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Früh aufstehen!

Ob es einem gefällt oder nicht: Nicolas Sarkozy ist vermutlich ein Erfolgsmodell für heutige konservative Politik.

Die Vorstellung hatte, wie man so sagt, Charme: eine elegante, sympathisch wirkende Frau, weltläufig und vierfache Mutter, an der Spitze eines großen europäischen Landes. Ségolène Royal wäre allein durch ihre Persönlichkeit schon ein Aufbruchssignal gewesen - Symbol einer anderen Art von Politik als jener, von der sich die Menschen immer weniger erwarten, weil sie keine Antworten auf jene Fragen bekommen, die sie in ihrem alltäglichen Leben umtreiben.

Doch diese "weichen Faktoren" reichten schließlich nicht aus, um diverse sachliche Fehler im Wahlkampf, vor allem aber die inhaltlichen Unschärfen im Programm der sozialistischen Kandidatin auszugleichen. Zu vage blieben ihre "désirs d'avenir" (Wünsche für die Zukunft; so die Webseite ihrer Kampagne: www.desirsdavenir.org), zu diffus ihre Versprechungen für ein erneuertes Frankreich.

Den Wunsch nach Erneuerung, den gab es offensichtlich: Die auch für europäische Verhältnisse sensationelle, hocherfreuliche Wahlbeteiligung von fast 84 Prozent im ersten und knapp 85 Prozent im zweiten Wahlgang spricht Bände (zum Vergleich: bei der letzten österreichischen Nationalratswahl betrug sie 78,5 Prozent). Dazu kommt, dass das Amt des französischen Staatspräsidenten mit seiner Machtfülle dem allgemeinen Trend zur Personalisierung und Entideologisierung der Politik sehr entspricht: Hier kreuzt man nicht eine Partei an, hier wählt man wirklich direkt eine Person, deren Authentizität und Glaubwürdigkeit - noch vor aller Programmatik - den Ausschlag geben.

Man muss in der hohen Wahlbeteiligung keinen Widerspruch zum eingangs erwähnten Unbehagen an der Politik sehen; eher lässt sich wohl der Ansturm auf die Urnen als Aufschrei interpretieren, als drängendes Volks-Begehren eines Aufbruchs aus der Stagnation, nachdem der Leidensdruck augenscheinlich groß genug geworden war: Wirtschaft, Arbeitslosigkeit, Staatsschulden, Immigration, Europa sind die Stichworte dazu.

An "désirs d'avenir" mangelte es also nicht - aber deren Erfüllung trauten die Franzosen eher dem rechtskonservativen Kandidaten Nicolas Sarkozy zu. Mit Zielstrebigkeit, Unbeirrbarkeit und strategischem Geschick erreichte er sein Ziel. Zu letzterem zählt vor allem, dass es ihm gelang, sich gegen den Ziehvater Jacques Chirac in der eigenen Partei quasi als Dissident zu positionieren, obgleich er ja selbst über Jahre Teil jenes Systems war, das nun radikal umzubauen er versprach.

Dass solches möglich ist, gehört zu den Besonderheiten gegenwärtiger Demokratie: Die Wähler haben - ungeachtet ihrer vielbeschworenen Mündigkeit, trotz (oder wegen?) einer nie dagewesenen Informationsflut - in manchen Dingen schlicht ein unglaublich kurzes Gedächtnis oder legen ein beträchtliches Maß an Gleichgültigkeit an den Tag. So wie es auch verwunderlich ist, mit welcher Nonchalance sie bei Politikern über das Changieren zwischen verschiedenen Rollen hinwegzusehen bereit sind. Im Falle Sarkozys: Einer, der als Innenminister den markigen Hardliner gab, geht später locker als integrativer, um Ausgleich bemühter Staatsmann durch? Gewiss, der Sager vom "Kärcher", mit dem man die Pariser Vororte vom "Gesindel" reinigen müsse, ist bis zum Verdruss zitiert worden. Aber muss man solches als (nicht einmal Jugend-)Torheit hinnehmen, aus der man bekanntlich niemandem einen Strick drehen darf? Drückt sich nicht auch in Ausrutschern wie diesem eine Geisteshaltung aus, die Zweifel an der Befähigung für das höchste Amt im Staat mehr als rechtfertigt?

Wie auch immer - wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass das Vermitteln von zupackender Dynamik, die Rede von "Ärmel aufkrempeln", "früh aufstehen", "warm anziehen" und was dergleichen Phrasen mehr sind, von vielen Menschen als Befreiungsschlag wider die Lethargie honoriert wird. Jene aus der Mitte des politischen Spektrums (und natürlich auch die Linke) müssen sich überlegen, ob und was sie dem entgegenzusetzen hätten. Zur Zeit sieht es freilich eher so aus, als wollten konservative Parteien (wie etwa die ÖVP) grosso modo Sarkozy folgen: Stramm in Sicherheits- und Wirtschaftsfragen, "liberal" - weil doch Privatsache, nicht wahr - in der Gesellschaftspolitik.

rudolf.mitloehner@furche.at

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