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Eine viel zu teure Feuerwehrmedizin

Das Gesundheitswesen kostet den Staat den größten Brocken an Steuergeld im Vergleich zu allen anderen Wesen und Unwesen. Man sagt, es seien etwa zehn Prozent des Brutto-Inland-Produktes. Von allen Ländern der Erde sind die Aufwendungen in den USA am größten, obwohl dort die Versorgung in dem Sinn schlecht ist, daß ein kleiner Teil der Einwohner bestens, der größere Teil jedoch schlecht bis gar nicht von der Vorsorge oder von der medizinischen Versorgung erfaßt werden. Damit will ich sagen: Teuer heißt noch lange nicht besser!

Das Kennzeichen des modernen Kapitalismus, daß die Beichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden - und noch dazu an Zahl zunehmen - beginnt sich sowohl bei uns in Osterreich als auch in unseren östlichen Nachbarstaaten, den ehemaligen kommunistischen Ländern, breit zu machen. Es ist nicht zu verwundern, daß man dort der für alle verfügbaren billigen, vielleicht nicht so besonders guten aber doch existentiellen gesundheitlichen Grundversor-guhg nachtrauert.

Es bringt das beste System nichts, wenn nur eine kleine Minderzahl profitiert, die große Masse des Volkes jedoch aufgrund der hohen Kosten, aufgrund gewisser offizieller oder inoffizieller „Triage" (Auswahl)-Kriterien, wie etwa in England, oder aufgrund langer Wartezeiten mangels personeller oder materieller Ressourcen, nicht zur notwendigen medizinischen Versorgung gelangen kann.

Der größte der erwähnten Kostenanteile wird für die Krankenhausversorgung aufgewendet. Dort sind Personal, Material und Geräte konzentriert. Man versucht derzeit durch „Deckelung" und leistungsbezogene Krankenhaus-Finanzierung (LKF), die steigenden Kosten in den Griff zu bekommen. Dies ist schon in anderen Ländern nicht gelungen und man kann gespannt sein, ob sich bei uns ein Flop wie bei den berüchtigten Pickerln wiederholt.

Die Frage, ob jene Medizin, die bei uns betrieben wird, etwas mit Gesundheit zu tun hat, klingt zwar unfair, ist aber durchaus berechtigt. Es ist jedenfalls gelungen, die durchschnittliche Lebensdauer trotz eines Lebens voller Risikofaktoren so zu verlängern, daß nun das Durchschnittsalter der Bevölkerung steigt und steigt, daher die Zahl der Pensionisten steigt, gleichzeitig aber die Zahl der Erwerbstätigen, die diese Pensionisten erhält, mehr und mehr absinkt. Die Zahl der Erwerbstätigen sinkt sowohl relativ als auch absolut, weil einerseits die Familien zu wenig gefördert werden, andererseits die Arbeitslosigkeit beängstigend zunimmt.

Für die durch Spitzenmedizin am Leben erhaltenen Spitzenaltersklassen, für die das Leben nur noch eine Last ist, schwindet das Interesse, so-daß in manchen Ländern nach einer Endlösung gerufen wird, etwa nach dem Vorbild der alten Römer, die ihre „Depontani" von der Brücke in den Tiber geworfen haben. Das mag hart klingen, aber eine Lösung mit Spritze ist um keinen Deut menschlicher. Auch hierzulande hört man schon von „Mut zu radikalen Maßnahmen" sprechen und das Wort Euthanasie ist durchaus nicht mehr verpönt.

Unser Gesundheitssystem ist in gewissem Sinn pervers geworden. Je besser die Medizin, desto mehr Kranke haben wir unter uns. Und als Gegenmittel werden jene Maßnahmen ergriffen, die der Doyen der Sozialmedizin, Hans Schaefer, als „Feuerwehrmedizin" bezeichnet hat, die teuerst mögliche ärztliche Vorgangsweise.

Es wird viel zu wenig beachtet, daß Gesundheit körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden bedeuten muß.

Es ist für mich daher als Symbol ermutigend, daß nun in Österreich das Gesundheits- und das Sozialministerium zusammengelegt werden. Natürlich besteht in Bealität die Sorge, daß dieses Riesenressort die anfallende Arbeit nicht verkraften kann.

Man darf doch nicht noch und noch Finanzen in Spitäler vom Typ des Wiener AKH pulvern und gleichzeitig zusehen, wie im Lande die Armut ständig zunimmt, die Arbeitslosigkeit steigt und die mit ihnen verbundenen Folgeerscheinungen, wie soziale Unruhe, Kriminaliät, Alkoholismus und andere Süchte zunehmen. Ohne soziale Gerechtigkeit, und dazu rechne ich auch und sogar in erster Linie die Förderung der Familie, kann es kein brauchbares und effektives Gesundheitswesen der Zukunft geben, bestenfalls ein riesiges österreichweites Krankenhausareal mit lauter gekränkten, frustrierten, unzufriedenen und damit kranken Bürgern.

Es ist demnach zu fordern, und das ist eigentlich nichts Neues:

■ Es muß früh eine Gesundheitserziehung beginnen und das ganze Leben fortgesetzt werden!

■ Es muß eine verbesserte Lebensberatung geben, die eine Frühförderung und eine Frühprophylaxe in physischer, psychischer und sozialer Hinsicht beinhaltet.

■ Es ist unbedingt erforderlich, Freizeitaktivitäten jeder Art, einschließlich Breitensport zu fördern. Gerade im Hinblick auf die schon heute sehr lange Lebensperiode im sogenannten Ruhestand, und im Hinblick auf die erwähnte Zunahme von Arbeitslosen muß diesbezüglich eine Betreuung gefordert werden. Dies bedeutet gleichzeitig den Aufbau neuer Gesundheitsberufe!

■ Wenn man erfährt, wie früh Jugendliche zum Alkohol greifen oder zu anderen Drogen verführt werden, muß eine effizientere Verhinderung des Mißbrauchs von Genußmitteln erfolgen.

■ Was die Alten und chronisch Kranken betrifft, wird gerade in der Zeit der leistungsbezogenen Krankenhaus-Finanzierung und der damit verbundenen Reduktion der Zahl der Spitalsbetten, eine intensivere Förderung und Koordinierung verschiedener extramuraler Pflegeeinrichtungen zu fordern sein.

Man wird all diese Dinge immer wieder in Tagungen oder Enqueten präsentieren und diskutieren, wird von gesund und sozial reden und sich dann vermutlich zum Büffet bewegen, wo dick belegte und bestrichene Brötchen zu Wein und Bier und umhaucht von Zigarettenrauch verspeist werden.

Und was die (redanken zur Politik und die Wünsche für die Zukunft unserer Koalition betrifft: die ehemals Christlichsozialen haben sowohl das Christliche wie auch das Soziale gestrichen und die Sozialdemokraten befassen sich bevorzugt mit Bankproblemen. Ein Gesundheitswesen aber, ohne christliche und ohne soziale Ideale ist schwer vorstellbar. Und hinsichtlich der Erwartungen an die moderne Medizin, muß man froh sein, daß der liebe Gott von einigen Organen gleich zwei Stück in den Körpereingebaut hat.

Der Autor ist

Professorfür Physiologie und Dekan der Medizinischen Fakultät in Graz.

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