Europas Bahnen intensivieren ihre Kooperation

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Im Wettlauf um Marktanteile ist die Schiene seit langem ins Hintertreffen geraten. Seit einigen Jahren werden jedoch gezielte Anstrengungen unternommen, verlorenes Terrain aufzuholen.

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Im Wettlauf um Marktanteile ist die Schiene seit langem ins Hintertreffen geraten. Seit einigen Jahren werden jedoch gezielte Anstrengungen unternommen, verlorenes Terrain aufzuholen.

Grundsätzlich besteht in Europa der Willen, das steigende Verkehrsaufkommen von der Straße auf die Schiene zu verlagern. Im Rahmen der von der Europäischen Union ins Leben gerufenen Transeuropäischen Netze sind auch die Schienen-Systeme Europas betroffen. Durch das mit hoher Priorität vorangetriebene EU-Projekt sollen europäische Ballungsräume durch Hochleitungs-Schienenachsen miteinander verbunden werden.

Auch abgelegenere Regionen profitieren so von der Heranführung an die zentralen Wirtschaftsräume. Von diesem Projekt verspricht sich die EU vor allem eine verbesserte Nutzung des Binnenmarktes.

Der 1990 erstellte "Leitplan für ein europäisches Hochgeschwindigkeitsnetz" wurde als Basis für das "Leitschema der transeuropäischen Verkehrsnetze" verwendet. Durch das Leitschema sollen nationale Schienen-Netze in ein hochleistungsfähiges europäisches Streckennetz integriert werden.

Dazu werden teilweise Strecken neu gebaut, aber auch großer Wert auf die Modernisierung und den Ausbau bestehender Strecken gelegt. Insgesamt wurden von der EU zwölf vorrangige Verkehrsprojekte definiert, die den Kontinent in Nord/Süd- und West/Ost-Richtung durchziehen.

Österreich ist von fünf Projekten betroffen: * Donau-Achse (Westbahn) * Pontebbana-Achse (Südbahn) * Phyrn-Schober-Achse * Tauern-Achse und * Brenner-Achse.

Die von der EU definierten europäischen Hochleistungsachsen unterliegen bestimmten Qualitätsrichtlinien und Mindestanforderungen, zu deren Einhaltung sich Österreich im EU-Beitrittsvertrag verpflichtet hat.

Der Fall des Eisernen Vorhangs führte zu der Möglichkeit, die TEN-Netze auch nach Osteuropa zu erweitern. Im Rahmen der Verkehrsminister-Konferenz in Kreta wurden zehn Strecken (Korridore) festgelegt. Davon ist einer die Wasser-Strecke der Donau. Die Kreta-Korridore sollen - so das Ziel der EU - möglichst in ein Ausbaustadium gebracht werden, das dem der TEN-Korridore angepaßt ist.

Korridore für den Güterverkehr Eine weitere europäische Entwicklung der letzten Zeit ist die Schaffung von "Freight-Freeways" (offene Strecken) für den Bahn-Güterverkehr. In einem ersten Schritt haben die Infrastrukturmanager der ÖBB, der niederländischen Railned, der Deutschen Bahn AG (DB), der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB), der Bern-Lötschberg-Simplon-Bahn (BLS) und der Italienischen Staatseisenbahnen (FS) transeuropäischen Schienengüterverkehrsrouten auf drei Korridoren zwischen Nordseehäfen und Mittel- beziehungsweise Südeuropa eingerichtet (North-South-Freight-Freeway).

Damit werden auf bestehenden internationalen Eisenbahn-Routen Fahrplan-Trassen angeboten, die von allen Eisenbahnunternehmen in ihrem Gesamtlauf genützt werden können.

Der "North-South-Freight-Freeway" ist ein Projekt der Europäischen Union, der Verkehrsminister der betroffenen Länder und der am Freight-Freeway beteiligten Eisenbahnen.

Die Korridore, auf denen Fahrplan-Trassen angeboten werden, sind: * Rotterdam/Bremen/Hamburg-Nürnberg-Passau-Wien * Brindisi-Verona-Brennero/Brenner-Innsbruck-München-Bremen/Hamburg * Gioia Tauro (nahe Messina)-Genua-Domodossola/Chiasso-Basel-Rhein/Ruhr-Rotterdam Als gemeinsames Buchungsbüro für alle Korridore haben One-Stop-Shops (OSS) bereits ihren Betrieb aufgenommen. Diese Bezeichnung bringt zum Ausdruck, daß Kunden - das sind Eisenbahnunternehmen, die Güterverkehr betreiben - erstmals einen einzigen Ansprechpartner im Infrastruktur-Management für eine gesamte internationale Route haben.

Für den Güterverkehrsbereich der ÖBB - "Rail Cargo Austria" (RCA) - ist Europa längst zum Heimmarkt geworden. 75 Prozent der RCA-Verkehre sind grenzüberschreitend. In den letzten Jahren haben die ÖBB, gemessen an den Tonnage-Zuwächsen, mit einem Plus von 25 Prozent auf zuletzt 75,7 Millionen Tonnen (1997) zu den erfolgreichsten Güterverkehrsbahnen Europas gezählt.

Um diese Position zu halten und auszubauen, werden in den nächsten Jahren mehr als zwölf Milliarden Schilling in Infrastrukturmaßnahmen für den Güterverkehr investiert. Unter dem Motto "Wir investieren in die Zukunft" ist das langfristige Ziel der ÖBB ein österreichisches Hochleistungsnetz mit Anbindung an die TEN-Netze der EU.

Ebenfalls erfolgreich war RCA mit der Marktpositionierung als Gesamtlogistik-Anbieter. Namhafte österreichische und internationale Unternehmen wie "Nestle" und "Stelrad Radiatoren" haben gesamt oder teilweise ihre Logistik an RCA ausgelagert. Auch bei den Güterverkehrsbahnen Europas gibt es bereits Kooperationsbestrebungen. Eine Allianz ist in Skandinavien, eine zwischen der Schweizer und der italienischen Bahn entstanden. Auch die ÖBB führen Gespräche mit anderen Bahngesellschaften über mögliche Kooperationen. Darunter sind die Deutsche Bahn, die Schweizer Bahn, die ungarische MAV, die kroatische, die slowenische und die belgische Bahn.

Intercity-Expreß von Wien nach Innsbruck Zu Koopeationen kommt es auch im Personenverkehr. Seit 24. Mai führen die ÖBB in Zusammenarbeit mit der Deutschen Bahn erstmals den ICE nach Österreich. Der ICE wird einmal täglich die Strecke Wien-Hamburg-Wien bedienen. Darüber hinaus fährt der ICE auch einmal am Tag Innsbruck-Wien-Innsbruck.

Diese Verbindung (Innsbruck ab 5.07 Uhr, Wien ab 18.24 Uhr) ist vor allem für Geschäftsreisende interessant. In Zukunft werden von den ÖBB im Fernverkehr auch noch weitere Kooperationen mit anderen Bahngesellschaften angestrebt.

Im Nahverkehr haben die ÖBB eine Qualitätsoffensive für Pendler - die Hauptzielgruppe - gestartet. In neue Doppelstockwagen (City-Shuttles), die völlig neue Komfortstandards bieten, werden mehr als 3,5 Milliarden Schilling investiert. Weitere 2,7 Milliarden Schilling werden für modernisierte und neuem Design versehene Nahverkehrswaggons, deren Komfort dem der Doppelstockwagen entspricht, aufgewendet.

Ein weiterer wesentlicher Teil der ÖBB-Qualitätsoffensive ist die Attraktivierung der 23 wichtigsten österreichischen Bahnhöfe. Rund 60 Prozent aller ÖBB-Kunden frequentieren täglich diese Bahnhöfe. In den nächsten Jahren werden 6,2 Milliarden Schilling in die Bahnhofsoffensive gesteckt. Die Bahnhöfe der Zukunft erhalten eine moderne, helle und freundliche architektonische Gestaltung und zusätzliche Serviceeinrichtungen neben den selbstverständlichen Kundeneinrichtungen der ÖBB.

Der Autor ist Generaldirektor-Stellvertreter der ÖBB. Zum Thema Perspektiven des Verkehrswesens siehe auch das Dossier dieser Nummer (Seiten 13-16).

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