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Die Verflechtung nimmt rasch zu

Globalisierung - ein Kampfthema, das zu Straßenschlachten mit Toten und Verletzten geführt hat. Im folgenden Dossier wird deutlich: Umstritten ist nicht so sehr die internationale Verflechtung an sich, sondern die Art, wie sie heute vorangetrieben wird.

Besuch am Wiener Blumengroßmarkt in Inzersdorf: Azaleen, Gladiolen, Rosen in allen Farben, eine Augenweide. Ob die Blumen aus Österreich kämen? Nein, fast alles aus Holland, ist die Antwort. Auch aus Lateinamerika, etwa die Rosen dort mit den besonders schönen, großen Blüten ...

Viele Waren unseres Alltagskonsums haben heute weite Reisen hinter sich: der südafrikanische Wein, die neuseeländischen Äpfel, das in Südost-asien erzeugte T-Shirt ... Diese Veränderungen im Warenangebot fallen besonders ins Auge. Noch dynamischer aber ist die Entwicklung des internationalen Austauschs im Bereich der Erzeugung von Maschinen, Fahrzeugen, elektrotechnischen und elektronischen Produkten. Und noch um ein Vielfaches intensiver ist die Verflechtung der internationalen Finanzmärkte. In allen Wirtschaftssektoren nimmt also die internationale Verflechtung der Wirtschaft zu.

Der grenzüberschreitende Handel ist allerdings keine Errungenschaft der letzten 50 Jahre. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts prägt der internationale Warenaustausch zunehmend das Wirtschaftsgeschehen. Unterbrochen wurde die Entwicklung nur durch die beiden Weltkrieg und die Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre. 1944 stellte die Gründung von Weltbank und Internationalem Währungsfonds die Weichen in Richtung internationale Wirtschaft. Und in acht Zollsenkungsrunden hat dann das 1948 in Kraft gesetzte "Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen" (GATT) bis 1993 bestehende Handelsbeschränkungen und -hemnisse weitgehend abgebaut. Betrug der Zoll auf importierte Güter in den fünfziger Jahren noch durchschnittlich 40 Prozent, so liegt er heute bei weniger als fünf Prozent.

Die letzte Runde des GATT, die sogenannte Uruguay-Runde, brachte in den neunziger Jahren einen massiven Schub in Richtung Handelsliberalisierung, indem sie die Grenzen für bis dahin traditionell geschützte Produkte öffnete: Agrarerzeugnisse, Dienstleistungen, Textilien und Bekleidung wurden in die Regelungen einbezogen. Mittlerweile sorgt die Welthandelsorganisation (WTO), eine 1995 gegründete UN-Tochter, für Förderung, Steuerung und Überwachung des internationalen Handels.

Dass heute die internationale Verflechtung eine solche Intensität erreicht hat, ist also einerseits Ergebnis einer jahrzehntelang betriebenen, gezielten Förderung. Andererseits haben der Fall des Eisernen Vorhangs, die Erweiterung der EU und vor allem die enorme technische Entwicklung auf dem Gebiet der Datenverarbeitung und der Telekommunikation entscheidend zu dieser Globalisierung beigetragen.

Will man sich eine Vorstellung von der Größenordnung des internationalen Zusammenwachsens machen, so bietet sich ein Vergleich von Daten der OECD-Länder an. Innerhalb dieser Ländergruppe war das Handelsvolumen Mitte der neunziger Jahre acht Mal so groß wie 1960. Im selben Zeitraum hat sich das Inlandsprodukt aller OECD-Länder zusammen jedoch "nur" verdreifacht. Daraus wird ersichtlich, um wieviel rascher der Außenhandel wächst als die Wirtschaftsleistung (siehe Seite 15).

Ein ähnliches Bild zeichnen Österreichs Wirtschaftsdaten: 1960 lag der Anteil der Einfuhren am Inlandsprodukt noch bei 22 Prozent. Nach einem kontinuierlichen Anstieg belief er sich im Vorjahr auf 38 Prozent. Ein ähnlicher Verlauf ist bei den Ausfuhren zu beobachten. Besondere Dynamik herrschte in den neunziger Jahren.

Ostöffnung brachte Vorteile für Österreich

Wenig verändert hat sich jedoch die Bedeutung der Handelspartner in diesem Zeitraum. Deutschlands Anteil an den österreichischen Importen ist weitgehend stabil (rund 40 Prozent). Und Gleiches gilt für den Außenhandel mit den EU-Ländern: Er macht seit 1960 etwas mehr als zwei Drittel unserer Importe und etwas weniger als zwei Drittel unserer Exporte aus. Erwähnt sei noch, dass sich die Öffnung im Osten stärker in unserer Export- als in unserer Importbilanz niedergeschlagen, also eher Arbeitsplätze geschaffen, als vernichtet hat.

Der Handel mit den Ländern der Dritten Welt spielt nach wie vor eine untergeordnete Rolle. Eine wirkliche Globalisierung unserer Wirtschaft hat demzufolge eigentlich nicht stattgefunden. Auch die Abwanderung von Betrieben in Niedriglohnländer scheint sich derzeit in Grenzen zu halten, auch wenn sie immer wieder bei Lohnverhandlungen als Rute ins Fenster gestellt wird (Seite 16).

Bedenkt man noch, dass die internationale wie jede Form von Arbeitsteilung Wohlstandsgewinne bei den Beteiligten erzeugt (Seite 14), so stellt sich auf diesem Hintergrund die Frage, warum es in den letzten Jahren zu den eskalierenden Protesten gegen die Globalisierung kommen konnte.

Nicht der internationale Austausch an sich sitzt da auf der Anklagebank, sondern die Art, wie er vonstatten geht. Die Machtkonzentration in den Händen weniger "global player" erregt breit gestreut Unmut. Zwar steigt die Zahl der multinationalen Unternehmen - ihre Zahl liegt derzeit laut UNO-Handels- und Entwicklungsorganisation bei 63.000 -, aber noch rascher schreitet die Bildung wahrer Unternehmensimperien voran.

Welche Giganten heute die Szene beherrschen, kann man der Zeitschrift "Fortune" entnehmen: 1999 verzeichnete sie unter den 100 größten Wirtschaftseinheiten mehr Unternehmen als Staaten! Der größte Multi, General Motors, rangierte schon an 23. Stelle und hatte 1999 mehr Umsatz als Dänemark Inlandsprodukt. Und Unternehmen wie Exxon-Mobil, Ford und DaimlerChrysler lagen vor Polen, Norwegen und Indonesien (mit einer Bevölkerung von 210 Millionen).

Die Gewinne der 200 größten Konzerne wuchsen zwischen 1983 und 1999 um rund 360 Prozent. Ihr Anteil an der Produktion der Welt wird derzeit auf mehr als 25 Prozent geschätzt. Und die Konzentration steigt laufend, wie man den ständigen Meldungen über Fusionen entnehmen kann. Eine Studie der Arbeiterkammer schätzte den Wert der grenzüberschreitenden Fusionen und Übernahmen 1999 auf 38.387 Milliarden Schilling! Man kann von einer richtiggehenden Oligopolisierung der Weltmärkte sprechen.

Diese Machzusammenballung in der Hand weniger, wie sie derzeit stattfindet, ist eine Hauptpunkt der Kritik an der Globalisierung. Diese Konzentration von Wirtschaftsmacht hat nämlich zur Folge, dass es zu einer Umkehrung der Prioritäten kommt: Nicht mehr die Staaten geben den Unternehmen Spielregeln für ihre wirtschaftlichen Aktivitäten vor. Vielmehr werden sie in ihrem Bemühen, Investitionen anzulocken und Arbeitsplätze zu schaffen, zu Klienten der Großunternehmen, die ihre Entscheidungen allein nach betriebswirtschaftlicher Rationalität treffen.

Damit geraten die Staaten, also jene Einheiten, die für das umfassende Wohl des Bürgers verantwortlich wären, unter den Einfluss von Unternehmen, die sich primär den Interessen ihrer Kapitalgeber verpflichtet fühlen. Diese Umkehrung ist ein Hauptgrund für die Ökonomisierung aller Lebensbereiche und sie schürt den Unmut nicht nur der kämpferischen Globalisierungsgegner.

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