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Diese Hydra namens "Islamischer Staat"

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Der "Islamische Staat" in Syrien und im Irak ist militärisch unter Druck gekommen. Manche Kommentatoren meinen, dass die Anschläge in Paris auch eine Reaktion darauf sind. Das Problem der Dschihadist(inn)en, die in Europa rekrutiert werden, bleibt dennoch virulent.

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Der "Islamische Staat" in Syrien und im Irak ist militärisch unter Druck gekommen. Manche Kommentatoren meinen, dass die Anschläge in Paris auch eine Reaktion darauf sind. Das Problem der Dschihadist(inn)en, die in Europa rekrutiert werden, bleibt dennoch virulent.

Während sich der "Islamische Staat" durch die Pariser Anschläge in die mediale Aufmerksamkeit "zurückgeschossen" hat, ist die rasche Expansion des dschihadistischen Para-Staates weitgehend gestoppt. Derzeit gerät das Herrschaftsgebiet des "Khalifen Ibrahim" durch die Kurden in Bedrängnis.

Während sich die Herrschaft der Dschihadisten in ihrer De-facto-Hauptstadt Raqqa, die in den letzten Tagen von der französischen Luftwaffe bombardiert wurde, sowie in Mosul in den letzten eineinhalb Jahren stabilisieren konnte, sind es nun die Kämpferinnen und Kämpfer der Kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG und Frauenverteidigungseinheiten YPJ in Syrien, sowie die Peschmerga der Regionalregierung Kurdistans im Irak, die vom Norden her gegen den "Islamischen Staat" vorrücken.

Bereits im Juni hatten YPG und YPJ im Bündnis mit säkularen Einheiten der Freien Syrischen Armee (FSA) die Grenzstadt Tal Abyad erobert, damit einen der wichtigsten Nachschubwege des IS aus der Türkei abgeschnitten und zugleich eine Verbindung zwischen den beiden kurdischen Kantonen Kobanê und Cizîrê zu schaffen. Seither rücken die Kämpfer der eng mit der türkisch-kurdischen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) verbündeten Einheiten an mehreren Frontabschnitten vor. Aus der östlich gelegenen Provinzhauptstadt Hasaka konnte der IS völlig vertrieben werden. Aus Kobanê stoßen YPG und YPJ immer wieder mit Nadelstichen in die Regionen nördlich von Raqqa vor, und der Versuch mit Jarablus im Westen von Kobanê den verbliebenen Nachschubweg in die Türkei zu erobern, konnte nur durch ein unmittelbares Eingreifen der türkischen Armee verhindert werde, die zugunsten des IS die kurdischen Kämpfer bombardierte.

Jesidische Hochburg Sinjar

Am 11. November startete schließlich auch im Irak die lange erwartete Offensive gegen den IS zur Rückeroberung der jesidischen Hochburg Sinjar. Die Stadt Sinjar (Kurdisch: Shingal) und die südlichen Dörfer der Jesiden hatten sich auch nach der Rückeroberung des Sinjar Gebirges weiter in der Hand des IS befunden. Lange Zeit war die Rückeroberung der Stadt Sinjar und der südlichen Siedlungsgebiete der Jesiden durch interne Konflikte zwischen den Peschmerga der Demokratischen Partei Kurdistans unter dem Präsidenten der Regionalregierung Kurdistans im Irak, Masoud Barzani, und den KämpferInnen der Volksverteidigungskräfte (HPG) der PKK und den verschiedenen jesidischen Milizen blockiert.

Für eine eventuelle Rückeroberung der Millionenstadt Mosul wäre die Unterbrechung der durch Sinjar führenden Hauptverbindungsroute zwischen Raqqa und Mosul jedenfalls ebenso zentral, wie für eine Rückkehr der jesidischen Flüchtlinge, die bis heute unter prekärsten Bedingungen in Zeltlagern in der Region Kurdistan des Irak, allerdings auch in Syrien und in der Türkei leben.

Inmitten des syrischen Bürgerkrieges werden im Newroz-Camp bis heute 6000 Jesiden versorgt. Das Camp wurde monatelang von der kurdischen Zivilbevölkerung versorgt, ehe das UNHCR die Versorgung übernahm. In einem Lager in der Nähe der irakisch-kurdischen Stadt Dohuk kam es vor wenigen Wochen zum Ausbruch der Cholera. Auf einem Sportgelände in der Nähe der türkisch-kurdischen Stadt Diyarbakır harren ebenfalls tausende Jesiden aus. Die meisten von ihnen haben längst die Hoffnung auf eine Rückkehr verloren und wollen nach Europa.

Die militärische Defensive, in die der IS zuletzt geraten ist, darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass es im Süden seines Herrschaftsgebietes teilweise weiterhin militärische Erfolge gibt und Raqqa und Mosul noch fest in ihrer Hand zu sein scheinen.

Auch der Zustrom europäischer Dschihadist(inn)en in den "Islamischen Staat" ist bisher nicht abgeebbt. Dabei ist es allerdings nicht nur der IS, der junge Europäer(innen) anzieht. Dschihadisten aus Europa landen nicht nur in Raqqa oder Mosul, sondern auch in Iblid bei der zur al-Kaida gehörigenden Jabhat al-Nusra oder in Aleppo bei Ahrar ash-Sham. Eine eigene tschetschenische Gruppe, die "Armee der Auswanderer und Helfer", füllt ihre Reihen ebenfalls mit tschetschenischen Kämpfern aus Europa auf.

Dschihadist(inn)en aus Österreich

Die aus Österreich stammenden Dschihadist(inn)en haben die unterschiedlichsten Hintergründe und Biografien. Es gibt kein einheitliches biografisches Muster, das die Wege junger Menschen in den Dschihadismus beschreiben würde. Das einzige, was allen Fällen gemeinsam ist, ist die Tatsache, dass diese Menschen in einer Phase, in der Jugendliche ohnehin nach ihrem Platz in einer Gesellschaft suchen, schwere Entfremdungserfahrungen erlebt haben.

Die konkreten Ursachen für diese Entfremdungserfahrungen können allerdings unterschiedlichster Natur sein. Während manche psychische Erkrankungen vorweisen, geht es bei anderen um den Schulund Bildungserfolg. Wieder andere leiden an zerrütteten Familienverhältnissen oder schlicht an Liebeskummer. Manche weisen vor ihren dschihadistischen Karrieren Erfahrungen im Drogen- und Kleinkriminellen-Milieu auf. Viele gehören so genannten "bildungsfernen Schichten" an, andere sind allerdings Student(inn)en mit guten Studienerfolgen. Manche leiden unter Rassismus und Ressentiments gegen Muslime, andere kommen jedoch nicht einmal aus muslimischen Familien, sondern entdecken den Islam überhaupt erst als dschihadistische Ideologie.

Gemeinsam ist ihnen nur ein durch verschiedenste Faktoren ausgelöstes Gefühl der Entfremdung, aus dem sie von dschihadistischen Gruppen abgeholt werden. Diese Gruppen geben den Betroffenen, was sie suchen: Identität, Sinn, eine einfache Erklärung für die Zumutungen der Welt, menschliche Wärme und Zugehörigkeit.

Kaum jemand sucht dabei Religion im engeren Sinn. Dschihadisten sind keine spirituellen Menschen. Religion dient als Identitätsmarker für die eigene Gruppe und zur Markierung des Feindes, nicht aber zur Erbauung der eigenen Seele.

Radikalisierung ist dabei allerdings immer ein Prozess. Wer von dschihadistischen Gruppen begeistert ist, kann manchmal durchaus noch erreicht werden und mit professioneller Deradikalisierungsarbeit wieder aus seiner neuen Wir-Gruppe zurück in die Gesellschaft begleitet werden. Dafür müsste es allerdings professionelle Ansprechpartner mit ausreichender Infrastruktur und Bezahlung geben. Bislang gibt es diese in Österreich nicht oder nur rudimentär.

Zu wenig Ansprechpartner

Mit der verstärkten Rückkehr ehemaliger Kämpfer nach Österreich, stellt sich schließlich auch zunehmend das Problem, wie mit diesen umzugehen ist.

Eine Studie des Professors für Sicherheitsstudien Peter R. Neumann vom Londoner King's College, die Biografien von 51 desertierten ehemaligen IS-Kämpfern und sieben IS-Anhängerinnen ausgewertet hatte, kam zum Schluss, dass diese zwar die Brutalität des IS gegen andere sunnitische Muslime als einen Grund für ihre Abkehr vom IS angaben, allerdings nicht die Brutalität gegenüber Schiiten oder Jesiden verurteilten. Die IS-Deserteure teilen damit weiterhin große Teile der dschihadistischen Ideologie. Damit wird deutlich, dass mit Rückkehrern gearbeitet werden müsste, egal ob sie sich in Haft oder auf freiem Fuß befinden, wenn verhindert werden soll, dass diese zu einer Gefahr für die Gesellschaft werden.

Der Autor ist Politikwissenschafter und Kurden-Experte sowie Mitbegründer des in der Dschihadismusprävention tätigen "Netzwerks Sozialer Zusammenhalt"

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