im eigenen Land, dann internationale Strafgerichtsbarkeit nun ein hohes UN-Amt - Pillay und Winter haben ähnliche Stationen zurückgelegt. Und beide zählen zu den angesehendsten Frauen ihres Landes. Obwohl man sie nur selten im Fernsehen sieht.