Die Wirtschaft entdeckt das Teilen

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Tauschplattformen im Internet waren für die Wirtschaft lange ein Ärgernis. Doch jetzt springen auch etablierte Unternehmen auf den Trend auf.

Unabhängigkeit ist ihnen wichtiger als Besitz. Deshalb leihen sie ihre Filme für ein paar Stunden, ihre Klamotten für eine Saison aus dem Netz. Deshalb setzen sie auf Carsharing statt aufs eigene Auto. Deshalb überlassen sie ihre Wohnung auch mal einem Unbekannten, wenn sie selbst im Urlaub sind. Diese Menschen, meist unter 40, meist aus der Stadt, meist mit akademischem Abschluss, wollen zwar alles haben, aber längst nicht alles kaufen. Für viele Hersteller und Händler sind sie deshalb ein Ärgernis. Für diejenigen aber, die den Wandel zu nutzen verstehen, sind sie eine große Hoffnung.

Dass die Cebit die Shareconomy, also die Ökonomie des Teilens, entdeckt und zum roten Faden der Anfang März abgehaltenen Computermesse erklärt hat, zeigt: Nicht mehr nur ein paar größenwahnsinnige Start-ups, sondern auch etablierte Unternehmen machen sich Gedanken darüber, was es für eine Gesellschaft bedeutet, wenn Konsum eine gemeinsame Sache ist, wenn Konsum an Grenzen stößt. Angesichts der knapper werdenden Ressourcen, aber auch der rasanten technologischen Entwicklung ist dies eine dringend notwendige Debatte.

Tausch gab es zwar schon, doch nun geht es leichter

Austausch gab es auch schon in der analogen Welt. Das Internet aber hat ihn erleichtert - erst recht, seit es hierzulande in jeder zweiten Hosentasche steckt. Von Tauschplattformen für Kleidung und Kinderspielzeug, Autos und Akkuschrauber profitieren vor allem diejenigen, die sie nutzen: Wer etwas ausleiht, der spart. Wer etwas verleiht, verdient sich ein paar Euro dazu.Aber auch für diejenigen, die diese Portale bislang noch skeptisch beäugen, kann sich die Sache auszahlen. Dann nämlich, wenn auch Hotels ihren Service und ihre Preise überdenken, weil mehr und mehr Menschen merken, dass es auf der angemieteten Luftmatratze mitunter netter und vor allem billiger ist. Es wird einige Zeit verstreichen, ehe solche Effekte spürbar werden. Aber der heftige Streit zwischen den kleinen Anbietern im Netz und den Etablierten lässt erahnen, dass viele Branchen, von der Musik- bis zur Modeindustrie, vom Tourismus bis zur Steuerberatung, in Bewegung gekommen sind.

Antworten auf grundlegende Zukunftsfragen

Aber das Teilen ist nicht mehr nur eine Angelegenheit zwischen Privatleuten im Internet. Einige Anbieter von Outdoorausrüstung beispielsweise appellieren an ihre Kunden, die abgetretenen Schuhe zu reparieren, statt sie zu ersetzen. Das spült zunächst zwar etwas weniger Geld in die Kasse, ist auf lange Sicht aber ein cleverer Schachzug - gerade in Zeiten, in denen immer weniger Menschen einer Marke die Treue halten. Denn Leute, die sich die neue Regenjacke womöglich bei der Konkurrenz holen würden, werden so zu Kunden, die immer wieder zurückkommen. Und wer sich auch noch genau anschaut, wann was an welcher Stelle verschleißt, der kann Produkte verbessern und so die Herstellungskosten senken. Auch das wird immer wichtiger in Zeiten, in denen Ressourcen wie Öl oder manche Metalle knapp und teuer werden.

Wer die Anstöße aus der Shareconomy nur mutig genug weiterentwickelt, der findet womöglich auch Antworten auf ganz grundlegende Fragen der Zukunft - etwa die nach der Nutzung erneuerbarer Energien in intelligenten Stromnetzen. Es lohnt sich, darüber nachzudenken. Vorankommen wird man dabei nur, wenn man auch wirklich zusammenarbeitet. Auch Händler und Hersteller müssen etwas Wertvolles miteinander teilen - Wissen nämlich und aller Wahrscheinlichkeit nach auch Umsätze. Das kann nur gelingen, wenn man einander vertraut.

* Aus Süddeutsche Zeitung, 19. März 2013

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