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"Ein Auto zu besitzen, ist eine Beschwernis"

Querdenker, an Grundsatzfragen interessiert, kein Sesselkleber. Für einen erfolgreichen Politiker ungewöhnlich: Kaspanaze Simma, Grüner der ersten Stunde, ist auf seinen Hof heimgekehrt, verwirklicht jetzt, was er als Politiker vertrat - und lebt dabei sehr zufrieden.

die furche: Sie sind 1984 plötzlich in der Vorarlberger Politik aufgetaucht und haben auf Anhieb 13 Prozent der Stimmen eingeheimst. Wie kam es dazu?

Kaspanaze Simma: Da war einiges an Zufall dabei. In den frühen achtziger Jahren habe ich beide Grünparteien, VGÖ und Alternative Liste, kennengelernt, bin aber nicht hängen geblieben, bis es sich im Vorfeld der Landtagswahlen 1984 überraschend ergeben hat, dass beide Gruppierungen gemeinsam kandidiert und mich zum Spitzenkandidaten gewählt haben.

die furche: Was hat Sie als Bauer dazu bewogen, politisch tätig zu werden?

Simma: Zu Beginn meiner landwirtschaftlichen Tätigkeit Anfang der siebziger Jahre sah ich mich auf einem kleinen Anwesen - acht Hektar Wiesen und Weiden und fünf Hektar Wald - mit keiner rosigen Zukunftsperspektive konfrontiert. Rundherum hat man von den armen Bauern geredet, bis wir das selber geglaubt haben. Von der Politik hatte ich den Eindruck, dass sie auf das Leben in einer Art wirkt, dass die vorhandenen Potenziale eher verschüttet werden und dass sie eher darauf ausgerichtet war, die Landwirtschaft in eine Richtung zu entwickeln, die für sie nicht vorteilhaft war.

die furche: Dabei ist doch viel in die Landwirtschaft investiert worden ...

Simma: Aber vor allem wurden Investitionen gefördert, also die Intensivierung. Das führte tendenziell zur Untergrabung der wirtschaftlichen Substanz der Anwesen. Beim Güterwegebau auf unsere Gemeinschaftsalm ist mir das aufgefallen. Zwei Jahre nach Errichtung des Weges waren die Transportkosten nach wie vor hoch. Dann habe ich nachgerechnet, was das alte Transportsystem (mit Pferd und Seilbahn) gekostet hatte und was das neue. Vorher waren es pro Sommer 12.500 Schilling und nachher 25.000, obwohl der Bau hoch subventioniert war. Noch wesentlicher war die Einsicht: Früher sind die Kosten im Großen und Ganzen in unserer eigenen Tasche geblieben (für Pferd, Futter, eigene Arbeit). Von den 25.000 Schilling aber ging der Großteil aus der Landwirtschaft hinaus: für Bau- und landwirtschaftliche Maschinen, für die Finanzierung ... Mir wurde bewusst, dass wir mit dieser Art von Investitionen, die wir ohne Subventionen gar nicht machen würden, Arbeit und Einkommen in andere Branchen transferierten. Kurzum all das ist mir zum politischen Anliegen geworden. Vor allem im Bereich der Energie habe ich gesehen, dass es Lösungen mit unterschiedlichem Aufwand gibt. Dazu braucht es allerdings Veränderungen im ökonomischen Bereich, im wesentlichen im Steuersystem. Und so habe ich mich für eine ökosoziale Steuerreform engagiert.

die furche: 1984 waren Sie plötzlich Politiker. Wie haben Sie das verkraftet?

Simma: Für mich war der Erfolg völlig überraschend. Er hat mich in eine öffentliche Rolle hineinkatapultiert. Ich habe jahrelang gerungen, damit auf gleich zu kommen. Das Thema Energiepolitik habe ich stark aufgegriffen und über Jahre hinweg nachhaltig thematisiert. Da ist uns in Vorarlberg einiges gelungen: viele Energie-Effizienz-, viele Solarprojekte. Das Wahlergebnis hat eine Situation geschaffen, wo auch die anderen Parteien Bereitschaft zur Veränderung entwickelten. Vorarlberg hat heute auf diesem Sektor einige interessante Dinge zu bieten.

die furche: War die Tätigkeit im Landtag ein Fulltime-Job?

Simma: Ja. Von der Arbeit her war das eine sehr strenge Zeit. So viel hätte ich zu Hause nie gearbeitet.

die furche: Warum haben Sie 1989 nicht mehr kandidiert?

Simma: Damals sind die beiden Gruppen innerhalb der Grünen wieder auseinander gedriftet. Mir aber war diese Verbindung wichtig. Da habe ich mich zurückgezogen. Ich brauchte zwei Jahre, um das zu verdauen.

die furche: Für Sie ein Scheitern?

Simma: Durchaus. Das Anliegen der Steuerreform war ja nach wie vor da. Die Zeit wäre reif gewesen, die Arbeit zu ent- und die Ressourcen zu belasten. Ich habe ja den Niedergang des Nahversorgung, das Wachstum des Verkehrs erlebt, wie die lokale und regionale Wirtschaft weggeblasen wurde.

die furche: Haben Sie deswegen 1993 noch einmal kandidiert?

Simma: Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen hatten sich sehr nachteilig entwickelt. Die Preise von technischer und Humanenergie sind auseinandergelaufen. 1953 musste jemand 1000 Stunden arbeiten, um Benzin für 10.000 Kilometer Autofahren zu kaufen. 1992 waren es nur mehr 66 Stunden! Das hat enorme Auswirkungen auf das tägliche Wirtschaften. Und zur Änderung dieser Rahmenbedingungen wollte ich beitragen. Darum habe 1999 auch für den Nationalrat kandidiert.

die furche: Sind Sie da nicht einer Utopie nachgelaufen?

Simma: Ich habe natürlich auch immer wieder Zweifel, ob meine Idee wirklich so durchschlagend ist. Andererseits habe ich erlebt, dass sich die Politik zu sehr mit Tagesaktualität befasst. Es gibt wenig Interesse, sich über tiefere Zusammenhänge den Kopf zu zerbrechen. Seit dem EU-Binnenmarkt hat der Neoliberalismus eine ungeheure Dominanz erreicht. In der Politik denkt niemand mehr an Alternativen zu diesem Modell. Wer fragt noch nach der Sinnhaftigkeit von Wachstum? Da waren wir Anfang der achtziger Jahre viel weiter. Das Erstarken der Rechts-Parteien ist auch eine Reaktion auf diese Blindheit im Ökonomischen, die Einseitigkeit Richtung Zentralisierung, Konzentration, Unüberschaubarkeit. Ich sehe nach wie vor ein anderes Bild von Wirtschaft ...

die furche: Ein nostalgisches?

Simma: Keineswegs. Selbst in hochindustrialisierten Gesellschaften bringen die geschenkten Schöpfungsgüter ein Drittel all dessen, was uns zur Verfügung steht. Ein zweites Drittel der Werte entsteht durch nicht mit Geld entlohnte Tätigkeiten (was in den Haushalten passiert, Nachbarschaftshilfe ...). Mit dem Bruttosozialprodukt messen wir nur das dritte Drittel. Dem muss endlich volkswirtschaftlich Rechnung getragen werden.

die furche: Haben sie sich jetzt auf Ihren Hof, sozusagen auf ein privates Kontrastprogramm zurückgezogen?

Simma: Wir haben bei der Lebenshaltung einen hohen Selbstversorgungsgrad. Milch, Käse, Butter, Fleisch, alles Gemüse, Obst, Brot erzeugen wir selbst. Dann bereiten wir die Speisen selbst zu. Ein wichtiger Punkt, wenn man bedenkt, dass heute viele Fertiggerichte kaufen oder ins Gasthaus gehen. Wir arbeiten vor allem mit eigenen Ressourcen. 20 Prozent unseres Konsums wird zugekauft. Die Sonnenenergie ist die Hauptquelle.

die furche: Das zwingt Sie zu wohl zu einem einfachen Lebensstil ...

Simma: Das ist kein bescheidener Lebensstil. Umgekehrt: Ein Auto besitzen zu müssen, würde ich als Beschwernis erfahren. Ich selber habe keines. Es kostet 40.000 Schilling im Jahr oder zwei Monate Arbeit. Was soll daran komfortabel sein?

die furche: Was sagen Ihre Kinder zu all dem?

Simma: Sie sind nicht in jeder Phase begeistert. Aber mein Eindruck ist, dass es ihnen auch kein großes Problem ist. Sie werden ihren Weg gehen.

die furche: Wieviele Stunden im Tag arbeiten Sie?

Simma: In der Landwirtschaft durchschnittlich fünf Stunden. Meine Frau arbeitet in Haus und Garten. Von mir kommen dort auch noch einige Stunden dazu. Die Kinder beanspruchen mich ziemlich. Wir haben Zeiten, da fühlen wir uns überlastet. Über weite Strecken aber haben wir das Gefühl, es geht gut. Es wäre viel schwieriger, wenn einer von uns arbeiten ginge.

die furche: Wirkt Ihr Lebensstil nicht weltfremd?

Simma: Wieso? Es gibt eine Fülle von Bereichen, wo jeder mehr Spielraum für Eigenleistungen hätte: beim Kochen, Wohnen, im Verkehr, in der Freizeitgestaltung. Denken Sie allein, was an Verkehrskosten aufgewendet wird! Da sind sicher zwei Drittel der Leistungen erzwungen. Man müsste ja nicht 30 oder 40 Kilometer zur Arbeit fahren. Allerdings geht die Entwicklung in die Richtung starke Arbeitsteilung, keine Zeit zu haben, hohes Tempo, hoher Organisationsaufwand ...

die furche: Wenn man die Entwicklung heute betrachtet, fragt man sich: Sind die Grünen, sind nicht auch Sie eigentlich politisch gescheitert?

Simma: Vorläufig schaut es danach aus. Leider. Aber das muss nicht das letzte Wort sein.

Das Gespräch führte Christof Gaspari.

Zur Person: Steuerreform als Anliegen

Kaspanaze Simma, Jahrgang 1954, in Andelsbuch im Bregenzerwald geboren. Acht Jahre Volksschule, polytechnischer Lehrgang, 1986 Ehe mit Lucia, Vater von fünf Kindern. Seine Landwirtschaft umfasst acht Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche, zwei Drittel in Hanglage, und fünf Hektar Wald. Er kann gut von ihr leben.

Als Grüner der ersten Stunden wurde er durch seinen Erfolg bei den Vorarlberger Landtagswahlen 1984 (auf Anhieb 13 Prozent der Stimmen) österreichweit bekannt. Weil die Verbindung von linken und konservativen Grünen nicht hielt, verließ er 1989 die Politik, stellte sich aber 1994 (das Klima im grünen Lager war wieder friedlicher) abermals als Spitzenkandidat zur Verfügung. 1999 schied Simma neuerlich aus dem Landtag aus, trat jedoch bei der im selben Jahr abgehaltenen Nationalratswahl als grüner Spitzenkandidat auf. Zwar erreichte er mit zehn Prozent ein beachtliches Ergebnis. Dieses reichte jedoch nicht für ein Grundmandat. Sein zentrales politisches Anliegen war und ist die ökosoziale Steuerreform, eine grundsätzliche Umorientierung des Wirtschaftens.

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