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Es wird immer wärmer ...

Das verrückte Wetter ist derzeit Gesprächsthema Nummer eins. Bereits Mitte Februar sonnten sich die ersten Wiener nackt in der Lobau, die Marillenbäume blühen um mehr als ein Monat zu früh, manche Abende in diesem Winter waren lauer als im Hochsommer, Schani-Gärten und Straßenmusikanten erfreuten sich größter Beliebtheit.

Ist dieses Wetter noch normal, oder sind das bereits die ersten Anzeichen einer kommenden Klimaveränderung? Ein Gespräch mit Helga Kromp-Kolb, Universitätsprofessorin am Institut für Meteorologie und Physik an der Universität für Bodenkultur in Wien.

dieFurche: Sind solche extremen Schwankungen, wie wir sie in diesem Winter in Österreich erleben, nicht sehr ungewöhnlich?

Helga Kromp-Kolb: Ich habe dazu noch keine genauen Zahlen. Es ist sicher nicht etwas Alltägliches, aber auch nicht etwas, was noch nie passiert wäre.

dieFurche: Haben unsere Wetterkapriolen etwas mit der vielzitierten Klimaanomalie im tropischen Pazifik, dem El Nino, zu tun?

Kromp-Kolb: Das ist etwas, was wir derzeit weder beweisen noch widerlegen können. Wissenschafter haben in den letzten Jahren sehr viel darüber gelernt. Man kann damit viele der ungewöhnlichen Ereignisse in den Subtropen erklären. Es gibt auch Vermutungen, daß beispielsweise die Überschwemmungen im letzten Jahr in Polen und Tschechien etwas mit El Nino zu tun hatten. Aber dafür ist die Beweiskette noch nicht klar genug.

dieFurche: Wenn man sich den Verlauf der Luftemperatur in Österreich (siehe Grafik) ansieht, so fällt auf, daß die Temperatur in den letzten 20 Jahren deutlich gestiegen ist. Liegt das noch im natürlichen Schwankungsbereich, oder kann man bereits von einem von Menschen (anthropogen) verursachten Treibhauseffekt sprechen?

Kromp-Kolb: Wenn man die Kurve von Österreich mit der globalen vergleicht, dann erkennt man bei der globalen Kurve ebenfalls diesen Anstieg. Natürlich ist die Temperatur von Jahr zu Jahr und in den einzelnen Regionen immer verschieden. Aber im Prinzip ist dieser starke Anstieg in den letzten Jahren durchaus etwas, was auch international zu beobachten ist und von dem viele Wissenschafter meinen, daß das ein anthropogen verursachter Temperaturanstieg ist.

Auch die großen Rückversicherungsanstalten sind sich sicher, daß es bereits Klimaveränderungen gibt. Denn selbst wenn sie die Schäden um die Tatsache bereinigen, daß Menschen heute auch dort wohnen, wo früher beispielsweise wegen Muren- oder Lawinengefahr niemand sein Haus gebaut hätte, dann verzeichnen sie unterm Strich eine Zunahme von Katastrophen. Das ist für die Versicherungen ein deutliches Signal.

dieFurche: Gibt es bereits einen wissenschaftlichen Beweis, daß es sich dabei um einen von Menschen verursachten Treibhauseffekt handelt?

Kromp-Kolb: Die Mehrzahl der Wissenschafter ist zumindest der Ansicht, daß das hinreichend belegt ist. Auch die zahlreichen Wissenschafter, die für das Intergovernmental Panel on Climate Change (ein von den Vereinten Nationen eingerichtetes Klimaexpertengremium, Anmerkung der Redaktion) arbeiten, meinen, daß dieser Anstieg ein Hinweis auf anthropogene Aktivitäten ist, die Folge der erhöhten CO2-Konzentration. Das heißt natürlich nicht, daß jedes zehntel Grad Erwärmung auf den Menschen zurückzuführen ist.

dieFurche: Und ihre persönliche Meinung? Ist der Anstieg in Österreich ein Hinweis auf den Treibhauseffekt?

Kromp-Kolb: Also ich halte das für sehr wahrscheinlich. Wenn sich global ein Anstieg zeigt, dann ist das, was wir hier in Österreich beobachten, sicherlich ein Teil davon. Wobei man da ein bißchen aufpassen muß, weil sich die Großwetterlage in den letzten zwei Jahren umgestellt hat. Davor hatten wir heiße Sommer, die für den starken Anstieg sicherlich mitverantwortlich waren. Dieser Anstieg wird möglicherweise in den nächsten Jahren nicht fortgesetzt. Jetzt läuft es eher wieder auf eine westliche Strömung hinaus, mit vermutlich kühleren und feuchten Sommern. Dann darf man aber nicht gleich sagen, daß das ganze Gerede um den Treibhauseffekt eine Fehlinterpretation ist. Ich halte es für gut, wenn man die Öffentlichkeit darauf hinweist, daß in Österreich - trotz einer globalen Erwärmung - die Sommer auch wieder kühler sein können.

dieFurche: Was passiert eigentlich in Österreich, wenn die Temperatur steigt?

Kromp-Kolb: In Österreich wurde in dieser Richtung bis vor kurzem noch sehr wenig geforscht. Das ist sicherlich eine wesentliche Aufgabe der nächsten Jahre, denn es ist uns bewußt, daß hier etwas geschehen muß.

Das wahrscheinlichste Szenario derzeit ist - das heißt aber nicht, daß es das richtige ist -, daß es wärmer wird, insbesondere die Winter. Daher wird die Dauer der Schneedecke zurückgehen. Es fällt später Schnee, er bleibt später liegen und schmilzt früher. Das hat Konsequenzen. Zum Beispiel, daß Bodenfröste häufiger auftreten. Die Böden werden im Sommer stärker austrocknen. Das hat natürlich Auswirkungen auf die Landwirtschaft. Die Tatsache, daß es weniger regnen wird, kann zu ernsten Problemen führen. Und zwar nicht nur für die Landwirtschaft, sondern auch für Bäume. Betroffen sind dabei vor allem Gebiete, wo Niederschlag schon jetzt eher knapp ist, also im Nordosten Österreichs. Möglicherweise treten Baumsteppe auf und in den Randzonen des subalpinen Raumes, könnte es der Fichte, die dort jetzt dominiert, zu warm werden, und sie wird in diesen Zonen verschwinden.

dieFurche: Wissenschafter sprechen davon, daß es Treibhausgewinner und -verlierer geben wird. Beispielsweise soll Finnland zu den Gewinnern gehören, weil dort bei einer Erwärmung des Klimas Getreide angebaut werden könnte, so die Überlegungen. Ihrer Einschätzung nach gehört aber Österreich zu den Verlierern?

Kromp-Kolb: Das ist schwer zu sagen. Ich glaube, es wird überall Umstellungen geben, und das mit den Gewinnern und Verlierern wird meist auf relativ einfache Weise berechnet. Das ist etwa in den USA sehr beliebt. Man wählt ein Gebiet aus, das heute zu den fruchtbarsten zählt. Danach sagt man, dieses Klima wird dann um so und soviel Grad weiter im Norden auftreten. Daher wird bei einer Klimaerwärmung dieses nördlichere Gebiet zur Kornkammer. Aber da muß man zuerst einmal fragen, ob der Boden dort für einen Getreideanbau überhaupt geeignet ist. Auch in Schweden ist nicht gesagt, ob wirklich Orangen wachsen könnten.

Ein weiteres Probleme dabei ist, daß die Klimaveränderung relativ rasch erfolgen wird und die Umstellung des Ökosystems möglicherweise nicht rasch genug nachkommt, um Hungersnöte zu verhindern. Ich möchte kein Katastrophenbild zeichnen, aber ich glaube, daß die möglichen Änderungen wirklich ernst zunehmen sind. Solange wir nicht sicher sind, daß keine eintreten, müssen wir davon ausgehen, daß das, was wir sehen, auch tatsächlich mit dem Treibhauseffekt zusammenhängt.

Wobei es auch Auswirkungen auf die Menschen geben wird. Schädlinge und Krankheitserreger werden sich ändern. In Österreich wird vielleicht die Malaria bestens überleben. Ein Gesundheitssystem, wie wir es jetzt haben, ist dafür relativ gut gerüstet, um mit solchen Attacken fertig zu werden. Vorausgesetzt, es kommt nicht gleichzeitig zu einer Völkerwanderung, die natürlich ebenfalls einsetzen kann. Wenn beispielsweise Teile Ägyptens unter Wasser stehen, weil der Meeresspiegel um einen halben bis einen Meter steigt, dann müssen Millionen von Menschen irgendwo anders hin. Die Vorstellung, daß sich diese Menschen drei Kilometer weiter hinten im Landesinneren ansiedeln, ist trivial, eben aus den vorhin genannten Gründen. Das was jetzt Wüste ist, wird nicht durch den Anstieg des Meeresspiegels umgehend zu fruchtbarem Ackerland.

Das Gespräch führte Monika Kunit.

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