Karas - © Foto: Wolfgang Machreich
Politik

EU-Gipfelgespräch mit Othmar Karas

1945 1960 1980 2000 2020

Othmar Karas ist das „europäische Gewissen der ÖVP“, doch Türkis goutiert sein Engagement für mehr EU nicht. Warum bleibt er dennoch dabei?

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Othmar Karas ist das „europäische Gewissen der ÖVP“, doch Türkis goutiert sein Engagement für mehr EU nicht. Warum bleibt er dennoch dabei?

Abmarsch ist beim Gasthaus Kienklause, dort, wo die Landesstraße zwischen Attersee und Traunsee eng und kurvig wird. Für einen geübten Bergsteiger marschiert Othmar Karas zu schnell los. Wird das gut gehen? Zwei Stunden später, auf dem Plateau des Höllengebirges, das Gipfelkreuz am Hochlecken vor Augen, den Gastgarten des Hochleckenhauses im Sinn, zeigt sich aber: Karas ist nicht nur ein „Europa-Enthusiast mit langem Atem“, wie ihn die Austria Presse Agentur (APA) einmal nannte, sondern auch ein ausdauernder Wanderer, der sein Tempo hält. Am Berg und in der Politik. „Ich werde nicht müde, mich für eine bessere Welt einzusetzen“, sagte er am Tag vor der Bergtour mit der FURCHE.

Das Gespräch auf der Terrasse seines Ferienhauses am Attersee handelt von den politischen Verwerfungen, denen Europa ausgesetzt ist, und seiner Motivation, sich immer noch und immer wieder gegen große – vor allem auch innerparteiliche – Widerstände für mehr Europa starkzumachen. Egal ob bei Kompetenzen oder Budget. „Mein Traum ist noch nicht ausgeträumt“, sagt er. Das sei sein „Antriebsmotor“, gerade jetzt, „wo uns die Fratze der Vergangenheit, die wir überwunden geglaubt haben, wieder einholt“. Die sich bedrohlich aufschaukelnden politischen Perspektiven brechen sich mit der Salzkammergut-Idylle zwischen Segelbooten auf dem Attersee und Gmundner Keramik auf dem Terrassentisch.

Das Haus am See ist Politik-Prominenz gewöhnt: Die Karas-Schwiegereltern Kurt und Sissi Waldheim haben es von den 1950er Jahren an gebaut und als Rückzugsort wie Treffpunkt für Sommergespräche mit illustren Gästen in Waldheims Zeiten als UNGeneralsekretär und Bundespräsident genützt. Karas setzt die Tradition des offenen Hauses fort, jeden Tag kommen Gäste, es heißt: „Nehmts die Badehose mit!“ Den Viruszeiten geschuldet, begrüßt man sich mit gefalteten Händen vor der Brust.

Europäische Lebensmelodie

Die Corona-Pandemie ist für Karas ein weiteres Beispiel dafür, dass die großen Her ausforderungen nicht national, sondern nur europäisch und global zu meistern sind: „Gegen Corona werden wir einen Impfstoff finden, aber gegen die Klimakrise, die Migrationskrise, die Hungerkrise gibt es keine Impfung. Wir sind der Impfstoff gegen diese Krisen.“ Gutes Zitat! Karas spricht vom europäischen Green Deal, vom Bauplan für Europa mit der Chance zum Pilotprojekt für die Welt. Sein Visavis tut sich schwer mit dem Mitschreiben. Wovon das Herz voll ist, davon geht der Mund eben über. Bei Othmar Karas ist das Europa, im Tal und auf dem Berg. Zur Selbstbedienung an die Ausschank des Hochleckenhauses darf man nur mit Mund-Nasen-Schutz.

Abmarsch ist beim Gasthaus Kienklause, dort, wo die Landesstraße zwischen Attersee und Traunsee eng und kurvig wird. Für einen geübten Bergsteiger marschiert Othmar Karas zu schnell los. Wird das gut gehen? Zwei Stunden später, auf dem Plateau des Höllengebirges, das Gipfelkreuz am Hochlecken vor Augen, den Gastgarten des Hochleckenhauses im Sinn, zeigt sich aber: Karas ist nicht nur ein „Europa-Enthusiast mit langem Atem“, wie ihn die Austria Presse Agentur (APA) einmal nannte, sondern auch ein ausdauernder Wanderer, der sein Tempo hält. Am Berg und in der Politik. „Ich werde nicht müde, mich für eine bessere Welt einzusetzen“, sagte er am Tag vor der Bergtour mit der FURCHE.

Das Gespräch auf der Terrasse seines Ferienhauses am Attersee handelt von den politischen Verwerfungen, denen Europa ausgesetzt ist, und seiner Motivation, sich immer noch und immer wieder gegen große – vor allem auch innerparteiliche – Widerstände für mehr Europa starkzumachen. Egal ob bei Kompetenzen oder Budget. „Mein Traum ist noch nicht ausgeträumt“, sagt er. Das sei sein „Antriebsmotor“, gerade jetzt, „wo uns die Fratze der Vergangenheit, die wir überwunden geglaubt haben, wieder einholt“. Die sich bedrohlich aufschaukelnden politischen Perspektiven brechen sich mit der Salzkammergut-Idylle zwischen Segelbooten auf dem Attersee und Gmundner Keramik auf dem Terrassentisch.

Das Haus am See ist Politik-Prominenz gewöhnt: Die Karas-Schwiegereltern Kurt und Sissi Waldheim haben es von den 1950er Jahren an gebaut und als Rückzugsort wie Treffpunkt für Sommergespräche mit illustren Gästen in Waldheims Zeiten als UNGeneralsekretär und Bundespräsident genützt. Karas setzt die Tradition des offenen Hauses fort, jeden Tag kommen Gäste, es heißt: „Nehmts die Badehose mit!“ Den Viruszeiten geschuldet, begrüßt man sich mit gefalteten Händen vor der Brust.

Europäische Lebensmelodie

Die Corona-Pandemie ist für Karas ein weiteres Beispiel dafür, dass die großen Her ausforderungen nicht national, sondern nur europäisch und global zu meistern sind: „Gegen Corona werden wir einen Impfstoff finden, aber gegen die Klimakrise, die Migrationskrise, die Hungerkrise gibt es keine Impfung. Wir sind der Impfstoff gegen diese Krisen.“ Gutes Zitat! Karas spricht vom europäischen Green Deal, vom Bauplan für Europa mit der Chance zum Pilotprojekt für die Welt. Sein Visavis tut sich schwer mit dem Mitschreiben. Wovon das Herz voll ist, davon geht der Mund eben über. Bei Othmar Karas ist das Europa, im Tal und auf dem Berg. Zur Selbstbedienung an die Ausschank des Hochleckenhauses darf man nur mit Mund-Nasen-Schutz.

Gegen Corona werden wir einen Impfstoff finden, aber gegen Klimakrise, Migrationskrise, Hungerkrise gibt es keine Impfung. Wir sind der Impfstoff gegen diese Krisen.

Othmar Karas

Selbstredend, dass der Vizepräsident des Europäischen Parlaments einen im EU-Design mit dabei hat. Genauso selbstverständlich, dass es nicht lange dauert, bis Karas auch auf gut 1500 Meter Seehöhe ein Zitat von EU-Gründervater Robert Schuman auf den Lippen hat. Die europäische Grundmelodie bestimmt Karasʼ Arbeits- und Lebensmusik. Seiner Lust, diese ausschweifend zu extemporieren, widersteht er schwer. Das hat ihm nicht nur unter Journalisten den Ruf eingetragen, zwar ein europäisch gewiefter, aber auch anstrengender Gesprächspartner zu sein. Fragt man Karasʼ Kollegen im Europaparlament nach dem mit 62 Jahren ältesten und – 1999 nach Brüssel und Straßburg gewählten – dienstältesten österreichischen EU-Abgeordneten, dann monieren diese, dass er sich gerne als „Klassensprecher der Europaabgeordneten“ aufspiele.

Gleichzeitig steht parteiübergreifend Karasʼ „immer proeuropäische Haltung außer Zweifel“. Oder, wie Karas von Andreas Schieder, Delegationsleiter der SPÖ im Europaparlament, bescheinigt bekommt: „Ich nehme ihm das europäische Projekt ab.“ Es war die ÖVP, die sich lange dagegen wehrte, das europäische Projekt in die Hände ihres Vorzeige-Europäers zu geben. Andere wurden ihm als Spitzenkandidat für die EU-Wahlen oder als Delegationsleiter im Europaparlament vorgezogen. Der Versuchung, mit einer eigenen Liste anzutreten, widerstand er. Ohne Anschluss an eine europäische Parteifamilie sei man im Europäischen Parlament machtlos. Mit zwei erfolgreichen VorzugsstimmenWahlkämpfen 2009 und 2014 und einem Kopf-an-Kopf-Rennen 2019 mit der türkisen Parteifreundin Karoline Edtstadler kämpfte er sich stattdessen jedes Mal selbst in die erste Reihe und spielt im europäischen Konzert ganz vorne mit; europaweit überparteilich beklatsche Solo- auftritte bei der EU-Dienstleistungsrichtlinie, der Leitung der EU-Troika in Griechenland, Portugal und Irland oder der EU-Bankenunion inklusive.

Das Europäische Parlament dankte es dem „ÖVP-Urgestein und Vielarbeiter“ (© APA), indem es Karas im Vorjahr zum zweiten Mal zum Vizepräsidenten wählte. Karas’ Expertise in den Wirtschafts- und Währungsagenden verdankt sich auch seiner beruflichen Tätigkeit bei Raiffeisen und der Bundesländer-Versicherung, die er 1995 aufgab, als ihn der damalige Parteichef Wolfgang Schüssel zum ÖVP-Generalsekretär machte. „Das war nicht meine beste Zeit“, sagt er rückblickend, „das ist nicht meine Funktion, da musst du polarisieren, dafür bin ich nicht der Typ.“ Mit der Wahl 1999 ins Europaparlament kommt die Befreiung aus der ungeliebten Rolle. Ein Kreis schließt sich: Karas hatte 1985 als erster Nationalratsabgeordneter einen Antrag auf einen EU-Beitritt Österreichs gestellt. Zugleich eröffnet sich ein anderer Kreis: Karas kritisiert postwendend Bundeskanzler Schüssel, gegen eine Aufstockung des EU-Budgets zu sein.

Ein Ritual, das sich seither bei jedem Budget-Gipfel und mit jedem österreichischen Kanzler wiederholen wird. Beim letzten EU-Gipfel im Juli lobt ein Twitter-User Karas’ Kritik an den „sparsamen Vier“ und Bundeskanzler Sebastian Kurz. Gleichzeitig fragt er, warum Karas bei dieser ÖVP bleibe, sei er doch dort „wie ein Veganer in einer Fleischfabrik“. Für die Antwort braucht Karas keine Sekunde, zu oft wurde diese Frage ihm wohl schon gestellt, zu lange hat er sie für sich schon überlegt und entschieden: „Ich bin ein Christdemokrat mit Wurzeln in der christlichen Soziallehre.“ Punkt. „Er ist ein Zerrissener mit gro ßer sachlicher Leidenschaft und dem Herz am rechten Fleck“, beschreibt dieses Karas-Paradox ein früherer Spitzenpolitiker anderer Couleur. Gedankenstrich. Von allen Satzzeichen passt der sowieso am besten zu Karas.

Mit dem Kardinal im Gepäck

Es ist im Dezember 2004, als Karas mit einem Buch von Kardinal Franz König zum FURCHE-Interview in die Cafeteria des Europaparlaments in Straßburg kommt. Thema ist die Abstimmung über die EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei. 407 EUAbgeordnete stimmen damals dafür – von den 18 österreichischen Abgeordneten aber nur drei: Hannes Swoboda (SPÖ), Karin Resetarits (LIF) und Karas. „Heute die Tür für die Türkei zuzuschlagen ist keine tagespolitische, sondern eine tagespopulistische Entscheidung – und sie wäre falsch“, antwortete er vor 16 Jahren auf die Frage nach dem Grund für die Zustimmung. Und begründete diese mit König-Zitaten, die einen aus christlicher Position heraus erwachsenden Dialog einfordern.

Heute sagt er: „Beitrittsverhandlungen sind die Bereitschaft, miteinander zu reden. Wir haben es der Türkei in den 1960er Jahren versprochen, und Versprechen bricht man nicht.“ Die Fortsetzung von Erdoğans Provokationspolitik habe ihn nicht überrascht: „Aber dieses Bild bedrückt mich natürlich, nicht nur in der Türkei. Es ist dasselbe in den USA und in einigen EU-Mitgliedsstaaten. Und es hat mich als Gegner überall.“ Der Abstieg vom Hochlecken in die Kienklause dauert fast so lange wie der Weg hinauf. Die Steilheit, der Schotter. Bei einer Rast, nach einem Schluck Wasser, sagt er: „Ich lasse mich von niemandem frustrieren, ich bin innerlich frei.“ Dabei schaut er verschwitzt und verschmitzt zufrieden drein. Zu Recht: Er hat sein schnelles Anfangstempo halten können.

Der Autor ist Bergsteiger und freier Journalist.