Digital In Arbeit
Politik

Faszination Freud

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Er wird am 6. Mai 1856 in Freiburg (Mähren) geboren - und soll das 20. Jahrhundert prägen wie kein anderer: Sigmund Freud. Seine Thesen faszinieren - und provozieren - bis heute. Wie aktuell ist die von ihm begründete Psychoanalyse? War Religion für den "gottlosen Juden" Freud tatsächlich nur eine "Zwangsneurose"? Was lässt sich aus seinen Thesen für die internationale Politik lernen? Und wie hielt es der Provokateur mit der modernen Kunst? Ein Dossier zu Freuds 150. Geburtstag. Redaktionelle Gestaltung: Cornelius Hell und Doris Helmberger

Der Gebrauch der Analyse zur Therapie der Neurosen ist nur eine ihrer Anwendungen, vielleicht wird die Zukunft zeigen, daß sie nicht die wichtigste ist", schrieb Sigmund Freud im 'Nachwort zur ,Frage der Laienanalyse'" (1927).

Auch zu Freuds 150. Geburtstag gibt es darauf keine definitive Antwort. Ist Freud Neurologe, Psychiater, Psychotherapeut, Kulturtheoretiker, Schriftsteller? Wie sehr er mit seinen Kerntheorien auch heute noch polarisiert, zeigte sich schon vor dem Beginn des Jubiläumsjahres 2006. Im September des vergangenen Jahres wurde in Paris das 'Schwarzbuch Psychoanalyse" veröffentlicht und auf mehr als 800 Seiten die Grundüberzeugung der fast vierzig Autoren und Autorinnen des Bandes zu beweisen versucht: 'Besser leben, besser denken und sich besser fühlen ohne Freud" (so der Untertitel). Das Buch kritisiert Eckpfeiler der Freudschen Theorien mit Argumenten, die seit Jahrzehnten die Anhänger (kognitiver) Verhaltenstherapien in ihrem Kampf gegen die Psychoanalyse einsetzen. Prompt antwortete eine Gruppe von Analytikerinnen und Analytikern unter der Leitung von Jacques-Alain Miller höchst angriffig mit 'Vierzig Nadelstichen". Weitere heftige Diskussionen waren in Frankreich die Folge.

Im deutschen Sprachraum wird der Nachweis, was von Freud bleibt, von anderer Warte aus geführt: Hans Martin-Lohmann gab (gemeinsam mit Joachim Pfeiffer) ein 'Freud-Handbuch" heraus. Die Autoren verstehen Freuds Werk als 'geistiges Monument" mit schwer zu überschätzender Strahlkraft. Der lange im Mittelpunkt stehende klinisch-therapeutische Aspekt von Freuds Werk wird in diesem Buch zu Gunsten der kulturtheoretischen Arbeiten in den Hintergrund gedrängt. 'Die Bestimmung der Relation von individueller ,Menschennatur' und kollektiver ,Menschheitsgeschichte' bildet den Angelpunkt der Freudschen Theorie", heißt es hier. Ein neu erwachtes Interesse der Kulturwissenschaften an der Psychoanalyse ist dadurch erklärbar.

Libidinös und politisch

In diesem Punkt treffen sich die Intentionen dieses Buches mit jenen vieler Veranstaltungen des Freud-Jahres, bei denen Freudsche Theorien an Phänomen wie Gewalt, Terror, Krieg überprüft und Arbeiten Freuds diskutiert werden, die zu den bis heute umstrittenen Texten gehören, wie 'Zeitgemäßes über Krieg und Tod" (1915), 'Jenseits des Lustprinzips" (1920) oder 'Massenpsychologie und Ich-Analyse" (1921). In 'Jenseits des Lustprinzips" entwickelte Freud die für viele Psychoanalytiker auch heute noch schwer zu akzeptierende Todestrieb-Hypothese, eine revidierte Trieblehre, in der es neben libidinösen und Selbsterhaltungstrieben den großen Gegenspieler zu den Kultur bildenden Kräften gibt. 'Massenpsychologie und Ich-Analyse" versucht - noch vor dem Hervortreten des Nationalsozialismus als politische Kraft - eine Antwort auf die Frage: Wie kommt die Unterwerfung von Individuen unter die Autorität einer Führerfigur zustande, sobald sie sich zur Masse zusammenschließen? Und 'Das Unbehagen in der Kultur" (1930) zeigt eine 'provokatorische Entschiedenheit, ja Radikalität, die kaum noch geneigt ist, auch nur die geringsten Kompromisse zu machen" (Hans-Martin Lohmann).

Es sind vor allem diese späten Texte Freuds, die den Frankfurter Erziehungswissenschafter Micha Brumlik veranlassten, Freud als 'den Denker des 20. Jahrhunderts" zu verstehen. Brumlik liest ihn als politischen Autor, als Schöpfer eines neuen Menschenbildes, das neben dem eines Augustinus oder Descartes Bestand hat. Freuds Menschenbild gründet auf einem verletzten menschlichen Selbstverhältnis im Widerspruch zwischen den triebbedingten Wünschen und den rigiden Ansprüchen der Gesellschaft. Die Janusköpfigkeit der Psychoanalyse - Heilverfahren und politische Anthropologie zu sein -, bildet nach wie vor einen Stachel in geistes-, sozial-und kulturwissenschaftlichen Disputen.

Emanzipiert und homophob

Als vitalste Theorie des 20. Jahrhunderts beschreibt der US-Geistesgeschichtler Eli Zaretsky in seiner Studie 'Freuds Jahrhundert" die Psychoanalyse, die jedoch die Wissenschaft vor ein eigenartiges Paradox stellt: Sie wurde als 'höchst bedeutsamer Beitrag zur Emanzipation anerkannt" und spielte in den Protestbewegungen der 1960er, der feministischen und Schwulenbewegung der 1970er Jahre eine entscheidende Rolle. Gleichzeitig war sie auch Quelle antipolitischer, antifeministischer und homophober Vorurteile.

Als Behandlungsform von psychischen Deformationen durch das Aufdecken von Triebbedürfnissen und Wünschen mit Wurzeln im Sexuellen ist Freuds Theorie entstanden. Die Versuche, krankhafte Seelenzustände zu ergründen, ermöglichten die Aufdeckung einer grundlegenden Struktur des Seelischen, und die 'Traumdeutung" zeigte den 'Königsweg" zur Kenntnis des Unbewussten. Die Elemente der 'Verdichtungsarbeit", durch die der Traum gebildet wird, versucht der Archäologe der Seele in der psychoanalytischen Arbeit zu entwirren.

Die Eckpfeiler dieser analytischen Theorien des Unbewussten werden heute mit moderner naturwissenschaftlicher Methodik überprüft, im Speziellen durch die Hirnforschung. Freud lieferte - aus anderen Gründen - dafür selbst Anhaltspunkte. Er dachte vor der 'Traumdeutung" daran, psychische Vorgänge als 'quantitativ bestimmbare Zustände" zu beschreiben und sie damit widerspruchsfrei, also wissenschaftlich darzustellen. Die Wissenschaft wusste damals, dass die Bewusstseinsakte im Gehirn stattfinden. Wie die Verbindung zwischen Gehirn und Bewusstsein allerdings geschieht, war unbekannt. 'Braucht die Psychoanalyse dazu die Hirnforschung?" lautet eine gegenwärtig häufig gestellte Frage. Eine der überzeugendsten Antworten darauf ist ihre Erweiterung zur Neuropsychoanalyse durch den südafrikanischen Wissenschafter Mark Solms.

Dennoch: Die Neurowissenschaften allein lösen die Fragen, die Sigmund Freud aufwirft, nicht. Sie können nicht Bewusstseinsinhalte sichtbar machen: Die Biologie blies das Gebäude von "Hypothesen", aus denen Freud die Psychoanalyse entwickelte, nicht um.

Freud verstand die Psychoanalyse als Wissenschaft, die die dritte schwere Kränkung der 'naiven Eigenliebe" des neuzeitlichen Menschen zur Folge hatte. Nach Nikolaus Kopernikus, der nachwies, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Weltalls ist, und der Abstammungslehre von Charles Darwin, der die biologische Sonderstellung des Menschen verwarf, wies Freud dem Ich nach, dass es 'nicht einmal Herr ist im eigenen Haus". Die philosophische Diskussion über diesen 'Tod des Subjekts", die mit großer Verzögerung erst nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Postmoderne einsetzte, dauert bis heute an.

Der unaufhebbare Gegensatz zwischen 'Kultur und Sexualität" durchzieht alle Schriften Freuds. Er betonte in seinen sozialwissenschaftlichen Abhandlungen die grundlegende Bedeutung der Sexualität für die menschliche Existenz, entpathologisierte sie, stellte den Übergang zwischen dem, was Perversion genannt wurde, den Neurosen und dem, was als normales Verhalten galt, als fließend dar. Sexualität als wesentlicher Teil der Freud'schen Triebstruktur ist durch einen kulturellen Umgang mit ihr definiert.

Das Jahrhundert nach Freuds Grundlegung der Psychoanalyse hat auch auf diesem Gebiet der Sozialwissenschaft viele Erkenntnisse geliefert, die einzelne Erkenntnisse Freuds obsolet erscheinen lassen, auch was die psychosexuelle Entwicklung des Kindes anbelangt. Freud stieß mit seiner Triebtheorie jedoch Tore auf, die Wege sichtbar werden ließen, auf denen weiterzugehen es sich lohnt. Auch heute noch.

Der Autor leitet die Radio-

Sendereihe 'Dimensionen - Die Welt der Wissenschaft" auf Ö1.

BUCHTIPPS:

FREUD HANDBUCH

Leben - Werk - Wirkung

Von Hans Martin Lohmann und Joachim Pfeiffer (Hg.). J.B. Metzler Verlag, Stuttgart 2006. 452 Seiten, geb., e 67,-

SIGMUND FREUD

Von Hans Martin Lohmann. rororo-Monographien, Reinbek/Hamburg 2006, kart., 156 Seiten. e 8,80

SIGMUND FREUD

Der Denker des 20. Jahrhunderts

Von Micha Brumlik. Beltz Verlag, Stuttgart 2006. 304 Seiten, geb., e 22,90

FREUDS JAHRHUNDERT

Die Geschichte der Psychoanalyse

Von Eli Zaretsky. Zsolnay Verlag, Wien 2006. 624 Seiten, geb., e 41,10

NEURO-PSYCHOANALYSE

Eine Einführung mit Fallstudien

Von Karen Kaplan-Solms und Mark Solms. 2. Auflage, Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2005. 312 S., geb., e 35,-

DUNKLER SEELE ZAUBERBANN.

Sigmund Freud und die Psychoanalyse

Von Katja Behling. Styria Verlag,

Wien/Graz/Klagenfurt 2006. 272

Seiten, zahlreiche SW-Abbildungen, geb., E 24,90