"Es ist Platz für alle in Israels Gesellschaft"

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Die bevorstehenden Wahlen in Israel seien die wichtigsten seit der Staatsgründung, meint der in Wien geborene Ex-Chefredakteur der "Jerusalem Post", Ari Rath. Er hofft auf einen Wahlsieg der Arbeiterpartei, Voraussetzung für einen zielstrebig fortgesetzten Friedensprozeß.

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Die bevorstehenden Wahlen in Israel seien die wichtigsten seit der Staatsgründung, meint der in Wien geborene Ex-Chefredakteur der "Jerusalem Post", Ari Rath. Er hofft auf einen Wahlsieg der Arbeiterpartei, Voraussetzung für einen zielstrebig fortgesetzten Friedensprozeß.

dieFurche: In Israel stehen für die Zukunft des Landes entscheidende Wahlen an. Der arabische Knesset-Abgeordnete Azmi Bishara sagte dazu, daß wenn Israel demokratisch bleiben wolle, könne es auf Dauer kein jüdischer Staat sein.

Ari Rath: Nein, das stimmt auf keinen Fall! Demokratie und Judentum sind ganz bestimmt vereinbar. Allerdings ich kann Azim Bishara verstehen. Er gehört zu einer ständigen Minderheit in Israel. Wenn die arabischen Bürger auch zwanzig Prozent sind und ständig mehr werden. Natürlich ist es für ihn nicht leicht, zu sehen, wie 200 Meter von dem Ort wo er wohnt, die Palästinenser bald ihren eigenen Staat haben werden. Aber ich kann fast mit Sicherheit sagen, daß letzten Endes die palästinensische Minderheit in Israel sich dem zukünftigen Palästinenserstaat gegenüber so verhalten wird, wie eine jüdische Gemeinde in London oder in Wien zum Staat Israel steht. Alle mit großem Stolz - auch Leute die in Nazareth wohnen - großer Stolz, daß sie endlich einen eigenen Staat haben, aber ich glaube kaum, daß ein israelischer Palästinenser aus dem israelischen Nazareth ins palästinensische Nablus übersiedeln will. Es ist für israelische Palästinenser wichtig, daß der palästinensische Staat gedeiht, doch sie sind Bürger Israels.

dieFurche: Herr Rath, warum messen Sie gerade diesen Wahlen eine so wichtige Bedeutung bei?

Rath: Diese Wahlen sind die wichtigsten seit der Staatsgründung Israels, weil dabei über die Seele unseres Volkes entschieden wird. Denn die Gefahr eines durch die Religion geförderten Nationalismus ist groß. Die religiösen Parteien waren immer schon das Zünglein an der Waage, und haben deshalb eine politische Bedeutung, die ihnen rein zahlenmäßig nicht zusteht. Wie kann man ein so verzwicktes Land überhaupt regieren? Viele sagen, man müßte das Volk umtauschen, aber Tatsache ist, das ist unser Volk. Bei dieser Wahl wird außerdem zum ersten Mal der Premier direkt gewählt. Aber auch über territoriale Grenzen wird entschieden. Die Ostgrenze Israels war bislang immer noch unklar. Jetzt wird eine endgültige Grenze gezogen.

dieFurche: Wie sehr spielt die jeweilige ethnische Herkunft der israelischen Bürger bei dieser Wahl eine Rolle?

Rath: Bei Wahlen treten zumindestens zum Teil die ethnischen Obertöne hervor. Mit anderen Worten, ein Soldat aus einer jüdischen Familie marokkanischer oder irakischer Herkunft wird eher mit seiner Sippe wählen. Aber ganz bestimmt - und das ist auch meine Hoffnung, die ich bei den 400.000 Neuwählern habe - wollen die so bald wie möglich eine friedliche Lösung. Denn man darf nicht vergessen, solange wir im aktiven Kriegszustand mit unseren Nachbarn waren - und es gab eine Intifada, Aufstände der Palästinenser - ob man es wollte oder nicht, man wußte: Das Kämpfen ist unsere Pflicht. Aber gerade jetzt, wo es einen aktiven Friedensprozeß gibt, der nur mehr durch verschiedene politische Manipulationen mal aufgehalten wird, mal fortgesetzt wird, ist es natürlich noch viel sinnloser, wenn ein junger Soldat verwundet wird, oder - Gott behüte! - sein Leben opfern muß, nur damit man auf dem politischen Schachbrett noch ein bißchen weiter spielen kann.

dieFurche: Rechte Parteien in Israel warnen davor, daß das Land mehr und mehr unideologisch werde, daß der wachsende Wohlstand die Widerstandskraft mindere. Hat die Kampfbereitschaft bei israelischen Jugendlichen abgenommen?

Rath: (zögert) Nein, das nicht! Denn im Moment wo dieser Junge, der sogar in der Friedensbewegung gewesen sein mag, in Uniform ist, oder sogar im Libanon ist, dann tut er alles zum Besten seines Landes. Aber es stimmt, daß in den letzten ein zwei Jahren die sinnlose Fortsetzung, der militärischen Präsenz im Südlibanon immer mehr kontrovers gesehen wird. In den letzten Wochen haben Mütter von gefallenen Soldaten eine neue Protestbewegung zusammengestellt. Es ist genug, daß ihnen das passiert ist; sie wollen alles tun, um zu vermeiden, daß es noch mehr Mütter gibt, die ihre Söhne verlieren. Ich glaube, in jedem Fall ist die Kampfbereitschaft da, aber auch der Friedenswille ist vorhanden - ganz bestimmt!

dieFurche: Wie beurteilen Sie jene militanten jüdischen Siedler, die mit Gebetsschal und Gebetsriemen bekleidet, um ihre Wohngebiete im Palästinenserland kämpfen?

Rath: Das ist eine Verzerrung des wahren jüdischen Glaubens, des frommen Geistes, der Moralität! Aber sie sind eine kleine Minderheit, die sehr oft die Mehrheit nicht nur schikaniert, sondern die Mehrheit erpreßt und unter Zugzwang bringt. Viele haben vollkommen vergessen, schon unter der Regierung von Herrn Begin gab es zwei oder drei Beschlüsse, daß die Siedler eigentlich illegal in Hebron sind, und daß sie weg müssen. Aber das haben alle vergessen, und jetzt sitzen dort 450 fanatische Siedler im Herzen der Stadt und provozieren die Palästinenser - niemand wagt etwas zu tun.

dieFurche: Schlomo Ben-Ami, Vordenker der Arbeiterpartei, hat seiner Partei vorgeworfen, die prekäre soziale Lage im Land zu ignorieren. Ist der Zuspruch, den rechte Parteien in Israel erhalten, auch ein Aufbegehren gegen die Elite der Linken in den Machtpositionen der israelischen Gesellschaft?

Rath: Also viele Jahre lang war die Arbeiterpartei sicherlich von den ursprünglichen Idealen etwas entfernt. Wenn man sich aber heute die Liste der Kandidaten anschaut, zu der ja auch Schlomo Ben-Ami gehört, dann hat sich die Arbeiterpartei in den letzten Jahren diesbezüglich verbessert. Doch Symptome der Vergangenheit wird man nicht so leicht los. Und deswegen ist Ben-Ami mit Recht kritisch und selbstkritisch. Diese Kritik wird auch in seinem eben erschienenen Buch sehr deutlich; die Übersetzung des Titels lautet: Es gibt Platz für alle.

dieFurche: Heißt das Platz für alle in der Arbeiterpartei?

Rath: Sicherlich! Es gibt Platz für alle in der Arbeiterpartei, aber es heißt auch, es ist Platz für alle in der israelischen Gesellschaft. Man muß die Dinge nur richtig anfassen. Ben Ami, er ist ja von Beruf Universitätsprofessor, legt mit Recht sehr viel Wert auf Erziehung und Bildung. Das ist heute eine primäre Aufgabe für die israelische Politik, und es ist auch kein Zufall, daß die Verbesserung des Bildungssystems ein wichtiger Programmpunkt der Arbeiterpartei ist. Hochschulerziehung ist eben heute noch auf jene beschränkt, die sich ein Studium finanziell leisten können. Die Mittel im Erziehungsbereich müssen erhöht werden, und auch der freie Hochschulzugang ist wichtig. Das wird sich dann auch positiv auf unsere Gesellschaft auswirken.

dieFurche: Zwei ehemalige Generalstabschefs kämpften um das Amt Spitzenkandidaten der Arbeiterpartei. Der intellektuelle Ehud Barak hat sich durchgesetzt, obwohl die Umfragen seinem charismatischen Konkurrenten Amnon Lipkin-Schachak die besseren Chancen signalisierten. War Barak die richtige Entscheidung?

Rath: Bei uns ist es ja interessant, daß ehemalige Generäle die besten Demokraten werden. Weil sie in den langen Jahren ihrer Militärzeit verstanden haben, daß die einzige Lösung unserer Probleme eine politische und friedliche ist. Sie brauchen ja nur an den ermordeten Premier Itzhak Rabin denken. Sicher, Ehud Barak hat bestimmte Fehler, doch Schachak hatte andere. Barak bessert sich, aber er müßte noch lockerer sein, und das versucht er. So schnell ist das jetzt nicht mehr zu ändern. Doch Barak würde sicher einen guten Premierminister hermachen dieFurche: Wie kann aber der hölzern und steif wirkende Barak gegen das Medientalent Netanjahu eine Wahl gewinnen?

Rath: Ganz einfach dadurch, daß die Leute jemanden nicht nur aufgrund seiner Medienfähigkeiten wählen. Wenn Politiker sehr medienwirksam sind, und das gilt genauso für Österreich oder Deutschland, dann bedeutet das nicht automatisch, daß diese auch gut eine Regierung führen können. Und das haben auch ziemlich viele eingesehen, aber auf bestimmte Schichten der Gesellschaft und des Volkes hat das Mediengeschick Netanjahus einen großen Einfluß. Der Marktplatz ist Likud-Land, und dort kann Netanjahu viel gewinnen. Er ist ein unglaubliches Talent und einer der geschicktesten Politiker. Die Umfragen schauen für ihn nicht schlecht aus. Außerdem, Netanjahu und Likud sind eins, und wer sich gegen ihn stellt, ist ein Verräter. Viele sagen der Likud ist unser Haus, und wir werden Likud wählen, wer immer da an der Spitze steht, und per Spaß sagte jemand: Sogar wenn eines Tages Arafat der Vorsitzende des Likud ist, bleiben sie dort!

dieFurche: Wird's diesmal die Arbeiterpartei schaffen?

Rath: Ich hoffe ja. Ich hoffe, der wahre Geist der Vernunft behält die Oberhand. Nach 50 Jahren im Kriegszustand verdienen wir alle eine Zukunft der Hoffnung.

Das Gespräch führte Wolfgang Machreich.

ZUR PERSON Ex-Wiener, Kibbutzgründer, Journalist Ari (Arnold) Rath wurde im Jänner 1925 in Wien geboren und besuchte dort das Wasagymnasium. Seine Familie war traditionell jüdisch religiös. Der Vater, besaß einen Papiergroßhandel am Stubenring. Die Mutter starb bereits 1929. 1938 konnte Ari Rath mit seinem Bruder in einem Jugendtransport nach Palästina flüchten. Dort wurde er zum Mitbegründer von Chamadiya, einem Kibbuz im Jordantal. 1958 begann er seine journalistische Tätigkeit bei der "Jerusalem Post"; von 1975 bis 1989 war er deren Chefredakteur. Er setzt sich vehement für den Friedensprozeß zwischen Israelis und Palästinensern ein. Ari Rath lebt in der Nähe von Jerusalem.

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