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Evangelium in Wort und Tat

Pfingsten kommt. In der Woche danach findet in der Erzdiözese Wien die „Missionswoche“ im Rahmen der „Apostelgeschichte 2010“ statt. Ein schwieriges Unterfangen in stürmischer Zeit.

„Unmöglich können wir schweigen über das, was wir gesehen und gehört haben.“ Diesen Satz aus der Apostelgeschichte zitiert Kardinal Christoph Schönborn immer wieder, wenn er auf die missionarische Dimension von Kirche zu reden kommt. Auch dem von ihm initiierten Prozess in der Erzdiözese Wien „Apostelgeschichte 2010“ hat er dieses Wort der Urchristen vorangestellt.

Zwei Diözesanversammlungen gab es in den letzten Monaten in diesem Prozess bereits, eine dritte wird im Herbst folgen. Nun ist nach Pfingsten eine „Missionswoche“ in der Erzdiözese angesagt. Vom 24. bis 30. Mai will die katholische Kirche Wiens „das eigentliche Antlitz der Kirche wieder sichtbar zu machen“, so der Kardinal. In einer „doppelten Bewegung“ soll das sichtbar werden – einerseits im Auf-den-Weg-Machen zu den Menschen – Haus- und Krankenbesuche, Sozialprojekte, Talkrunden und ähnliches sind angedacht – und andererseits durch das Einladen in die Kirchen der Diözese: Eine „offene Kirche“ gestalten, spezielle Gottesdienste anbieten, Wallfahrten oder geistliche Konzerte organisieren – ganz bunt soll der Strauß an Initiativen und Ereignissen sein, welche die verschiedenen Pfarren in der Erzdiözese dezentral entwickeln und anbieten. Höhepunkt der Missionswoche wird die diesjährige „Lange Nacht der Kirchen“ am 28. Mai sein.

Etwas anderes als Kolonialismus

Was aber bedeutet Mission heute tatsächlich? Ist sie nicht durch die Geschichte desavouiert als unvermeidliche Begleiterin der Kolonialmächte, die sich die Welt im 19. Jahrhundert aufgeteilt haben? Ja, es gibt nicht die beste Erinnerung an „Mission“, konstatiert die Wiener Pastoraltheologin Regina Polak, die den Prozess Apostelgeschichte 2010 begleitet und dafür auch einige „theologische Erklärungen zur Mission“ verfasst hat. Polak zitiert dazu im Gespräch mit der FURCHE einen programmatischen Buchtitel des brasilianischen Befreiungstheologen Leonardo Boff: „Gott kommt früher als der Missionar“.

Der Ordensmann, (Ex-)Missionar und Missionstheologe Franz Helm formuliert: „Katholische Mission der Gegenwart richtet sich am jeweils konkreten Kontext, an den Fragen, Nöten und Sehnsüchten der Menschen aus, aber auch an dem, was unter den jeweiligen Umständen am dringlichsten erscheint.“ (S. das Interview mit Helm, Seite 23.) In derartigen Aussagen wird sichtbar, dass „Mission“ und „Evangelisierung“ etwas anderes als Kolonisierung im Sinne eines Kolonialismus meinen.

Regina Polak meint: „Mission ohne Dialog geht nicht.“ Und sie nimmt dabei auch die konkreten Bemühungen in der Erzdiözese Wien in den Blick. Der Prozess Apostelgeschichte 2010 solle – auf biblischer Grundlage – ein Erinnern an solche christliche Dimension sein. Dabei richtet Polak das Augenmerk darauf, dass „Mission“ oftmals auf das Wort und die Verkündigung verkürzt wurde. Aber missionarisches Handeln der Christen bedeute, das Evangelium in Wort und Tat zu leben und zu verkündigen. Missionstheologe Helm formuliert dazu: „Christliche Mission ist Einsatz am Leben der Menschen, in all seinen Dimensionen, in der Überzeugung, dass Gott alle Menschen liebt und dass er in Jesus Christus zu ihrem Heil Mensch geworden ist.“ Dieses „Heil“ gelte es immer wieder neu zu buchstabieren. Helm nennt konkrete Beispiele der Solidarität, die für ihn unter diese Vorzeichen fallen – etwa den gewaltlosen Kampf gegen eine ungerechte Landverteilung in Ländern des Südens oder in Europa den Einsatz für Asylwerber und Fremde. Pastoraltheologin Polak bringt es so auf den Punkt: Es gehe um einen Dialog des Lebens und um den Einsatz für eine gerechtere Gesellschaft. Das alles könne nicht durch Techniken bewirkt werden, sondern nur durch eine „dienende Haltung“.

Zuerst die Hausaufgaben machen!

Skeptischer zeigt sich Fery Berger, Initiator der Weizer Pfingstvision und der Initiative „Way of Hope“, der sich seit Jahren von der Steiermark aus für eine spirituelle, aber auch politische Erneuerung einsetzt. Berger müht sich zurzeit an vorderer Stelle, um in der Diözese Graz-Seckau gemeinsam mit Bischof Egon Kapellari einen offenen Gesprächsprozess in der katholischen Kirche zustande zu bringen. Er meint, in der derzeitigen Kirchenlage sei es „zu pointiert“, von „Mission“ zu reden. Es gebe innerhalb der Kirche „wilde interne Probleme“, und deshalb müsse sich die Kirche als Erstes der Wirklichkeit dieser Probleme stellen.

Auch Berger bestreitet nicht, dass Christen „missionarisch in einem positiven Sinn“ sein sollen. Aber dazu gehört, so der Initiator der Weizer Pfingstvision, dass zuerst die Hausaufgaben zu lösen sind. Viele Menschen in der Kirche würden zurzeit Kritik und Anfeindungen von Außenstehenden erleben, gerade jetzt in der Missbrauchskrise. Von daher müsse, so Berger in der Kirche etwas Konkretes geschehen, sonst seien die Leute weg – nicht zuletzt die Jungen.

Man brauche heute, so Bergers Einschätzung, einen langen Atem, eine tief verwurzelte Spiritualität, um weiter für diese Kirche einstehen zu können. Allzu lange habe man sich in der Kirche wenig um diese Verwurzelung bemüht, konstatiert er. Von daher meint der Theologe, gehöre zu Mission auch die „Selbstevangelisierung“ der einzelnen Christen dazu.

Innerer Glanz – trotz Runzeln und Falten?

Und auch da plädiert Berger für ein mehrschichtiges Programm – einen spirituellen Prozess, ein gesellschaftspolitisches Engagement – und nicht als Letztes für eine innerkirchliche Reform.

Regina Polak teilt die nüchterne Diagnose von Fery Berger über weite Strecken. Bei den beiden bisherigen Wiener Diözesanversammlungen seien auch die Bruchzonen und Konflikte deutlich zu Tage getreten. Ein schwieriger und schmerzhafter Prozess stehe bevor. Von daher sei Mission auch im Innenraum der Kirche ein wichtiger Prozess, denn etwa auf Gemeindeebene würden die Fragen immer mehr brennen. Es gehe, so die Pastoraltheologin, nicht in erster Linie darum, die Ausgetretenen wieder in die Kirche zurückzubringen, sondern sich Fragen zu stellen wie: „Wer sind wir? Wofür stehen wir? Was ist unsere Aufgabe? Und welche Strukturen brauchen wir?“ Polak betont, auch Schönborn unterstütze das. Der Kardinal meine jedoch, und das verstehe sie auch, dass eine kirchliche Strukturreform kein Selbstzweck sei. Und sie konzediert ihm wie auch einzelnen anderen Bischöfen, dass durch die Krisen-Erkenntnisse der letzten Zeit etwas in Bewegung geraten sei.

Kardinal Schönborn äußerte sich zuletzt in der Mitarbeiterzeitschrift thema kirche zur Missionswoche: Die Kirche sei in den letzten Monaten „durch eine notwendige, aber schmerzvolle Läuterungsperiode“ gegangen: „Viele, die seit Jahren unverdrossen ihren Dienst in der Kirche leisten – Priester, Ordensleute, Laienchristen – fragen sich, warum sie die Last der ‚schwarzen Schafe‘ mittragen müssen.“ Der Wiener Kardinal plädiert aber gerade jetzt für ein „Dennoch“: Es gehe gerade jetzt darum, „in behutsamer Weise das eigentliche Antlitz der Kirche wieder sichtbar zu machen, dieses Antlitz, das trotz aller Falten und Runzeln einen inneren Glanz ausstrahlt.“

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