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Geschoße, die langsam töten

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Wachsende Sorgen wegen der Umweltbelastung durch Uran-Munition. Schon nach dem Irak-Krieg traten sowohl bei Veteranen der alliierten Streitkräfte wie im Irak merkwürdige Erkrankungen auf. Ein Arzt hat dazu Informationen gesammelt.

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Wachsende Sorgen wegen der Umweltbelastung durch Uran-Munition. Schon nach dem Irak-Krieg traten sowohl bei Veteranen der alliierten Streitkräfte wie im Irak merkwürdige Erkrankungen auf. Ein Arzt hat dazu Informationen gesammelt.

Als Präsident von "Gelbes Kreuz International" bin ich schon über viele Jahre in Spannungsgebieten tätig und sehe dabei die große Not und das Sterben von Menschen. Ab 1991 konnte ich im Irak umfangreiche Untersuchungen durchführen. Und so habe ich schon im Oktober 1991 über die Nebenwirkungen der Geschoße, die abgereichertes Uran verwenden (D.U.-Geschosse, nach der englischen Bezeichnung "depleted uranium"), berichtet.

Der Kontakt mit D.U.-Munition führt dabei vor allem bei Kindern zu: * einem Zusammenbruch des Immunsystems mit deutlich ansteigenden Infektionsraten; * zu ausgedehnten Herpes- und Zosterbildungen, auch bei Kleinkindern; * zu Aids-ähnlichen Erscheinungen, auch bei Kleinkindern; * durch Funktionsstörungen von Niere und Leber zu einem bisher unbekannten Krankheitsbild, das sogar nach mir benannt worden ist; * zu Leukämie, aplastischer Anämie durch Störungen des Knochenmarks oder zu Krebsbildungen; * zu genetisch bedingten Missbildungen, die auch bei Tieren auftreten; * zu Aborten oder Frühgeburten bei Schwangeren.

Besonders im Süden des Irak werden immer mehr Kinder mit Leukämie, aplastischer Anämie und Krebs registriert, für die Mutter Teresa eine Sammelstelle eingerichtet hat, an der indische Schwestern arbeiten. Diese Krankheitsbilder werden uranhaltiger Munition zugeschrieben, die von der alliierten Armee im Golf-Krieg eingesetzt wurde. Schätzungen der britischen Atomenergie-Behörde zufolge sollen etwa 40 Tonnen dieser Munition im Grenzgebiet zu Kuwait herumliegen. Andere Experten gehen sogar von 300 Tonnen aus.

Diese Untersuchungsergebnisse weisen Ähnlichkeiten auf mit dem sogenannten "Golfkrieg-Syndrom", das bei alliierten Soldaten beschrieben werden. Es wird unter anderem über Schädigungen verschiedener Organe, Zahn- und Haarausfall oder Krebsbildungen berichtet. Schwangeren Militärangehörigen seien missgebildete Kinder geboren worden.

Nach Angaben des Präsidenten der US-Golfkriegsveteranen sind 50.000 bis 80.000 US-Armeeangehörige vom diesem Syndrom betroffen. Im März 1994 wird in den USA darüber berichtet, dass bei 251 Familien von Golfkriegsveteranen im Staat Mississippi 67 Prozent der Kinder missgebildet geboren wurden. Den Kindern fehlen Augen, Ohren, Finger, Arme, Beine oder sie leiden an schweren Blutkrankheiten, haben Atmungsprobleme.

Missbildungen bei vielen Kindern Inzwischen hat sich hat sich auch der Präsident der US-Golfkriegsveteranen meinen Vermutungen angeschlossen, dass diese Erkrankungen Ähnlichkeiten aufweisen mit den Folgen, die nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl im Jahre 1986 zu beobachten waren.

Ähnliche Beobachtungen wurden auch in Mitteleuropa gemacht. Im November 1996 wurde darüber berichtet, dass in Ex-Jugoslawien etwa 1.000 Kinder an einem Syndrom unbekannter Ursache litten: Kopf-, Unterbauch- und Muskelschmerzen, Atemnot und Schwindel. Über 600 Kinder seien in Krankenhäuser eingeliefert worden.

Im Dezember 1997 und im Jänner 1998 berichteten bosnische Medien, dass es in einigen Gebieten zu einem dramatischen Ansteigen von Leukämie, Krebsbildungen und missgebildet Neugeborenen gekommen sei. Eine seltsame Massenerkrankung habe auch die Kühe erfasst: Die Milchproduktion sinke vielfach rapid und versiege teilweise ganz. Der Blutanteil in der Milch sei oft so hoch, dass sie für den menschlichen Genuss nicht mehr zu gebrauchen sei. In einigen Fällen seien auch bei Kühen Missgeburten registriert worden: ohne Haut an den Füßen, ohne Klauen oder Zunge, mit genetischen Veränderungen, die auch bei anderen Tieren beobachtet worden seien.

In Bosnien zeigten sich zudem Veränderungen bei der Vegetation. Der Fruchtertrag sinke, es zeigten sich missgebildete Formen. Untersuchungen des Nuklear-Forschungsinstituts in Vinca habe die radioaktive Strahlung nach dem Nato-Bombardement durch den Einsatz von Uran-Munition gefährlich zugenommen.

Wie steht es nun um die Gefährlichkeit dieser Geschoße? Natürlich vorkommendes Uran hat nur einen Anteil von rund 0,7 Prozent des Isotops 235, der größte Teil ist Uran des Isotops 238. Da nur Uran 235 als spaltbares Material für den Einsatz in Atomkraftwerken oder zur Entwicklung von Atomwaffen geeignet ist, muss das Erz mit diesem Isotop angereichert werden. Was bei diesem Verfahren in großen Mengen anfällt, ist das D.U., das "depleted uranium".

Hochtoxische, radioaktive Stoffe Diese Abfälle der Uran-Industrie werden in Europa wegen ihrer großen Toxizität und ihrer Radioaktivität unter erheblichem Kostenaufwand in gesicherten Deponien gelagert. Zur Reduzierung des hohen Kostenaufwands wird abgereichertes Uran gern an Interessenten abgegeben.

Es besitzt Charakteristiken, die vor allem für die Rüstungsindustrie sehr attraktiv sind: * Es ist praktisch der schwerste Stoff, der natürlich auf der Erde vorkommt.

* Die nach einer deutschen Technologie entwickelte "D.U.-Munition" hat eine hohe Durchschlagskraft und ist besser als alles andere zum Brechen von Stahlpanzerungen geeignet.

* Es ist zudem ein brennbares Material. Bei Durchschlagen einer Panzerung entzündet es sich und setzt bei der Verbrennung hochtoxische und radioaktive Stoffe frei. Es bilden sich dabei Partikel von Uranoxid, die eingeatmet werden können oder durch Wunden in den Körper gelangen.

In Körperflüssigkeiten ist Uranoxid löslich und dann durch die giftige Eigenschaft wirksam. Durch Hitzezusammenballung sind Uranoxid-Partikel aber auch unlöslich, sie sitzen dann im Körper fest und können über lange Zeit ihre Radioaktivität entfalten.

Über die Gefahren, die von der Strahlung ausgehen, haben sich namhafte Wissenschaftler geäußert, etwa der Kanadier A. Petkau, Entdecker, des nach ihm benannten Effekts. Seine Ergebnisse zeigen, dass kleinste, chronische Strahlendosen 100 bis 1.000 Mal gefährlicher sein können, als die internationalen Strahlenschutz-Kommissionen bis heute annehmen.

Ähnlich die Untersuchungsergebnisse des amerikanischen Strahlenforschers E. J. Sternglass, schon aus dem Jahr 1974: Niedrige Radioaktivität erzeugt nicht nur Erbschäden, Krebs und Leukämie, sie vergrößert auch die ohnedies schon große Zahl gesundheitlicher Risiken. Selbst gewisse Umweltschäden scheint sie extrem nachteilig zu beeinflussen, wie etwa das Waldsterben.

Der amerikanische Wissenschaftler A. Gofman - er war an der Entwicklung der Atombombe beteiligt - stellt unter anderem fest: "Es gibt keine Entschuldigung dafür, dass ich, Gofman, nicht früher Alarm wegen der Aktivitäten niedriger, ionisierender Strahlung schlug. [...] Ich denke, dass mindestens einige hundert Wissenschaftler, die sich mit den biomedizinischen Aspekten der Atomenergie beschäftigten - ich, Gofman, eingeschlossen - Kandidaten für ein Nürnberg ähnliches Gericht sind, da sie mit ihrer großen Nachlässigkeit und Unverantwortlichkeit Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen haben."

Als Arzt und Wissenschaftler rufe ich dazu auf, die Anwendung der D.U.-Munition, über die jetzt schon über zehn Staaten verfügen, zu verbieten.

Der Autor ist emeritierter Professor für Tropenmedizin, der weiterhin an der Universität Leipzig lehrt. Er ist Präsident von "Gelbes Kreuz International", einer humanitären Organisation, die kranken Kindern hilft. Seit 1998 ist er auch zweiter Präsident der "Albert Schweitzer Akademie". In den Jahre 1991 bis 1995 hat er Kinder, die an einer bis dahin unbekannten Krankheit litten, behandelt.

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