Geteiltes Land, geteilte Meinungen - © Illustration: Florian Zwickl (unter Verwendung von gettyimages / kyoshino und mecaleha)
Politik

Drei Paare, zwei Hälften, ein Land

1945 1960 1980 2000 2020

Die weltanschauliche „Spaltung“ der Republik scheint auch den Nationalratswahlkampf 2019 zu prägen. Besuch bei drei „Paaren“, die ideologische Gräben überwinden.

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Die weltanschauliche „Spaltung“ der Republik scheint auch den Nationalratswahlkampf 2019 zu prägen. Besuch bei drei „Paaren“, die ideologische Gräben überwinden.

Durch Facebook-Algorithmen, mitunter auch durch eigenes Scheuklappen-Denken entstandene Blasen drängen einen offenen politischen Diskurs zunehmend in den Hintergrund. Vertreter gleicher Weltanschauungen gesellen sich zueinander, mit Menschen außerhalb der eigenen „Blase“ wird immer häufiger nur ungern geredet.
Scrollt man sich durch die sozialen Netzwerke, werden gegenteilige Meinungen oft als „realitätsfremd“, „menschenverachtend“, „verantwortungslos“ oder auch schon einmal als schlichtweg „blöd“ beurteilt. Es sind schnell und salopp dahingeschriebene Phrasen, die politische Diskussionen auf Facebook und Co bestimmen und einem Diskurs auf Augenhöhe nicht eben zuträglich sind. Das Trennende wird vor das Gemeinsame gestellt, die Abgrenzung gegenüber anderen dominiert, die Gesellschaft scheint gespalten. Das erste Mal offen in Erscheinung getreten ist der Begriff der gesellschaftlichen Spaltung in Österreich im Mai 2016. Der heutige Bundespräsident Alexander Van der Bellen und der mittlerweile zum FPÖ-Parteiobmann aufgestiegene Norbert Hofer teilten sich bei der später vom Verfassungsgerichtshof wegen Unregelmäßigkeiten aufgehobenen Stichwahl zum Amt des Bundespräsidenten die Wählerstimmen fast zu gleichen Teilen auf: 50,3 Prozent zu 49,7 Prozent war damals das Ergebnis zugunsten Van der Bellens.

Schwierige Beziehungen

Ein programmatischer Spruch auf Face­book wurde damals unzählige Male geteilt: „100 Prozent der Österreicher sind sich einig, dass 50 Prozent der Österreicher politische Vollidioten sind.“ Von tiefen Gräben, zwei Hälften und einem gespaltenen Land war die Rede. Heute, mehr als drei Jahre später, steht das Land vor einem weiteren Wahlkampf und die Gräben scheinen sich nicht verkleinert zu haben. Noch immer stehen sich (mindes­tens) zwei weltanschauliche Richtungen, zwei ideologische Lager, zwei politische Mi­lieus gegenüber, die aneinander nur wenig bis nichts Positives abgewinnen können. Dabei wäre es zu einfach zu behaupten, dass die Linie, die politisch teilt, geradlinig durch die Gesellschaft verläuft – auf der einen Seite die Akademiker, auf der anderen die Arbeiter; hier die Männer, dort die Frauen; die da oben gegen die da unten: So leicht ist es nicht. Tatsächlich verläuft die Linie der politischen Meinungsvielfalt auch durch Beziehungen, Freundschaften und Familien.
Einer nach dem anderen erreicht den Fußballplatz und wartet, bis das Training des Hobbyvereins FC Ententeich endlich losgeht. Etwa 15 Burschen, alle um die 20, kicken jeden Samstag für knapp zwei Stunden miteinander. Es ist eine eingeschworene Truppe aus guten Freunden, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Studenten, Werksarbeiter, Bankangestellte und Schüler spielen für den Verein. Mit dabei die langjährigen Freunde Thomas Kohlhofer und Fabian Hofer. Fabian arbeitet bei der Voestalpine als Betriebselektriker in der 7000 Einwohner zählenden Stadt Kindberg, Thomas studiert Betriebswirtschaftslehre in Graz. Fabian hat bei der Bundespräsidentenwahl 2016 Norbert Hofer unterstützt, bei der Nationalratswahl 2017 bekam die FPÖ seine Stimme. Thomas hat 2016 Van der Bellen gewählt und 2017, um einem Rechtsruck entgegen zu wirken, wie er sagt, die SPÖ unter Chris­tian Kern. Und obwohl beide ihre politische Gesinnung stolz nach außen tragen, nimmt deren Freundschaft keinen Schaden.

„Ich mag den Fabian aus ganz vielen Gründen, weil er ein lustiger, geselliger Kerl ist, dem ich alles erzählen kann und der mir immer gute Ratschläge geben kann“, sagt Thomas über die Freundschaft der beiden. „Man muss nicht die gleiche politische Einstellung haben, um einander sympathisch zu finden und sich zu schätzen, da spielen weitaus mehr Faktoren eine Rolle“, sagt Fabian. In ihrer Freizeit versuchen die zwei Freunde, einander oft zu sehen, es wird viel über das gemeinsame Hobby diskutiert. „Wenn wir uns treffen, geht’s sehr viel um Fußball, und auch da sind wir nicht einer Meinung. Ich bin bekennender Fan von Borussia Dortmund, während Fabian den FC Bayern München supportet“, erzählt Thomas lachend. Wenn es bei den Diskussionen der Freunde dann doch mal um Politik geht, wird auf respektvollen Umgangston geachtet. „Wir haben halt andere Vorstellungen für Österreich oder für Europa, das ist halt so – ein Idiot ist deswegen keiner von uns, auch wenn wir uns in einigen Punkten gerne widersprechen“, meint Thomas.

Meinungskluft

Stark divergierende Meinungen gibt es natürlich auch innerhalb von Familien, so zum Beispiel bei den Votters. Tochter Verena, 21 Jahre alt, beginnt gerade eine Ausbildung zur Kosmetikerin, ihre Mutter Karin arbeitet als Sekretärin. Früher waren sowohl Verena als auch Karin politisch blau, beide waren von Norbert Hofer bei der Bundespräsidentenwahl überzeugt und auch sonst mit dem strikten Kurs der FPÖ einverstanden. Geändert hat sich das, als Verena zu studieren begann. Sie fing an, ihre politische Einstellung zu überdenken und wandte sich vom freiheitlichen Kurs ab. Heute sagt Verena: „Ich war früher stark von meiner Mutter beeinflusst. Daheim war das halt die Meinung und die hab’ ich aufgenommen.“

Fabian unterstützt offen Norbert Hofer bei den Bundespräsidentenwahlen 2016. Thomas ist im Lager von Van der Bellen. Dennoch bleiben sie Freunde. Wie geht das?

Verena brach ihr Studium zwar ab, an den Veränderungen in ihrer politischen Weltsicht hat sie aber festgehalten. In der Familie gibt es seither häufig Diskussionen. „Unsere politischen Gespräche sind sehr emotional und können manchmal auch in so etwas wie Streit übergehen“, schildert Karin Votter den politischen Schlagabtausch mit ihrer Tochter. Verena sagt, dass sie die politische Einstellung ihrer Mutter sehr kritisch sieht und häufig nicht nachvollziehen kann. Der Mutter-Tochter-Beziehung schaden die Meinungsverschiedenheiten trotzdem nicht. „Wir streben beide nach respektvollem Umgang miteinander“, erläutert Verena und Karin fügt hinzu, dass „der Wunsch nach Frieden“ beide einen würde. „Auch wenn der Streit manchmal überhandnimmt, ist das noch immer besser, als gar nicht miteinander zu kommunizieren“, ist Verena überzeugt.
Auch die Liebe eines Paares hat Platz für politische Diskrepanzen. Julia Knaus und Bernd Schaunitzer sind seit knapp zwei Jahren zusammen.

Bernd, Landwirt und Arbeiter bei einer Maschinenbau-Firma, ist bekennender FPÖler. Seine Freundin Julia, die vor knapp einem Jahr eine Ausbildung zur Pflegekraft begonnen hat, ist „eher sozialdemokratischer Gesinnung“, wie sie ihre politische Einstellung selbst beschreibt. Die unterschiedliche Einstellung in Sachen Politik schadet der Beziehung der beiden keineswegs. „Wir sehen unsere Unterschiede hier relativ gelassen, weil wir glauben, dass jeder seine Meinung vertreten darf“, meint Bernd dazu. Auch wenn das Paar vor Wahlen immer wieder über Politik redet, kommt es dabei nie zum Streit. „Es zahlt sich einfach nicht aus, über so etwas zu diskutieren. Kurz vor Wahlen oder bei großem Medieninteresse redet man natürlich darüber, aber immer auf Augenhöhe.“ Anstatt über Politik reden die beiden dennoch lieber über Freunde, Familie und Urlaub. Das Paar versucht auch, ihre unterschiedlichen Meinungen wechselseitig zu verstehen. „Durch die Landwirtschaft und seine allgemeine Lebenslage kann ich schon verstehen, dass diese Einstellung herauskommt. Ich bin hier halt anders aufgewachsen“, meint Julia über Bernds Gesinnung und Lebensstil.

Meinungen gibt es viele in diesem Land. Manche werden ausgefeilter argumentiert, manche weniger. Einander aus dem Weg zu gehen und den Dialog zu verweigern, ist aber nicht die einzige Option, damit umzugehen. Ob links oder rechts – die meisten Bürger dieses Landes dürften aus gutem Grund Interesse daran haben, dass die Diskussionskultur erhalten bleibt und nicht in kämpferisches Schweigen übergeht. Die Geschichte hat schließlich gelehrt, wozu extreme Positionen ohne Dialog führen können.

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