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"Es geht nicht um Versöhnung"

Ohne Eingeständnis von Schuld und Unrecht durch offizielle Stellen Tschechiens werden die Vertreibungen von 1945 und die damit verbundenen Gräuel in den Grauzonen des Unerledigten und Unbewältigten bleiben.

Jetzt und plötzlich zu einem Zeitpunkt, da bei unseren Nachbarn Wahlen vor der Tür stehen, und da über ein Volksbegehren gegen Temelín - warum wird das Volk nicht befragt, welcher Steuersatz ihm zugemutet werden kann? Darf man bei Atomstrom die Verantwortung auf die Nicht-Fachleute abwälzen? - Stimmung erzeugt wird, jetzt bricht eine Diskussion los, die beweist, dass vielen Mitmenschen die historischen Sachverhalte der Vertreibung unserer Landsleute aus dem heutigen Gebiet von Tschechien weitgehend unbekannt sind. Auf diese Art wird jede begründete, begründbare und sachliche Auseinandersetzung über die mittlerweile zur Geschichte gewordenen Fakten in weite Ferne gerückt oder nicht auf die Sach-, sondern nur auf die Beziehungsebene gebracht. Dies ist immer gefährlich, besonders wenn politisches Kalkül ins Spiel kommt.

220.000 Tote

Wir alle sind gefordert, wie immer und von welcher Seite man es sehen will, ob von Seiten der Täter oder der Opfer, einerseits den Ursachen für die Vertreibung im einzelnen und in concretis nachzugehen - Hitlerdeutschland gibt es nicht mehr; es gab jedoch Kriegsverbrecherprozesse in Deutschland nach dem Krieg und gegebenenfalls heute noch - und andererseits, zumindest historisch und objektiviert, auch die Frage nach Schuld oder Unschuld zu stellen. Erst dann werden wir in die Lage versetzt, losgelöst von der Frage nach Entschuldigung, Versöhnung und Wiedergutmachung, als unterste und unabdingbare Basis den Rechtsstandpunkt klären zu können. Kein Staat der Welt kann Mord oder Raub des Eigentums Einzelner durch Gesetze legalisieren oder das damit begangene Unrecht ungeschehen machen. Aus diesem Grunde können die BeneÇs-Dekrete nicht Teil der Grundlage von Rechtsstaatlichkeit eines Staates bilden, der sich um die Mitgliedschaft in der Staatengemeinschaft der EU bewirbt. Solange die zuständigen Politiker und die Mitglieder des tschechischen Parlaments, also die gewählten Volksvertreter, nicht bereit sind, das geschehene Unrecht eindeutig einzugestehen und dafür Verantwortung zu übernehmen, solange werden alle diese Vorfälle stets in die Grauzone des Unerledigten, des Unbewältigten und folglich des emotionalen Konfliktpotentials gedrängt. In dieser Grauzone können dann Politiker oder Personen unterschiedlicher Haltungen und Nationalitäten unter völlig divergierenden Absichten herumwühlen und sich je nach Wunsch der unterschiedlichsten Argumente bedienen.

Wir wissen, dass vor 1945 Hitler-Deutschland steht. Das Nachfolgedeutschland war und ist bemüht, Schuld auf sich zu nehmen. Auch wir in Österreich bemühen uns gerade in der letzten Zeit, Wiedergutmachung zu leisten. Ich selbst bin überzeugt, und diese meine Überzeugung stützt sich auf viele Gespräche mit Heimatvertriebenen, die sowohl in Deutschland als auch in Österreich zu den Pionieren des Wiederaufbaus und des Wirtschaftswunders zählen, dass es den Südmährern und Sudetendeutschen primär gar nicht um eine Abgeltung des Hab und Gutes geht, das sie in ihrer Heimat zurücklassen mussten. Sie erwarten vielmehr, und dürfen es mit Recht ein halbes Jahrhundert nach ihrer Vertreibung erwarten, dass von den offiziellen Stellen Tschechiens auf adäquate Art und Weise ein Eingeständnis von Schuld und Unrecht vorgenommen wird. Hier geht es, was immer davor gewesen sein mag um das Faktum, dass 220.000 Südmährer und Sudetendeutsche 1945 durch die Austreibung zu Tode kamen und dass 3,5 Millionen Deutsche gewaltsam aus einem Land vertrieben wurden, in das sie Karl IV. gerufen hatte, das also seit dem Mittelalter ihre angestammte Heimat war. Solange eine solche Deklarierung ausbleibt und einer der bekanntesten tschechischen Politiker bei einem Interview in Wien erst unlängst erklären konnte: "Versöhnung das ist etwas von einer anderen Galaxie", solange wird begründet der Eindruck erweckt, im heutigen Staat Tschechien bestünde die Meinung, man könne das begangene Unrecht durch Gesetz, eben durch die BeneÇs- Gesetze bereinigen. So wird Vergangenheit nicht bewältigt. Es bleibt bei Pauschalurteilen. Emotionen werden genährt und manchmal kann man sich schlicht des Eindrucks nicht erwehren, dass gewisse Politiker hüben und drüben in ihren wahltaktischen Manövern mit der Manipulierbarkeit der Wähler geradezu rechnen, indem sie gezielt mit Halbwahrheiten und unaufgearbeiteten, im Zwielicht liegenden Fakten argumentieren.

Um es klar zu sagen: Primär geht es vorerst gar nicht um Versöhnung - da mögen die christlichen Kirchen aktiv werden -, sondern um das Eingeständnis von Unrecht und Schuld.

Weil wir alle über den Zusammenbruch des Hitlerreiches - Günter Grass sei in diesem Zusammenhang mit seinem neuesten Buch zitiert - noch viel zu wenig und wenn überhaupt, nur in groben Zügen wissen, möge ein so schlichter, aus dem Volk genommener Bericht, wie jener aus dem Pfarrhof Eibenstein als kleiner, aber wichtiger Baustein einem größeren Publikum unterbreitet werden. Nur aus so lebensnahen, unverfälschten Tatsachenberichten, die aus dem Alltag genommen sind und zu Jedermann zu sprechen vermögen, lässt sich langfristig eine korrekte und klare Bewältigung unser aller Vergangenheit erreichen. Die großen Parolen des tausendjährigen Reiches stecken manchen von uns noch dramatisch in den Ohren. Leider bewegen wir uns wieder auf eine Radikalisierung und Fanatisierung zu, die nicht nur in Österreich feststellbar ist. Es droht in ganz Europa Gefahr, weil uns noch immer die Kultur des Dialogs und des Argumentierens fehlt, Toleranz Andersdenkenden und Andersempfinden gegenüber zu üben und sie nicht mit Parolen nieder zu machen und zu diskriminieren. Weil viele, auch unter den Politikern, den Missbrauch oder die Vergröberung der freien Meinungsäußerung mit Wegschauen und Schweigen quittieren, droht Gefahr und es könnte Freiheit in Unfreiheit pervertiert werden. Es sei noch erwähnt, dass die Charakterstruktur mancher Zeitgenossen so beschaffen ist, dass diese zu Methoden, Verhaltens- und Ausdrucksweisen neigen, die auf junge Menschen, die Ideale suchen, Eindruck machen, jedoch nicht zu einem friedlichen Zusammenleben in einem großen Europa führen.

Die Werte Europas

Dieses Europa muss auf Werten seine feste und bleibende Absicherung finden, die in unserer Geschichte ebenso wie im Christentum, in all dem, was gemeinsam an Kunst und Wertvollem über die Jahrtausende geschaffen wurde, die in der Individualität der Völker und Sprachen ihre ausdrucksvolle Lebendigkeit erfahren und unsere Tradition und Geschichte ausmachen. Wäre der Euro das einzig Verbindende, dann genügte der Markt und der Erfolg. Doch EU-Erweiterung muss eine Erweiterung der Friedenszone bringen. Für Frieden formulierten die Scholastiker das Axiom: "Pax est tranquillitas ordinis - Friede ist die Ruhe, die eintritt, wenn die Ordnung hergestellt ist". Wir wünschen uns den Frieden und es ist ebenso wünschenswert, dass die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, nicht in einer Lautstärke, wie wir sie jetzt erleiden müssen, sondern bedacht und behutsam und zwar von Mensch zu Mensch.

Übrigens, Bruno Kreisky handelte als Bundeskanzler mit der tschechoslowakischen, kommunistischen Regierung eine Entschädigungssumme von zwei Milliarden Schilling (!) für das konfiszierte Eigentum der in Österreich lebenden Vertriebenen aus. Der Großteil der Betroffenen lehnte entschieden ab.

Noch eine Frage stellt sich in diesem Zusammenhang: Könnte nicht auch für Slobodan MiloÇsevi´c ein Freispruch per Gesetz gefunden werden? Vielleicht ebenfalls eine Art BeneÇs-Dekrete?

Der Autor ist

Abt des Stiftes Geras.

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