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Gentechnik auf dem Teller

Die EU-Agrarminister haben sich auf eine Kennzeichnung von gentechnisch veränderten Lebensmitteln geeinigt. Künftig könnten auf EU-Ebene solche Nahrungsmittel wieder zugelassen werden. Auch im österreichischen Handel kämen sie dann in die Regale.

Die Verbraucher werden mit der Zeit merken, dass ihnen keine Salatköpfe und Tomatenhände wachsen und dass alles wie bisher aussieht und wie bisher schmeckt." Karl Kuchler, Molekulargenetiker und Vorstand der Plattform Dialog Gentechnik, der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit, macht sich keine Sorgen über angeblich negative Folgen von gentechnisch veränderten Organismen (GVO) in den Nahrungsmitteln.

Der erste Schritt in Richtung Neuzulassung solcher GVO in der Europäischen Union ist jetzt getan: Vergangene Woche einigten sich die Agrarminister auf eine EU-weite Kennzeichnungspflicht von Saatgut und Lebensmitteln, bei denen 0,9 Prozent oder mehr der Erbinformation gentechnisch manipuliert wurden. Die große Änderung ist dabei jedoch nicht der Schwellenwert. Der lag bisher bei einem Prozent. Neu ist dagegen, dass auch dann gekennzeichnet werden muss, wenn die Veränderung im Endprodukt nicht mehr nachweisbar ist.

Zwar wurden seit Juni 1999 in der Union keine neuen GVO mehr zugelassen. Das Europäische Parlament forderte jedoch zuletzt ein Ende dieses de-facto-Moratoriums und somit die Möglichkeit der Neuzulassung gentechnisch veränderter Lebensmittel und Pflanzen. Die politische Einigung der Agrarminister ist aber nur der Anfang vom Ende des Moratoriums. Denn nun ist das Europäische Parlament am Zug, das der 0,9 Prozent-Regelung zustimmen muss. Tut es dies nicht, gibt es ein Vermittlungsverfahren. Und erst wenn dieses positiv abgeschlossen ist, kann der Rat die Regelung als EU-weit verbindlich beschließen. Dieses Kennzeichnungsgesetz gilt als Voraussetzung für das endgültige Ende des Zulassungsstopps.

Für Österreichs Landwirtschaftsminister Wilhelm Molterer (ÖVP) ist die Einigung auf den neuen Schwellenwert jedoch kein befriedigendes Ergebnis: "Österreich und Luxemburg wollten eine Kennzeichnung ab 0,5 Prozent, aber wir sind überstimmt worden", bedauert Molterer-Sprecher Daniel Knapp. Sollten in Zukunft neue GVO auf EU-Ebene zugelassen werden, sieht Knapp keine Möglichkeit, durch nationale Gesetzte der Verbreitung in Österreich gegenzusteuern: "Wir haben einen Binnenmarkt, wir können die Produkte also nicht verbieten." Derzeit liegt die Genehmigung von elf Getreidesorten, die von Wissenschaftlern als unbedenklich eingestuft wurden, auf Eis.

Angewendet werden die Möglichkeiten der Gentechnik in der Landwirtschaft vor allem, um Nutzpflanzen gegen Schädlinge oder Herbizide (Unkrautvernichtungsmittel) resistent zu machen. Im ersten Fall wird die Pflanze so verändert, dass sie selbst Abwehrstoffe gegen bestimmte Insekten produziert, der Einsatz von Schädlingsbekämpfungsmitteln wird unnötig oder zumindest reduziert. Bekanntestes Beispiel dafür ist Mais, der das sogenannte Bt-Toxin gegen Insekten produziert.

Die Herbizid-Resistenz dagegen wird dort angewendet, wo durch Spritzmittel bestimmte Unkräuter vernichtet werden müssen. Durch die Verwendung entsprechender Gene sind jedoch die Nutzpflanzen selbst immun gegen die chemischen Pflanzenvernichter.

Gefahren sehen die Gegner dieser Methoden einerseits in den möglichen Auswirkungen der veränderten Nahrungsmittel auf die menschliche Gesundheit, andererseits in den potenziellen Veränderungen in der Umwelt, die etwa durch Kreuzungen artverwandter Pflanzen mit den GVO entstehen könnten. Der Gentechnik-Referent der Umweltschutzorganisation Global 2000 Daniel Hausknost warnt davor, "mit der Gentechnik herumzuspielen. Sechs Jahre, seit die ersten gentechnisch veränderten Lebensmittel zugelassen wurden, sind zum Beispiel für die Krebsforschung ein viel zu kurzer Zeitraum. Die Auswirkungen auf den Menschen sind daher eine noch völlig ungeklärte Frage." Anderer Meinung ist dagegen der Molekulargenetiker Karl Kuchler: "In der Wissenschaft kann man ja nie mit hundert prozentiger Sicherheit sagen, dass es etwas nicht gibt. Aber Gesundheitsgefahren kann ich immerhin mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausschließen." Und sein wissenschaftlicher Kollege, der Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Genetik und Gentechnik (ÖGGGT), Josef Glößl, geht sogar noch weiter: "Gentechnisch veränderte Lebensmittel gehören wegen der strengen Kontrollen, denen sie unterzogen werden, zu den sichersten überhaupt."

Auch die Gefahren für die Umwelt sehen Gegner und Befürworter unterschiedlich. Hausknost: "Wenn die Pflanzen ständig Insektengift produzieren, kann es zu Resistenzen der Insekten gegen das Gift kommen." Dann würden neue, stärkere Gifte nötig, um die Schädlinge wirksam zu bekämpfen. Glößl sieht darin jedoch kein Spezifikum der GVO: "Resistenzentwicklungen wurden bisher nicht beobachtet. Sie sind ein lang andauernder Prozess, der verlangsamt werden kann. Aber Resistenzen kommen überall vor, das hat mit Gentechnik nichts zu tun." Ebenfalls nichts abgewinnen kann der Genetiker der vielfach vorgebrachten Kritik, andere - nützliche - Tiere würden durch die Gift produzierenden Pflanzen gefährdet. "Dieses Argument wurde durch Laborversuche gestützt, in einer Freilandstudie allerdings widerlegt", betont Glößl. Bewiesen sei dagegen, so der Experte, dass in den USA und Kanada, wo insgesamt fast 40 Millionen Hektar und somit 74 Prozent der weltweit angepflanzten GVO wachsen, Spritzmittel massiv eingespart wurden, was der Umwelt und den Bauern selbst, die mit weniger Chemie in Berührung kämen, nütze.

Die heimischen Bauern wollen davon jedoch offenbar nichts wissen, wie eine Studie im Auftrag von Greenpeace belegt, in der im Vorjahr Landwirte aus Ost- und Südösterreich zu ihrer Meinung über gentechnisch verändertes Saatgut befragt wurden: 87 Prozent sprachen sich dafür aus, nur Saatgut ohne nachweisbare gentechnische Verunreinigung zuzulassen. Was seit heuer in Österreich durch eine Saatgut-Verordnung der Fall ist. Da jedoch Soja, Raps und Mais mit genetischen Veränderungen vor dem Moratorium auf EU-Ebene erlaubt wurden, wurde diese nationale Saatgut-Regelung von der Union bereits gerügt und könnte eingeklagt werden, was in weiterer Folge wohl zu einer Aufhebung der entsprechenden Verordnung führen würde.

Auch die Konsumenten wollen sich den Argumenten für die Gentechnik nicht anschließen. Eine vom Landwirtschaftsministerium in Auftrag gegebene Studie über die Ernährungsgewohnheiten der Österreicher ergab, dass für 91 Prozent der Befragten das Fehlen von gentechnischen Veränderungen als Qualitätskriterium bei der Auswahl von Lebensmittel sehr wichtig oder wichtig ist.

Molekulargenetiker Kuchler: "Das ist hauptsächlich ein Kopfproblem. Wir leben ja schon lange mit Gentechnik in den Lebensmitteln, nur ist es kaum jemandem bewusst. 60 Prozent des weltweit angebauten Sojas bestehen bereits aus GVO. Und aus dem Sojafett, dem sogenannten Lecitin, wird fast alles hergestellt, vom Brotweckerl bis zum Aufstrich." Gekennzeichnet sind die Veränderungen jedoch auf den Verpackungen der Lebensmittel nicht, denn das Lecitin ist so gut gereinigt, dass die Eingriffe in die Erbinformation der Soja-Pflanze nicht mehr nachweisbar sind.

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