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"Es braucht eine Vision“

Generalvikar Amalraj spricht über ethnischen Hass mancher Mönche und warum es ohne Militär keine Zukunft gibt.

Die Regierung soll sich um die neofaschistischen Tendenzen Burmas kümmern, sagt C. Amalraj SJ. Der Generalvikar der Erzdiözese Yangon im Gespräch.

DIE FURCHE: Welche Rolle wird das Militär in Myanmar/Burma zukünftig spielen?

C. Amalraj SJ: Ökonomisch wird das Militär völlige Freiheit geben, aber politisch nicht abtreten. Das Militär hat die Rolle des Schiedsrichters übernommen, solange man die Regeln nicht übertritt, kann man spielen, ansonsten wird das Match beendet. Zudem meinen viele, auch Aung San Suu Kyi, dass es ohne das Militär keine Zukunft für Myanmar gibt, weil sonst in Kürze alle einander die Kehle durchschneiden.

DIE FURCHE: Wie ist die Position von Aung San Suu Kyi?

Amalraj: Liberale sind von ihr enttäuscht, aber die Armen hoffen immer noch, dass Aung San Suu Kyi Präsidentin wird und dass ihr Leben dann besser sein wird. Sie ist jetzt die Vorsitzende der Kommission für Recht und Ordnung - diese Kommission hat sie ins Gefängnis gebracht. Viele Burmesen sagen: Sie versucht, an die Macht zu kommen, damit sie Gutes tun kann.

DIE FURCHE: Buddhistische Mönche predigen ethnischen Hass - warum?

Amalraj: Das kann in jeder neoliberalen Ökonomie passieren, das ist ein Ablenkungsmanöver. Wenn es Angst gibt, wächst der Neofaschismus. Aber nicht alle Mönche spielen mit dieser Angst. Und die Buddhisten sagen selbst, dass dies nicht Buddhismus ist. Ich erlebe die Burmesen als in vielem sehr großzügige und freundliche Menschen. Zum Beispiel gibt es in meiner Straße einen Hindu-Tempel, in dem manchmal ab vier Uhr früh Glocken läuten. Da kann niemand schlafen. Aber niemand geht hin und sagt, das geht nicht - es ist eben ihr Tempel, und da muss man manchmal die Glocken läuten. Ich habe großes Vertrauen in die Menschen von Myanmar. Die Regierung sollte sich um diese neofaschistischen Tendenzen kümmern.

DIE FURCHE: Woher stammen diese Tendenzen?

Amalraj: Diese Mönche wurden in Sri Lanka ausgebildet. Die buddhistischen Mönche dort sind Politiker, keine Mönche. Seitdem ich in Yangon bin, befasse ich mich mit Buddhismus. Diese predigenden Mönche vergiften den Geist, aber es ist nur eine kleine Gruppe, die großen Lärm macht.

DIE FURCHE: Wie beurteilen Sie die Arbeit der vielen westlichen NGOs in Myanmar/Burma?

Amalraj: NGOs machen aus dem menschlichen Leiden eine Quelle des Broterwerbs. Ich will die NGOs nicht beschimpfen, wir sind als Jesuiten selbst eine NGO. Doch wie können sie ohne Abhängigkeit und ungleiche Beziehungen arbeiten - wenn es um Geschäftsbeziehungen geht? Mit Projekten kann man die Welt nicht retten. Man braucht eine breitere Vision, die auf Menschenwürde, Gerechtigkeit, Frieden, den biblischen Werten basiert.

DIE FURCHE: 26 Prozent der Bevölkerung Myanmar/Burmas lebt unter der Armutsgrenze, 37 Prozent sind arbeitslos.

Amalraj: Armut ist eine von Menschen verursachte Katastrophe, weil es keine klare Politik und Methode gibt. Deswegen sind Sozialforschung und Anwaltschaft notwendig. Wir haben ein kleines Institut, das Arrupe-Forschungszentrum gegründet, das NGOs beobachtet, ob sie verantwortungsvoll für Myanmar agieren. Zudem erforschen wir schonungslos, warum die Bauern in Schulden geraten und Hunger leiden.

DIE FURCHE: Hunderttausende Hektar Agrarland gehen den Bauern durch Landgrabbing verloren. Warum?

Amalraj: Laut Verfassung gehört alles Land der Regierung - alles, was unter und über dem Boden ist. Die Landrechte sind ein wichtiges Thema, und es gibt große Unterschiede im Verständnis der Landrechte. Daher hat die katholische Bischofskonferenz dieses Thema aufgegriffen: Landrechte und Recht auf Erziehung. Das Land ist für die Armen nicht eine Ressource, sondern ihre Identität.

NGOs unter Aufsicht

Für Amalray machen NGOs aus menschlichem Leiden Geld. Sein Arrupe-Forschungszentrum beobachtet NGOs, ob sie verantwortungsvoll für Myanmar agieren.

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