G-20-Gipfel: Die Angst vor der US-Geldschwemme

Die Wirtschaft der USA kommt nicht in Fahrt. Die Pläne der FED, noch mehr Geld in den Markt zu pumpen, beunruhigen die Exporteure. Doch Alternativen dazu gibt es kaum.

Bislang herrschte auf dem wirtschaftlichen Erdenrund das Vorurteil, bloß Ökonomen der britischen und amerikanischen Schule sei es vorbehalten, die Probleme der Weltwirtschaft derart trocken auf den Punkt zu bringen, dass man selbst unter tragischsten Umständen - Rezessionen, Währungskrisen, Börsenstürze, Depressionen - auch noch schmunzeln könne. Doch dem ist nicht so. Nicht ganz. Es gibt eben nicht nur Paul Krugman und Nouriel Roubini und Robert Shiller - sondern nun auch: Brüderle. Rainer Brüderle also, im normalen Leben äußerst unauffälliger Wirtschaftsminister Deutschlands, wurde am Wochenende zur US-Wirtschaftspolitik befragt und zu den jüngsten Bemühungen der US-Notenbank, mit einer Geldschwemme von 600 Milliarden Dollar die Wirtschaft anzukurbeln. Die Verärgerung war Brüderle anzumerken, droht doch eine Entwertung des Dollars und damit eine automatische Verteuerung der Exporte aus Euro-Ländern. So also sprudelte der Ingrimm munter aus Brüderle heraus, wie weiland im Saloon aus John Wayne: "Es reicht nicht das Wasser hinzustellen, die Pferde müssen auch saufen."

Das trifft das Problem, an dem die US-Wirtschaft und mit ihr auch die Weltwirtschaft nagt, relativ auf den Kopf. Solange Amerikas Unternehmer mit billigen Krediten nicht investieren und Amerikas Bürger nicht kaufen, solange werden die Arbeitslosenzahlen bei 15 Millionen und darüber liegen und das Wirtschaftswachstum Amerikas nicht über den derzeitigen 1,7 Prozent zu liegen kommen.

Doch wenn Donnerstag und Freitag in Südkorea die Spitzen der führenden 20 Industrie- und Schwellenländer zusammenkommen, stehen dabei die möglichen negativen Seiteneffekte der Geldschwemme im Vordergrund. Das in den USA hingestellte Wasser trägt nämlich zum Ertrinken der an wirtschaftliches Wachstum und Exporte gebundenen Konjunktur in Europa bei.

Negativ kommunizierende Gefäße

Es handelt sich so gesehen um zwei miteinander negativ kommunizierende Gefäße: Tun die USA zu viel, schwächt das die Europäer, tun die USA aber nichts, würgt das die US-Konjunktur ab und Europa, aber auch Asien, verliert seinen wichtigsten Exportmarkt.

Während sich die Europäische Zentralbank ganz entgegen dem brüderleschen Vorbild über das Wochenende so benahm, als ginge sie das gar nichts an ("Ich vertraue weiter auf die amerikanische Politik des starken Dollar", EZB-Chef Jean-Claude Trichet), zeigten sich in Peking erste Zeichen schärferen Protestes. China, selbst wegen ihrer Weichwährungspolitik im Clinch mit dem Rest der Weltwährungen, entsetzte sich öffentlich über die US-Geldpolitik. Schon bisher hatte Chinas Zentralbank die Währung, den Renminbi, an den schwachen Dollar gekoppelt. "Nun braucht das Land einen währungspolitischen Schutzwall gegen das unkontrollierte Gelddrucken", analysierte Chinas Vizefinanzminister Zhu Guangyao. Sieht man es durch die Brille der nackten Zahlen, bestätigt sich der Eindruck der Chinesen: Seit 1981 stieg die Gesamtverschuldung der USA von 32 auf 99 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, die Arbeitslosenzahl ist heute so hoch wie seit den 70er-Jahren nicht mehr.

Was vielen europäischen Ökonomen noch viel wichtiger erscheint: Die Bürger der USA haben bei einer langjährigen Sparquote von um die null Prozent in der Masse kaum Vermögensressourcen oder Rücklagen, die nun noch zu investieren wären. Schließlich lösten sich Milliarden an Vermögenswerten im Immobiliendesaster von 2007 und den darin verwickelten privaten Vorsorgefonds auf. Dieser Ansatz würde auch erklären, warum das von Obama so heftig beworbene Stimulationspaket für die Wirtschaft, das zu mehr als 40 Prozent aus Steuererleichterungen bestand, bislang nicht die erhoffte Wirkung entfaltet hat und Amerika in den Wachstumsraten unter den globalen Durchschnitt gefallen ist. Und sie erklärt auch, warum die US-Ökonomen, allen voran Paul Krugman und Nouriel Roubini, seit Jahr und Tag ein wesentlich umfangreicheres, detaillierteres, direkt auf die Schaffung von Arbeitsplätzen durch direkte öffentliche Investitionen zielendes Programm von der Regierung Obama einfordern.

Der einzige Vorteil der USA: Andere Staaten kauften bisher gerne ihre Schulden, das Niveau des Dollar blieb relativ stabil. Die Chinesen selbst haben jedes Interesse, den Dollar auf Niveau zu halten - sie befinden sich im Besitz von US-Staatsanleihen im Wert von zwei Billionen Dollar und sind damit der größte Gläubiger der USA. Hier allerdings wirkt erneut ein Double-Bind-Dilemma. Die USA sind der größte chinesische Absatzmarkt, chinesische Währungsverkäufe könnten den Dollar destabilisieren und damit wieder den Absatz gefährden.

Es scheint also im Moment drei Möglichkeiten zu geben, die eine Änderung der Situation des Weltwirtschaftsgiganten herbeiführen könnten. Szenario eins: Die Politik des lockeren Geldes wird mit der herrschenden Unentschiedenheit weitergeführt und verschafft der US-Wirtschaft kleine Atempausen, langfristig allerdings rutscht das Land in die Rezession zurück, mit allen Folgewirkungen für den Rest des Globus. Szenario zwei: Obama entscheidet sich für ein wesentlich kräftigeres Stützungspaket. Ginge alles gut, könnte die Wirtschaft auf einen robusten Wachstumspfad gebracht werden - aber die Staatsfinanzen wären wohl endgültig passé. Szenario drei: Die Politik setzt aufgrund des US-innenpolitischen Patts zwischen den Republikanern und Demokraten keine entschiedene Initiative mehr. Es bliebe dann bei den gefüllten Wassertrögen Brüderles, aus denen kein Pferd saufen will - weil sich die Pferde das Wasser nicht mehr leisten können. Das wäre das Ende aller sich füllenden und platzenden Blasen: ein ökonomisches Verdurstungsdrama.

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