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Ein echter Umstieg erfordert viel Zeit

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Erdöl und Erdgas steuern fast zwei Drittel der Energie bei, die weltweit verbraucht wird. Sie werden vorwiegend in politisch instabilen Regionen gefördert - eine Herausforderung für die Energiepolitik, die durch die Ereignisse des 11. September neue Aktualität gewonnen hat. Welche Weichenstellungen sich auf dem Energiesektor für die kommenden Jahrzehnten abzeichnen, untersucht das folgende Dossier.

Erdöl und Erdgas sind mit 37,5 beziehungsweise 24,5 Prozent des gesamten Energie-Angebots die mit Abstand wichtigsten Energieträger. Sie stellen nicht nur wegen ihrer Herkunft aus politisch unsicheren Regionen (dem Vorderen Orient und den Nachfolgestaaten der Sowjetunion) einen Unsicherheitsfaktor dar. Auch die vom Klimawandel gezogenen Grenzen ihres Einsatzes machen weltweit ein Überdenken der Energiepolitik notwendig.

Ausgangspunkt solcher Überlegungen ist der seit Jahrzehnten wachsende Weltenergieverbrauch: Rund 90 Prozent Zuwachs seit 1970. Ein beachtliches Plus, das allerdings deutlich unter dem Wert liegt, den die Prognosen des "Club of Rome" Anfang der siebziger Jahre in Aussicht gestellt hatten.

Im Zusammenwirken mit den beiden Energiekrisen haben dessen pessimistischen Szenarien sicher dazu beigetragen, dass heute der Energieverbrauch langsamer zunimmt, als die Wirtschaft wächst: Für zwei Prozent BIP-Zuwachs benötigte man in den letzten Jahrzehnten - im Gegensatz zur Zeit vor 1970 - im Durchschnitt ein Plus von nur einem Prozent bei der Energie. Hätte es diese Entkoppelung nicht gegeben, läge der EU-Energieverbrauch heute um 40 Prozent höher, rechnet Michael Cerveny, Geschäftsführer der Energieverwertungsagentur in der neuesten Ausgabe von "energy" (4/01) vor.

Die Energie-Effizienz weiter zu steigern, sollte daher zentrales Anliegen der Energiepolitik sein, fordert Cerveny. Die meisten Länder der Dritten Welt und des ehemaligen Ostblocks setzten nämlich für eine bestimmte wirtschaftliche Leistung drei- bis fünfmal so viel Energie ein wie ein durchschnittliches OECD-Land. Ein weites Betätigungsfeld also.

Effizienzsteigerung empfiehlt auch das "Internationale Institut für Angewandte Systemanalyse" in seiner Studie "Global Energy Perspektives" aufgrund des Vergleichs unterschiedlicher Entwicklungspfade. Auch diese Arbeit rechnet wie die meisten Szenarien für die Entwicklung des Energieverbrauchs bis 2020 (etwa der EU oder des World Energy Council) mit dessen weiterem deutlichem Anstieg.

Noch etwas zeigen die Szenarien: Dieser Zuwachs werde überwiegend von fossilen Energieträgern getragen sein. Das hängt auch mit der Langlebigkeit der Energietechnologien (Heizanlagen, Kraftwerken, Fahrzeugen) zusammen.

Zunächst mehr Erdgas

In absehbarer Zukunft werden übrigens dem Erdgas die größten Chancen eingeräumt. Es hat gegenüber den anderen fossilen Energieträgern den Vorteil eines relativ geringen Anteils an Kohlen- und des höchsten an Wasserstoff. Damit ist seine Verbrennung klimaschonender, als dies bei Erdöl und Kohle der Fall. So wird Erdgas wohl auch als Treibstoff für Benzinmotoren verstärkt Verwendung finden. Bis 2020 werde es jedenfalls dem Erdöl den Rang abgelaufen haben, hält eine im November 2001 in Brüssel vorgestellte Studie des Erdöl-Multis "Shell" über Perspektiven des Energieverbrauchs fest. Bei diesem werde es ab 2040 weltweit zu Engpässen kommen (siehe auch Seite 14).

Aber was dann? "Um 2050 erreichen erneuerbare Energien ein Drittel des weltweiten Primärenergieverbrauchs und liefern die meiste Sekundärenergie", heißt es in der Studie. Um 2030 würden neue Energieformen wie Wasserstoff und Brennstoffzellen attraktiv werden.

Und darauf stellen sich die großen Erdöl-Multis mittlerweile ein. "Wir haben ein hohes Interesse am Solargeschäft und an der Windkraft", stellte Shell-Vorstandsdirektor Paul Skinner bei der Präsentation der Studie klar, denn bis 2020 könnte ein Fünftel der verbrauchten Elektrizität aus Solarstrom, Wind- und Wasserkraft stammen könnten. Außerdem werde es zwischen 2010 und 2015 zur Verbreitung äußerst sparsamer Autos und zum Einsatz von Biosprit kommen. Allerdings werde die stark steigende Nachfrage der Dritten Welt nach Treib- und Brennstoffen dazu führen, dass nicht mit einer sinkenden Nachfrage nach Erdöl zu rechnen sein wird.

Und damit ist ein weiterer wesentlicher Punkt der Frage zukünftiger Energieversorgung angesprochen. Welche Folgen hat der Nachholbedarf der Entwicklungsländer? Schon ein flüchtiger Blick auf die Statistik zeigt die enormen weltweiten Unterschiede im Energieverbrauch: 1997 konsumierte der durchschnittliche US-Bürger 25 Mal so viel Energie wie der Durchschnittsafrikaner (siehe Graphik). Weltweit haben etwa zwei Milliarden Menschen keinen Zugang zu Elektrizität und modernen Energie-Technologien. In den meisten Entwicklungsländern beschränkt man sich im Wesentlichen auf Biomasse: Holz, Holzkohle, Stroh, tierische Exkremente. Das erklärt auch, warum weltweit die Biomasse einen relativ hohen Anteil des Energiebedarfs deckt, nämlich 14 Prozent.

Was sich aber in vielen Industrieländern als umweltfreundliche Alternative zur Nutzung fossiler Energieträger darstellt, erweist sich in der Dritten Welt als Umweltgefährdung. Denn

* es wird mehr Biomasse verbraucht, als nachwächst (vor allem in der Sahelzone und in Innerasien),

* für bestimmte Energiedienstleistungen ist Biomasse ungeeignet (Verkehr, mechanischer Antrieb) und

* sie wird sehr ineffizient genutzt.

Wo kann man da ansetzen? Zweifellos wird es einen Aufholprozess auf der Basis der bestehenden Techniken fossiler Energienutzung geben, vor allem im Transportwesen. Ohne gezielte Maßnahmen kann dieser Vorgang jedoch zu schweren Umweltbelastungen führen. Daher setzen auf internationaler Ebene Bemühungen ein, den Entwicklungsländern Zugang zu modernen Energiequellen zu eröffnen, ohne die umweltbelastenden Fehler zu wiederholen, die in den Industrieländern begangen wurden. Eine im März vergangenen Jahres in New York abgehaltenen UNO-Konferenz erhob daher im Schlusstext die schon bekannten Forderungen: Forcierung erneuerbarer Energieträger, Erhöhung der Energie-Effizienz, Verbesserung des Zugangs zu bestehenden Energiequellen. In den vielen Ländern ohne landesweiter Elektrizitätsversorgung setzt man große Hoffnungen auf die dezentrale Elektrifizizierung durch Solarstrom.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass sich die weltweite Energieversorgung wie jedes komplexe System nicht rasch umstellen lässt.

Auf mittlere Sicht werden fossile Energieträger also weiterhin dominieren. Um eine nachhaltige Energieversorgung sicherzustellen, die nicht von der Substanz lebt und wenig die Umwelt belastet, sind schon jetzt Weichenstellungen in Richtung erneuerbare Energieträger gefragt. Die EU setzt diesbezüglich jedenfalls deutlichere Akzente als der weltweit größte Energieverbraucher, die USA (siehe Seiten 15 und 16).