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„Es geht vielen um eine Entschuldigung“

Die „unabhängige“ Opferschutzanwältin für kirchliche Missbrauchsfälle, Waltraud Klasnic, hat ihre achtköpfige Kommission vorgestellt. Im FURCHE-Interview erklärt sie, wie sie das Vertrauen in ihre Arbeit gewinnen will und was die nächsten Arbeitsschritte sein werden.

Waltraud Klasnic hat in ihre Kommission durchaus prominente Persönlichkeiten geholt, die für eine kritische Distanz zur Kirche stehen, bekunden Beobachter (siehe unten). Dennoch zeigt sich die „Plattform Betroffener kirchlicher Gewalt“ weiterhin kritisch: „Wer immer in dieser Kommission sitzen mag, sie ist und bleibt eine von der Kirche und damit von den Tätervertretern eingesetzte, bezahlte und gesteuerte Gruppe“, sagte ein Sprecher.

Die Furche: Frau Klasnic, die „Plattform Betroffener kirchlicher Gewalt“ ist immer noch sehr kritisch, Ihrer Arbeit gegenüber. Wie wollen Sie diese überzeugen?

Waltraud Klasnic: An unserer Arbeit soll man uns messen. Die Kommission zeigt, dass sie wirklich unabhängig und frei von der Kirche ist. Sie ist auch ausgewogen in der Regionalität und zwischen Männern und Frauen. Man soll uns arbeiten lassen. Alle sind herzlich eingeladen, mitzuhelfen und sich zu melden.

Die Furche: Werden Sie auf diese Plattform zugehen?

Klasnic: Jeder, der mit uns reden will, ist herzlich willkommen. Es gibt zudem verschiedene Plattformen. Wir haben versucht, diese Plattformen zu verbinden.

Die Furche: Wie wollen Sie das Vertrauen auch dieser Plattform gewinnen?

Klasnic: Jetzt wird im Vorfeld kritisiert. Wir werden uns in fixen Abständen zu Wort melden und darüber informieren, was wir tun. Dann wird man sehen, ob die Kritik anhält. Die Erfahrungen der letzten Wochen haben gezeigt, dass einige von denen, die uns kritisierten, mittlerweile sagen: Wir helfen mit.

Die Furche: Die angesprochene Plattform fordert etwa die Einsetzung einer staatlichen unabhängigen Kommission. Würden Sie das begrüßen?

Klasnic: Ich bin Vorsitzende, habe aber kein Stimmrecht. Und wenn man die Kommissionsmitglieder richtig einschätzt und qualifiziert und ihre Lebensleistungen kennt, dann ist das die richtige Zusammensetzung. Von Seiten des Staates gibt es den Runden Tisch.

Die Furche: Heißt das, Ihre Kommission verbunden mit dem Runden Tisch ersetzt eine staatliche Kommission?

Klasnic: Das würde ich so nicht sagen. Das muss jeder Verantwortungsträger für sich entscheiden. Die Kirche ist einen Schritt gegangen. Ich kann nicht für die Öffentlichkeit oder für andere Institutionen sprechen.

Die Furche: Was sind die nächsten Schritte der Kommission?

Klasnic: Zuerst werden wir uns konstituieren und eine Geschäftsordnung erhalten. Dann beginnt die Arbeit mit jenen, die sich bei uns melden. Nächste Woche gibt es ein Treffen mit den Ombudsstellen der Diözesen, die wichtige Vorarbeit geleistet haben.

Die Furche: Wie viele Opfer haben sich schon gemeldet?

Klasnic: Es hat an die 500 Kontakte gegeben, davon waren ca. 100 Menschen, die sagen, sie seien betroffen, sie seien Opfer. Die anderen gaben gute Ratschläge, Zuspruch oder meldeten sich im Namen von Dritten.

Die Furche: Worum geht es diesen Menschen, die bei Ihnen anrufen?

Klasnic: Es geht ihnen um eine Entschuldigung, eine Gegenüberstellung mit dem Täter, ums Erzählen. Manche hoffen auf eine Therapie.

Die Furche: Und Anklagen?

Klasnic: Über eine Anklage muss das Opfer selbst entscheiden. Wir werden niemanden bremsen.

Die Furche: Gibt es von Opfer-Seite Wünsche nach Entschädigungszahlungen?

Klasnic: Das wird sich bei den Gesprächen mit den Betroffenen zeigen. Ich werde die Gespräche zusammen mit Psychologen und, wenn notwendig, mit einem Anwalt führen. Mein Gesprächspartner kann selbstverständlich auch eine Begleitperson mitnehmen. Wenn es notwendig ist, können wir dann auch sofort, etwa über eine Therapiemöglichkeit, entscheiden. Jene Mittel, die wir für die Opfer brauchen, werden wir von der Kirche auch bekommen.

Die Furche: Wer wird die Vertuschungen in der Kirche aufklären?

Klasnic: Jetzt müssen wir einmal mit den Opfern Gespräche führen. Wir müssen wissen, ob jene noch leben, die davon betroffen sind. Das ist eine heikle Aufgabe. Dafür gibt es die Kommission.

Die Furche: Zwei Wiener Anwälte bereiten indes eine Sammelklage gegen die Kirche vor. Was sagen Sie dazu? Werden Sie mit denen Kontakt aufnehmen?

Klasnic: Man kann nicht sagen, dass sich jeder betroffene Mensch gleich verletzt fühlt. Das ist eine juristische Frage, die wir in der Kommission besprechen werden. Grundsätzlich nehme ich Kontakt zu den Opfern auf. Das ist meine Hauptaufgabe.

Die Furche: Ein Vertreter der „Plattform Betroffener kirchlicher Gewalt“ geht von ca. 70.000 Opfern in Österreich aus …

Klasnic: Ich spreche über die Opfer der Kirche. Und damit ist diese Ziffer absolut unrealistisch. Wie viele Opfer es gibt, das kann ich heute nicht sagen.

Die Furche: Was sind Ihrer Meinung nach die Hauptgründe für die vielen Missbrauchsfälle?

Klasnic: Es gibt von Fall zu Fall unterschiedliche Gründe.

Die Furche: Muss die kirchliche Sexualmoral geändert werden?

Klasnic: Wenn wir unsere jetzige Aufgabe bewältigt haben, dann werden wir ein gemeinsames Positionspapier erstellen, in dem Vorschläge an die Kirche formuliert sein werden.

* Das Gespräch führte Regine Bogensberger

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