Gaumen der Spiritualität

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In der Geschichte des Christentums spielt der Umgang mit Nahrung eine wichtige Rolle. Eine christliche Spiritualität der Ernährung schöpft aus vielen, nicht nur biblischen, Quellen.

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In der Geschichte des Christentums spielt der Umgang mit Nahrung eine wichtige Rolle. Eine christliche Spiritualität der Ernährung schöpft aus vielen, nicht nur biblischen, Quellen.

Am Anfang der Bibel steht die Geschichte der Erschaffung der Welt in sechs Tagen - mit einer Ernährungsanweisung, die viele überlesen: Sie enthält eine Verpflichtung auf eine vegane Paradiesernährung. Etliche Kapitel später, im Noachbund, wird dem Menschen dann doch der Genuss von tierischen Substanzen gestattet, unter Auflage eines komplizierten Speisegesetzes.

Vor diesem biblischen Hintergrund lassen sich die Tafelfreuden des Jesus von Nazareth, der Gründergestalt des Christentums verstehen: Es besteht kein Zweifel, dass Jesus koscher aß, also kein Schweinefleisch zu sich nahm und die jüdischen Speisegebote einhielt. Angeeckt ist Jesus hingegen, weil er dem Genuss von Wein und einfachen, aber köstlichen mediterranen Speisen in freundschaftlicher Runde zugetan war und alle Menschen dazu einlud - unabhängig von Status, Geschlecht, Herkunft oder Nationalität. Die Evangelien berichten vom Unverständnis der jüdischen Mitwelt, die sich über Jesus als "Schlemmer und Trinker, Fresser und Säufer" im Kreise von "Gesindel" echauffierte. Die ersten Christen eigneten sich die Speisepraxis des Jesus von Nazaret nach seinem Tod in einer österlichen Perspektive an: Sie gingen davon aus, dass die Liebeshingabe Jesu am Kreuz universale Erlösung bewirkte und damit das jüdische Speisegesetz relativierte. Koscheres Essen konnte entfallen.

Dem Christentum sind damit spannende Bausteine einer Spiritualität der Ernährung eingestiftet, die immer wieder neu zu verhandeln sind: der Traum vom veganen Paradiesmahl, die Freizügigkeit der Alltagsküche, die sozialkritische Mahlpraxis des Jesus von Nazaret, der als Vorausbild des himmlischen Friedensmahles ein Fest der Befreiung im Jetzt feierte.

Paradiesdiät für asketische Eliten

Im 2. und 3. Jahrhundert entstand in der ägyptischen Wüste die erste spirituelle Bewegung des Christentums: Männer und Frauen verließen die Städte und lebten in der Wüste als Einsiedler, Mönch oder Nonne, auf einem kargen Stück Land in Häuschen aus Lehmziegeln mit Zisterne und Nutzgarten. Die Schriften dieser spirituellen Bewegung handeln nicht nur von Kontemplation sondern propagieren auch eine anspruchsvolle Spiritualität der Ernährung: Der Mensch ist ein Wesen einer Sehnsucht, die innerhalb der Welt unstillbar ist.

Der Mensch steht daher in der Gefahr, diesen existenziellen Hunger kulinarisch überzukompensieren. Die eremitische Weisung hält für diese Fehlhaltung der "Magenwut" oder des "Gierschlundes" eine Therapie bereit: in einer ruhigen Stunde die individuelle Sättigungsgrenze erspüren und von nun an nur noch vier Fünftel dieser Menge essen; an bestimmten Tagen und zu bestimmten Zeiten im Jahr fasten. Die Eremiten hielten sich zudem an die Paradiesernährung: in der Fastenzeit streng vegan, ansonsten bisweilen zur ovo-lakto-vegetarischen Diät abgemildert.

Diese anspruchsvolle Ernährungsspiritualität war für die christliche Allgemeinheit nicht lebbar. Eine durchgängige vegane Paradiesdiät blieb daher über die Jahrhunderte asketischen Eliten vorbehalten. Weil aber das Leben der Wüstenväter und Wüstenmütter in spirituellen Bestsellern zwischen Mittelalter und Barock den Lesern immer wieder vor Augen gestellt wurde, avancierte die vegetarische bis vegane Paradiesernährung zu einem wichtigen Inhalt des kulturellen Gedächtnisses Europas, der nach der Aufklärung in Vergessenheit geriet aber heute zunehmend wiederentdeckt wird.

Benediktinische Mahlkultur

Ein gewisser historischer Höhepunkt der Spiritualität der Ernährung im Christentums wird mit Benedikt von Nursia und dem Benediktinerorden erreicht, deren Beitrag zur Kochkultur enorm ist: Unzählige Getreide-, Obst- und Rebsorten, Heilkräuter und Nutztierrassen stammen aus benediktinischer Züchtung. Zahlreiche Weine, Biere, Käsesorten und Liköre künden bis heute von der Kompetenz der Klöster bei Ernährung, Genuss und Gesundheit.

Besonderes Gewicht hat die Weichenstellung, die Benedikt in seiner Ordensregel bezüglich des Verhältnisses von Paradiesernährung und Noachbund-Ernährung vornahm: Die vegane Ernährungsbasis soll außerhalb der Fastenzeit durch einige tierische Substanzen angereichert werden -Eier, Milch, Geflügel und Fisch. Das Fleisch vierfüßiger Tiere (Schwein, Rind, Lamm, Ziege, Wild) ist gemäß der Benediktsregel dem Mönch und der Nonne nur im Ausnahmefall erlaubt, eine Bestimmung, die in der Praxis der meisten Klöster aber recht locker gehandhabt wurde und heute noch wird.

Pro Mahlzeit werden zwei gekochte Gerichte zubereitet und mit Brot, Salat und Obst aufgetragen. Dazu gibt es eine moderate Menge an Wein, Bier oder Most. Benediktinische Mahlkultur kann allerdings mehr als Diätetik und ausgewogene Gesundheitsküche: Das Essen wird durch Gebete spirituell eingerahmt, durch Lesung heiliger Texte sowie liturgische Gesten begleitet und so zum Gottesdienst und Gesamtkunstwerk. Derartige Spiritualität der Ernährung blieb nicht auf den Binnenraum der Klöster beschränkt, sondern entfaltete durch die Geschichte hindurch eine Breitenwirkung auf die allgemeine Mahlkultur.

Franziskanische Sozialethik

Mittelalterliche Küche war, ähnlich wie die indische Küche, gewürzversessen. Der Transport von Muskat, Ingwer, Galgant, Zimt, Nelke und Pfeffer war logistisch gesehen kein Problem, denn die Gewürze sind im getrockneten und ungemahlenen Zustand lange haltbar und konnten ohne Qualitätseinbußen nach Mitteleuropa gebracht werden.

Der Transport war allerdings langwierig und vor allem kostspielig: auf der Gewürzstraße quer über die arabische Halbinsel, dann auf Handelsschiffen nach Venedig; von dort ging es an den jeweiligen Bestimmungsort.

Am Beginn der 13. Jahrhunderts war nicht jeder über den ungehemmten Versuch glücklich, sich den hedonistischen und kulinarischen Himmel auf Erden zu bereiten.

Franziskus von Assisi zum Beispiel, Sohn einer reichen Tuchhändlerfamilie, lernte den hédonisme à la française im elterlichen Haushalt kennen, wie sein Name Franceso gleich "kleiner Franzose" beredt zum Ausdruck bringt. In einem Bekehrungserlebnis drehte sich ihm dann aber die Lustkultur, in der er aufgewachsen war, um: Franziskus entdeckte, dass der frühkapitalistische Luxus der italienischen Städte massiv unsozial war; er breitete sich auf Kosten marginalisierter Gruppen wie Armer, Bettler und Kranker aus. Franziskus schmeckte diese egoistische und dekadente Lebensform immer weniger; er entdeckte die Süße und Würze einer einfachen, geschwisterlichen Mahlgemeinschaft mit Außenseitern. Diese alternative Mahlkultur mit Sinnsucher hatte Franziskus durch die Lektüre der Evangelien von Jesus von Nazaret gelernt.

Essen ist schon immer mehr als

Das Christentum hat im Lauf seiner Geschichte im Themenbereich Spiritualität der Ernährung unterschiedliche Antworten auf die Fragen der Zeit vorgetragen und immer wieder neue Akzente gesetzt. Heute ist die christliche Stimme im Bereich der Ernährung eher leise geworden. Die eigentliche Herausforderung einer christlichen Ernährungsspiritualität wäre es, den Gedanken des "Essen-ist-immer schon-mehr-als" neu zu buchstabieren und in gesellschaftliche, ökonomische und medizinische Diskurse einzubringen.

Nahrung ist in christlicher Perspektive mehr als der Rohstoff einer durchstrukturierten Lebensmittelökonomie; Mahlkultur ist mehr als raffinierter Lebensstil, elitäre Ästhetik oder Beitrag zum eigenen gesundheitlichen Wohlbefinden. In spiritueller und wahrhaft humaner Perspektive wäre Nahrung ein Geschenk, auf das man mit Achtsamkeit, Dankbarkeit und Verantwortung antworten sollte. Spirituelle und zugleich humane Esskultur müsste offenbleiben für die harten Fragen der Sozialethik - für die Herausforderung, die Weltbevölkerung mit Nahrung zu versorgen, für die Belange des Tierschutzes sowie für Umweltfragen.

Der Autor ist Spiritualitätsforscher. Sein Institut Arcanime setzt sich mit alten europäischen Heil- und Lebensweisen auseinander (www.arcanime.at)

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