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Generationswechsel im Weißen Haus - und bei den Evangelikalen

69 Prozent der Evangelikalen haben für Barack Obama votiert. Die Wahl dieses Präsidenten ist auch ein starker Indikator für die religiösen Umbrüche in den USA.

Als Barack Obama verlautbarte, dass er Rick Warren gebeten hatte, bei seiner Amtseinführung das Gebet zur Inauguration zu sprechen, gab es lautstarke Proteste von Seiten der Schwulen- und Lesbenvereinigungen. Warren gilt als der einflussreichste Pastor des Landes, der einer Megachurch in Kalifornien vorsteht. Vor zwei Jahren hielt der künftige US-Präsident eine Ansprache in Warrens Kirche und im vergangenen Jahr hatten Obama und John McCain dort ihren ersten gemeinsamen öffentlichen Auftritt. Zwar ist Warren gegen die Legalisierung von homosexuellen Ehen, doch der Vorwurf, er sei deswegen homophob, trifft nicht zu.

Warrens Weltbild ist nämlich im Gegensatz zu den bekannten Vertretern der Religiösen Rechten, wie etwa Pat Robertson oder John Hagee, nicht schwarzweiß. Warren repräsentiert einen neuen Typus von amerikanischen Pastoren, die sich trotz ihrer konservativen Theologie sozial engagieren. So haben etwa Warren und seine Gemeinde etliche Millionen Dollar für die Aids-Hilfe gesammelt. Aus diesem Grund habe er Warren auch zu seiner Amtseinführung eingeladen, rechtfertigte sich Obama. Gleichzeitig versuchte er die kritischen Stimmen zu beruhigen, indem er sich von Warrens Einstellung zur Homosexualität klar distanzierte.

Der Präsident muss religiös sein

Die letzte Präsidentschaftswahl hat eindrücklich bewiesen, dass amerikanische Präsidenten nicht unbedingt weiß sein müssen, die conditio sine qua non ist allerdings - zumindest seit Jimmy Carter - das öffentliche Bekenntnis zum (protestantischen) Christentum. Zwar waren alle amerikanischen Präsidenten religiös geprägt - Kennedy war bekannterweise sogar Katholik -, doch seit Carter gilt es, sich religiös zu outen, wenn man für das höchste Amt im Lande in Betracht gezogen werden möchte. Vizepräsidenten dagegen kann man es nachsehen, wenn sie, wie im Falle von Joe Biden, katholisch sind. Oder sie können - oder sollten zumindest, wie im missglückten Falle von Sarah Palin - religiöse Wähler und besonders Wählerinnen ansprechen.

John McCains Wahlkampf und auch John Kerrys Walkampagne vor vier Jahren haben aber nachhaltig demonstriert, dass man ohne die Stimmen der evangelikalen und katholischen Wählergemeinde die Wahl verliert. Der Sieg Barack Obamas ist nämlich nicht nur auf die finanzielle Krise zurückzuführen. Er signalisiert auch, dass die religiösen Wähler Amerikas nicht mehr blind der Religiösen Rechten folgen.

Die zweite Amtsperiode von George W. Bush hat den religiösen Bürgern vor Augen geführt, dass das explizite Bekenntnis eines Präsidenten zu christlichen Werten diese unterminieren können, wenn die religiösen Worte von den Taten der Regierung lautstark übertönt werden.

Eine kürzlich am renommierten Boston College abgehaltene Konferenz zum Thema "One Nation under God? The Role of Religion in American Public Life" kam ebenso zu dem Ergebnis, dass Obama die Spaltung zwischen dem religiösen und dem säkularen Amerika - die sogenannte "God Gap" - überwunden hat.

Einer der Diskutanten war Jon Meacham, der Herausgeber von Newsweek, der in Obamas Wahlsieg - und nicht in der globalen Finanzkrise - das Ereignis des Jahres sieht. Meacham wies darauf hin, dass in Umfragen 69 Prozent der Evangelikalen angegeben hatten, Obama zu wählen. Ein tatsächlich erstaunlicher Prozentsatz, besonders wenn man ihn mit dem Wahlergebnis von 2004 vergleicht, als die Mehrheit der Evangelikalen für George W. Bush gestimmt hatte.

Die Folge war, dass man in den Medien den Begriff "evangelikal" nicht mehr religiös, sondern politisch verstanden hat. Doch diejenigen Amerikaner, die sich als evangelikal bezeichnen, sind, wie spätestens das jüngste Wahlergebnis gezeigt hat, politisch vielschichtiger als bisher angenommen.

Es muss jedoch festgehalten werden, dass es immer einen Teil der evangelikalen Bevölkerung gegeben hat, der der Regierung Bush gegenüber höchst skeptisch eingestellt war. Was ebenso wenig Erwähnung fand, war der Umstand, dass sich 2004 das Wahlverhalten von konservativen Katholiken nicht von demjenigen der konservativen Evangelikalen unterschieden hat.

Vor vier Jahren begann auch eine Allianz zwischen diesen beiden Fronten, die deshalb so bemerkenswert ist, da es zwischen den Lagern immer wieder auf Grund der theologischen Unterschiede gewisse Unstimmigkeiten gegeben hat. Richard John Neuhaus, ein ehemaliger linker lutherischer Pastor, der sich zum rechts ausgerichteten katholischen Priester gewandelt hatte, wurde der Wortführer dieser Allianz. Seine Zeitschrift First Things lieferte die theologische Rechtfertigung der neokonservativen Agenda von Präsident Bush, als dessen persönlicher Berater Neuhaus bis zu seinem Tod vor wenigen Tagen tätig war.

Die Wortführer der Religiösen Rechten sind zum Großteil betagte Herren, die in den letzten Jahren stark an Einfluss verloren haben. Zwar versuchen noch einige, wie etwa James Dobson, der Gründer von Focus on the Family, den Klimawandel als Hirngespinst der Linken herunterzuspielen, doch viele, auch konservativere Christen, weisen diese Behauptung als unsinnig zurück.

Der Generationswechsel, der sich hier abzeichnet, ist kaum zu übersehen. Dank des religiös getünchten Euphemismus "Creation Care" kann man nun auch in religiös-republikanischen Hochburgen unbefangen über den Umweltschutz sprechen. Bisher war der Umweltschutz aus der Sicht konservativerer Christen nur linken Extremisten vorbehalten. Was kann aber schon dagegen eingewandt werden, wenn man sich der "Schöpfungspflege" widmen möchte?

Demokraten haben Gott gefunden

Zwar stimmt es, dass es die Republikaner im Gegensatz zu den Demokraten seit Jahrzehnten verstanden haben, religiöse Wähler anzusprechen, aber unter den Katholiken und Evangelikalen des Landes hat es auch politisch höchst unterschiedliche Meinungen gegeben. Doch erst in der Wählerstromanalyse 2004 hat die demokratische Partei, wie es E. J. Dionne, der Kolumnist der Washington Post, spitz formuliert hat, Gott gefunden bzw. erkannt, dass man auch religiöse Wähler erreichen muss. Leute wie Jim Wallis, ein evangelikaler Aktivist, dessen Zeitschrift Sojourners für soziale Gerechtigkeit eintritt, haben nicht unwesentlich dazu beigetragen, dass die Demokraten religiöse Wähler ansprechen konnten.

Dass auch Barack Obama Wallis' Bestseller God's Politics gelesen hatte, merkte man spätestens dann, als er dessen Kernsatz, "Wir sind diejenigen, auf die wir gewartet haben", zum fixen Bestandteil seiner Wahlkampfreden machte. Es ist nicht verwunderlich, dass links ausgerichtete religiöse Führer wie Jim Wallis auch an dem Demokraten-Konvent in Denver aktiv beteiligt waren.

Die Wahl Barack Obamas ist ein Indikator für die religiösen Umbrüche in den USA. Um jedoch weiterhin mit der Unterstützung der meisten religiösen Bürger rechnen zu können, muss Obama, wie er es im Wahlkampf versprochen hat, mit religiös motivierten Abtreibungsgegnern eng zusammenarbeiten, wobei er aber die Abtreibungsbefürworter nicht vergraulen darf.

Der Autor ist Germanist und Kulturwissenschafter. Er lehrt am Gordon College/Massachusetts

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