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Ene, mene, muh, und raus bist du!

1945 1960 1980 2000 2020

Es gibt viele Probleme. Deshalb bitte keine "Ausländerpolitik" mehr. Gerechtes Einkommen, erschwingliche Mieten, gleiche Rechte: all das ist Querschnittpolitik. Und wirksam.

1945 1960 1980 2000 2020

Es gibt viele Probleme. Deshalb bitte keine "Ausländerpolitik" mehr. Gerechtes Einkommen, erschwingliche Mieten, gleiche Rechte: all das ist Querschnittpolitik. Und wirksam.

Martin Luther King hatte sich gerade nach Memphis aufgemacht, die Proteste schwarzer ArbeiterInnen nach Lohnauszahlung zu unterstützen. In Washington wurden die Ergebnisse einer vom amerikanischen Präsidenten eingesetzten Untersuchungskomission präsentiert: "Die meisten Zeitungsartikeln und TV-Programme ignorieren die Tatsache, daß ein wesentlicher Teil ihrer Zuschauer und Leser schwarz ist. Die Welt, die das Fernsehen und die Presse präsentiert, ist fast ausschließlich weiß. Das ist vielleicht verständlich in einer Branche, in der nahezu ausschließlich Weiße die Nachrichten redigieren und zum größten Teil auch schreiben. Eine solche Haltung wird jedoch in einem Bereich, der so sensibel und leicht entflammbar ist, die Entfremdung der Schwarzen verstärken und weiße Vorurteile intensivieren. Die Medien berichten und schreiben aus einer weißen Perspektive, als gebe es nur eine Weltsicht."

Das war Ende der 60er Jahre. Für Österreich gilt das heute. Sie können das Wort "Schwarze" auch durch "Migranten" ersetzen. In den österreichischen Medien von Kurier bis Presse, von News bis profil, von ORF bis Privatradio gibt es kaum Journalisten der Zuwanderergeneration. Als Subjekte sind sie unsichtbar gemacht. Wenn sie auftauchen dann als Objekte beziehungsweise als "Ausländerproblem". Und das immer ohne Anführungszeichen. Als die Diskussionssendung "Zur Sache" zum Disput rief, war nicht ein Teilnehmer geladen, der von Rassismus direkt betroffen ist. Stellen Sie sich eine Diskussion über Frauenpolitik vor, und fünf Männer sind eingeladen!?

Die mediale Wahrnehmung hat es sich in der Fiktion vom Gastarbeiter seit drei Jahrzehnten bequem gemacht. Man hat die Arbeitskraft zu Gast, nicht aber den Menschen. Die willkommene Verschubmasse am Arbeitsmarkt hat sich aber nicht an die ideologische Vorgabe gehalten. Es wurde gelebt, gelernt, geliebt, getrennt, gewohnt, gearbeitet und geblieben. Die Versäumnisse der letzten drei Jahrzehnte an förderlichen Integrationsbedingungen haben die Probleme erzeugt, für die die Betroffenen jetzt zu Sündenböcken gemacht werden: Die teuersten und gleichzeitig miesesten Wohnungen, die niedrigsten Löhne, die schlechteste Bildungssituation, die geringsten demokratischen Rechte in ganz EU-Europa.

Und raus bist du! Es geht darum, wer drinnen und wer draußen ist. Es geht um Grenzen. Nicht um Staatsgrenzen allein. Die Grenze wird jetzt ins Land vorgerückt, durch die Kindergärten gezogen, durch die Schulen, die Gesundheitsstellen, die Wohnbezirke. Die Grenze schneidet sich den Weg durch die Körper, durchs Herz hinein in den Kopf und zurück. Wie ein Seziermesser trennt sie, sehr sauber, die einen von den anderen. Die Nützlichkeitsgrenze gibt die ökonomisch Brauchbaren ins Töpfchen, die Unnützen ins Kröpfchen. Der Virus wird an der Gesundheitsgrenze abgefangen, um den gesunden Volkskörper zu schützen. An der Unschuldsgrenze scheidet sich der Kriminelle vom Braven. Entlang der Reinheitsgrenze wird der weiße Schnee vorm Ruaß bewahrt. Die Belastungsgrenze schließlich trennt das bedrohte Ökosystem vom Rest. "Ausländer" finden sich überall. Bevorzugt jenseits der Grenze mitten im Land.

Die Ausländer-Faustregeln lauten: (a) Man erkennt sie am Gesicht. (b) Alle Moslems sind automatisch Ausländer. (c) Ausländer sind Personen aus den ärmeren und armen Regionen der Erde. (d) Je geringer das Bruttoinlandsprodukt des Herkunftslandes, desto größer die Ablehnung. (e) Je länger der soziale Unterschied im Zielland bestehen bleibt, desto größer die Ablehnung. Rassismus steigt nicht mit der Zahl der "Ausländer", sondern mit der Zahl der einkommensschwachen Ausländer-Haushalte. Das neue Rassenmerkmal zur Unterscheidung der Menschen in gute und schlechte ist das Geld. Wer es hat, der ist kein Fremder, wem es abgeht, der wird zum Fremden.

Xenophobie tritt unabhängig von der sichtbaren Anwesenheit von "Ausländern" auf. Ob Ottakring oder das "ausländerfreie" Kaisermühlen, die Ablehnung ist gleich hoch. In Ost-Deutschland ist Rassismus wesentlich höher als in Westdeutschland. Nur gibt's im Osten keine "Ausländer". Und die höchste Arbeitslosenrate haben in Österreich die Bundesländer mit den niedrigsten "Ausländeranteilen". Um "Ausländer" geht es auch gar nicht. Es geht um Protest gegen "die da oben". Es geht um die Artikulation verletzter Gerechtigkeitsgefühle. Es geht um Angst vor sozialem Abstieg. Es geht um Protest. Es geht um Rebellion. Es geht um die Demonstration von Macht. Rassismus stützt sich ja nicht nur auf Abwertung, sondern auf die Phantasie, die anderen könnten uns überlegen sein. Es geht darum, sich in eine Position der Stärke zu bringen. Es geht darum, über andere zu verfügen.

Es geht um vieles, nur nicht um "Ausländer". Warum also dieser Ausländerkult? Es gibt viele Probleme. Deshalb bitte keine "Ausländerpolitik" mehr. Soziale Integration, bessere Wohnqualität, Mieten, die man sich leisten, Einkommen, von denen man leben kann, Schutz vor Armut, gleiche Rechte - all das ist Querschnittpolitik. Und wirksam.

"Wir werden lernen müssen, die Brosamen zurückzuweisen und hartnäckig einen gerechten Anteil am Brot zu verlangen", sagte Martin Luther King: "Wenn die Apparatepolitiker dagegen Bedenken äußern, müssen wir bereit sein, nur die unabhängigen Parteien oder die Reformflügel großer Parteien zu unterstützen, die bereit sind, unsere Forderungen ernst zu nehmen. Denn das ist politische Freiheit, das ist politische Reife, die unser erwachtes, entschlossenes Bemühen, in allen Aspekten des Lebens als Gleiche behandelt zu werden, zum Ausdruck bringt".

Der Autor ist Sozialexperte in der evangelischen Diakonie Österreich.

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