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Friedensarbeit in Zeiten des Konfliktes

1945 1960 1980 2000 2020

Sumaja Farhat-Naser versucht, palästinensischen Frauen mit selbsthilfeprojekten Mut zu geben. In den besetzten Gebieten Palästinas ist das nicht leicht. Eine Reportage.

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Sumaja Farhat-Naser versucht, palästinensischen Frauen mit selbsthilfeprojekten Mut zu geben. In den besetzten Gebieten Palästinas ist das nicht leicht. Eine Reportage.

Anfang September 2015: Sumaya Farhat-Naser sitzt gemeinsam mit den Frauen der Kooperative von Deir Ibzee an der nahe gelegenen Quelle Ain Bubin im Schatten eines Feigenbaumes. Es ist heiß in Palästina, viel zu heiß für diese Jahreszeit, das Quecksilber im Thermometer übersteigt regelmäßig die 40-Grad-Marke. Der Feigenbaum sei Zeichen für Frieden, Sicherheit und Lebensglück, sagt Sumaya Farhat-Naser. "Im Schatten des Feigenbaums" heißt denn auch ihr jüngstes Buch, das seit diesem Jahr im Taschenbuchformat erhältlich ist. Darin beschreibt die Palästinenserin, wie aggressiv israelische Siedlerinnen und Siedler die einheimische Bevölkerung drangsalieren, wie sie Weinberge, Olivenhaine und Felder zerstören, Ländereien und Wasserquellen rauben - alles unter dem Schutz der israelischen Armee. Wie ein roter Faden ziehen sich die Einschränkungen und Widrigkeiten des Alltags unter Militärbesatzung durch Farhat-Nasers Aufzeichnungen.

Immer neue Einschränkungen

Hier in Deir Ibzee werden diese Widrigkeiten erlebbar: "56 Quellen haben die jüdischen Siedler in den letzten drei Jahren beschlagnahmt", erzählt Sumaya Farhat-Naser. Deir Ibzee ist eine von ihnen. Freitag und Samstag kommen die Siedler mit ihren Familien, beschützt von Soldaten, um an der Quelle zu feiern. Das Militär und Stacheldraht verwehren dann der palästinensischen Bevölkerung den Zutritt. Und auch sonst wissen sie nie, ob die Quelle frei ist - oder ob sie von Siedlern und Soldaten beansprucht wird. Die Straße hinunter zur Quelle ist steil und ausgewaschen, repariert werden darf sie nicht. Als die Palästinenser mit einem Bagger wenigstens die schlimmsten Stellen notdürftig reparieren wollten, beschlagnahmte das Militär den Bagger für mehrere Wochen. "Für die Menschen bedeutet das, dass sie nur noch zu Fuß ihre Olivenhaine erreichen", sagt Farhat-Naser: "Die Siedler wollen, dass wir aufhören, unsere Oliven zu ernten, sie wollen uns weghaben." Die Menschen jedoch harren aus. Auch wenn das Leben immer beschwerlicher wird, auch wenn sie aus Angst vor den Siedlern und den Soldaten nicht mehr zur Quelle gehen können.

Jetzt genießen die Frauen den Schatten des Feigenbaumes am großen Bassin, in dem seit der Römerzeit das Wasser gefasst wird, sie plaudern, lachen, waschen Gesichter, Arme und Füße, essen Feigen und Granatäpfel, die Kinder planschen.

Später werden alle die mitgebrachten Säcke mit Früchten und die Flaschen mit Wasser füllen, glücklich über diese geschenkte Stunde an ihrer Quelle. Auch Jugendliche aus dem Dorf sind gekommen, sie nutzen die Gelegenheit für ein erfrischendes Bad. Eine friedliche Szene. Eine, die darüber hinwegtäuscht, wie sehr diese Menschen unter der Besatzung und unter den immer neuen Siedlungen - und den damit verbundenen Einschränkungen, Verboten und Schikanen - leiden.

Wie diese Einschränkungen aussehen, davon kann Abu Bakir ein Lied singen. Der Mann wohnt in einem Unterstand nahe der Quelle. Sein Haus haben die Siedler zerstört, das Zelt, das er von einer internationalen Organisation erhalten hatte, verbrannt, seinen Olivenbaum abgeholzt. Doch aus dem Strunk sprießt junges Grün, der Olivenbaum treibt wieder, und auch Abu Bakir lässt sich nicht unterkriegen. Er lädt uns zu Tee und Kaffee ein, bittet uns in sein improvisiertes Wohnzimmer. Die Kinder pflücken Minze und Salbei, alles ist ruhig, die Sonne brennt vom Himmel.

Kooperative mit Modellcharakter

In Schulen und Frauengruppen lehrt Sumaya Farhat-Naser mit großem Engagement gewaltfreie Kommunikation und den Umgang mit Konflikten. Die Frauenkooperative von Deir Ibzee wurde mit ihrer Unterstützung nach dreijähriger Vorarbeit im Jahr 2007 gegründet. "In diesen drei Jahren haben die Frauen in intensiven Diskussionen herausgefunden, was sie gerne tun möchten - und was sie können", sagt Farhat-Naser. Und sie können einiges: Sie produzieren Kunsthandwerk, stellen Zatar (eine Gewürzmischung), Honig und Seifen her, sie verkaufen an den nahe gelegenen Schulen gesunde Pausenverpflegung, sie verkaufen Olivenöl, vergeben zinslose Darlehen, funktionieren als Sparbank, lobbyieren für Frauenrechte, engagieren sich im Rahmen von nationalen Kampagnen gegen Gewalt an Frauen.

Ilham Karajeh leitet die Kooperative, eine stolze Frau, die Autorität ausstrahlt und von 2005 bis 2012 die Politik im Stadtrat mitgeprägt hat. Ihre beiden Töchter gehören auch zur Gruppe, eine von ihnen ist Grafikdesignerin und für den optischen Auftritt der Kooperative zuständig. Im Parterre des Hauses von Ilham finden die Treffen statt, in der großen Küche daneben wird produziert. Sumaya Farhat-Naser wirkt als Beraterin, hilft bei der Finanzierung von Projekten, organisiert Weiterbildungen. Sie ist stolz auf diese Kooperative in Deir Ibzee: "Sie hat Modellcharakter für ganz Palästina", sagt sie. Denn: "Wir arbeiten mit Ökonomiestudenten zusammen, helfen uns gegenseitig, verbinden Theorie und Praxis." Seit 2007 ist die Kooperative von 28 auf 80 Mitglieder angewachsen, "15 Frauen besitzen einen Führerschein, fünf haben sich als Imkerinnen ausbilden lassen, alle haben diverse Weiterbildungen besucht". Die Liste der besuchten Kurse ist lang: gewaltfreie Kommunikation, Buchhaltung, Projektmanagement, Marketing, Empowerment, Präsentation, Rhetorik, politische Bildung, Frauenrechte, Gesundheit, Ernährung, Hygiene.

Schwesterorganisation

Im Nachbardorf Ain Arik will Sumaya Farhat-Naser jetzt eine Schwesterorganisation gründen. Die Frauen sollen sich gegenseitig unterstützen, voneinander lernen, Know-how austauschen. In den letzten Jahren hat Farhat-Naser dort verfallene Häuser renoviert und Abfallkübel installiert, um das Müllproblem wenigstens im Kleinen in den Griff zu bekommen. Denn der Müll ist ein Problem in den palästinensischen Gebieten: Die israelischen Besatzer verbieten den Bau von Mülldeponien, die Abfallentsorgung funktioniert deshalb nicht, Straßen, Wege und Vorplätze sind dreckig. Die neu montierten Abfalleimer sollen zeigen, dass es sich lohnt, den Abfall nicht einfach wegzuwerfen, sondern zu sammeln. Ein wenig Bewusstseinsbildung, ein wenig Widerstand.

Schon bald will Sumaya Farhat-Naser in Ain Arik ein Kulturzentrum eröffnen, ein Museum mit einer alten Ölpresse. Dann werden auch die Frauen von Deir Ibzee ihre Produkte anbieten, sie werden tanzen und von ihrer Arbeit erzählen. "Sie sollen den Frauen von Ain Arik Mut machen, sich ebenfalls zusammenzuschließen und gemeinsam etwas zu bewirken", sagt Farhat-Naser. "Das ist nicht immer leicht, es gibt Diskussionen und Rückschläge. Aber es lohnt sich."

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