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Doppeltes Sahara-Drama

In den letzten vier Wochen sind 31 Touristen, darunter zehn Österreicher, im südlichen Algerien spurlos verschwunden. Der Autor des folgenden Beitrags - er hielt sich noch im März in der Region auf - untersucht die Hintergründe des Geschehens.

Spurlos in der Sahara verschwinden - das absolute Trauma für Daheimgebliebene. Gelegentliche Überfälle in der Zentralsahara sind zwar nichts Neues, bescherten bislang jedoch meist nur Sachschaden und einen gehörigen Schrecken. Erst im Oktober 2002 waren vier Schweizer auf der Route nach Tamanrasset, dem Zentrum der algerischen Sahara, von regionalen Kriminellen beraubt worden.

Dass sich aber 31 Touristen binnen weniger Wochen in Luft auflösen, ist neu in der Geschichte des Sahara-Tourismus. Kein Wunder, dass Behörden und Medien mit wilden Spekulation reagieren. Was also ist passiert?

Gewiss ist nur, dass sieben Gruppen mit 31 Reisenden, darunter 15 Deutsche, zehn Österreicher und sechs Schweizer, zwischen dem 19. Februar und dem 17. März als abgängig gemeldet wurden. Alle Gruppen waren ohne heimische Führer auf kaum befahrenen Pisten zwischen Tamanrasset und Illizi im Süden Algeriens unterwegs, aber erfahren und gut ausgerüstet.

Große Suchaktion

Die algerischen Behörden durchstreifen mit über 1.200 Soldaten, Hubschraubern und Militärjets, ausgerüstet mit Wärmesensoren und Nachtsichtgeräten, sowie mit Kamelkarawanen und Fahrzeugen die fragliche Region von der Größe Frankreichs. Unterstützt wird Algerien von österreichischen Cobra-Beamten sowie Terror-Experten des deutschen Bundeskriminalamtes. Sogar Österreichs Außenministerin Ferrero-Waldner und Deutschlands Innenminister Otto Schily reisten nach Algier.

An wichtigen Spuren wurde bislang nur ein Nissan-Wrack, vermutlich jenes des vermissten Deutschen Ulrich Hanel, gefunden. Vor wenigen Tagen sollen endlich auch Hinweise auf den vorübergehenden Aufenthalt einer der Gruppen gefunden worden sein, doch die Behörden halten sich weiterhin bedeckt.

Ohne konkrete Spuren lässt sich freilich die offizielle und für den Algerien-Tourismus vorteilhafteste Annahme der algerischen Behörden, Navigationsfehler seien schuld an diesem Drama, leichter vertreten: Hätten sich doch die Gruppen, wie gesetzlich vorgeschrieben, heimischer Führer bedient, so der Tenor von Agentur-Vereinigungen.

Sollte sich dagegen der Verdacht eines Terroranschlags, wie in algerischen Medien diskutiert, bewahrheiten, so würde der eben erst wiedererweckte Saharatourismus neuerlich kollabieren. Deutschland und Österreich haben bereits Reisewarnungen für Algerien ausgesprochen.

Verirrt ...

Alleinreisende Sahara-Fans vertrauen meist auf das Satellitgesteuerte "GPS"-Navigationssystem. Dass allerdings wegen des Irak-Kriegs regionale Signalstörungen aufgetreten seien und die Betroffenen in die Irre geführt hätten, ist völlig auszuschließen. Der Autor selbst erhielt noch im März im Norden des Niger exakte GPS-Daten. Auch herrschten zur Zeit des Verschwindens der ersten Gruppen in der betreffenden Gegend keine Sandstürme.

Zudem sind Saharafahrer selbst im Vergleich zu Einheimischen meist sehr gut informiert und ausgerüstet, können also auch mit Karte und Kompass navigieren. Vor allem aber ist die "Gräberpiste", wo die Saharafahrer verschwunden sein sollen, reich an natürlichen Wegemarkierungen.

Dass sich unter solchen Umständen zeitgleich drei erfahrene Gruppen "verirren", ist wenig plausibel.

... oder entführt?

Wahrscheinlicher erscheint eine Entführung durch Banditen, Schmugglerbanden oder Terroristen. Seit einigen Jahren kommt es in der Zentralsahara wiederholt zu vereinzelten Überfällen. Den Tätern ging es bislang nur um Fahrzeuge und Wertsachen. Zu Gewaltanwendung kam es nur selten, weshalb trotz eines Restrisikos auch weiterhin kommerzielle Touren in diese Regionen geführt wurden.

Diese vereinzelten Aktionen sind Ausdruck des sozialen Zerfalls, dem die traditionellen Saharagesellschaften ausgesetzt sind. Politische Ausgrenzung, Verarmung infolge gravierender Dürren, Gadhaffis Bedarf an Tschad-Kämpfern in den achtziger Jahren sowie die Tuareg-Rebellion von 1992-1997 vermittelten den jungen Sahariern neue Werte wie den Traum vom schnellen Geld und die Macht durch Waffen. Dergleichen ist heute am einfachsten mit Schmuggel von Waffen, Zigaretten und Menschen nach Algerien und Libyen umzusetzen.

Dass die Vermissten auf Schmuggler gestoßen und "mundtot" gemacht, verscharrt oder in den Niger verschleppt worden seien, ist unwahrscheinlich. Bisher wurden die Touristenrouten von Schmugglern gemieden, und die derzeitige Aufmerksamkeit der Behörden und der Öffentlichkeit widerspricht ihren Interessen.

In Algerien wucherte unter der sozialistischen Diktatur krasse Armut, die seit zehn Jahren blutigen Terror fundamentalistischer Kräfte hervorbringt. Waren solche Massaker bislang auf den Norden begrenzt, so breiten sich diese Aktivitäten nunmehr im Süden aus.

Eine El-Kaida-Schwester

Laut CIA und algerischen Quellen soll ein gewisser "Emir" Mokhtar Belmokhtar die Terrorgruppe "Groupe salafiste pour la prière et le combat" (GSPC), eine Schwesternorganisation der El Kaida, ausbauen und mit Waffen versorgen. Neue Basen im Süden sollten die verlorenen Gebiete in Afghanistan und Somalia ersetzen. Um dieser "terroristischen Penetration" der Anrainerstaaten zuvorzukommen, hatten jüngst die USA den Sahelstaaten materielle und finanzielle Hilfe zur besseren Kontrolle ihrer unbesiedelten Grenzen in Aussicht gestellt. Könnten die Gruppen von Terroristen entführt worden sein, und wenn ja, aus welchem Grund?

Was bislang in den Medien kaum beachtet wurde, ist der zeitliche Zusammenhang des Verschwindens der Reisegruppen und eines Strafprozesses gegen vier algerische Terroristen, die in Frankfurt wegen eines versuchten Anschlags auf den Strassburger Weihnachtsmarkt angeklagt waren: Am 20. Februar wurden die Plädoyers gehalten, eine - mittlerweile erfolgte - Verurteilung zu bis zu zwölf Jahren Haft war absehbar.

Die Entführungen könnten dazu dienen, die Algerier von der deutschen Regierung freizupressen. Das würde auch die Reise von Innenminister Schily nach Algier erklären sowie die Verlegung von abhörsicheren Direktleitungen in der deutschen Botschaft in Algier durch die Beamten des deutschen Anti-Terror-Kommandos. Und es erklärt Außenministerin Ferrero-Waldners Signal der Hoffnung auf die Unversehrtheit der Vermissten - und ihre zurückhaltenden Erklärungen zu bisherigen Funden.

Einbußen beim Tourismus

Wie sich dieses Drama auch weiterentwickeln mag, ein sicherer Verlierer steht bereits fest: Für die Bewohner der südlichen Sahara, wie auch die angrenzenden Gebiete Niger und Mali, hatte sich seit Ende der neunziger Jahr der Tourismus wieder zu einer bedeutenden regionalen Einnahmequelle entwickelt. Für viele Tuaregfamilien bedeutete dies eine Perspektive gegenüber dem Teufelskreis aus Dürre, Überbevölkerung, Armut und Klimawandel. Ohne Perspektiven aber gedeiht erst recht die Offenheit für radikale Lösungen durch Gewalt. Denn es ist die Armut, die den Terrorismus nährt, wie Weltbank-Präsident James Monday meint.

Der Autor ist Sahara-Reiseleiter und dissertiert über nachhaltige Tourismusentwicklung bei den Tuareg im Niger.

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