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Rote Linien

FOKUS
SPD-Säulenheiliger Willy Brandt - Als eine Art SPD-Säulenheiliger steht der aufgrund seiner Ostpolitik legendär gewordene Bundeskanzler in der Parteizentrale in Berlin. - © Wolfgang Machreich

Gesine Schwan zum Start der SPD-Kanzlerschaft: „Rote Selbstachtung zurückgewinnen“

1945 1960 1980 2000 2020

Zum Anfang der deutschen Kanzlerschaft unter SPD-Führung ist die Vorsitzende der SPD-Grundwertekommission, Gesine Schwan, zuversichtlich, dass Olaf Scholz und seine Partei eine Freiheits-, Gerechtigkeits- und Solidaritäts-Agenda umsetzen werden. Zu Besuch im Willy-Brandt-Haus.

1945 1960 1980 2000 2020

Zum Anfang der deutschen Kanzlerschaft unter SPD-Führung ist die Vorsitzende der SPD-Grundwertekommission, Gesine Schwan, zuversichtlich, dass Olaf Scholz und seine Partei eine Freiheits-, Gerechtigkeits- und Solidaritäts-Agenda umsetzen werden. Zu Besuch im Willy-Brandt-Haus.

Die Ampelkoalition in Deutschland leuchtet, die meisten Büros im Willy-Brandt-Haus sind hingegen dunkel. Am Donnerstagnachmittag, einen Tag nach der Einigung auf eine Regierung zwischen SPD, Grünen und FDP vorige Woche, zeigt sich die Parteizentrale in Berlin-Kreuzberg verwaist. „Sie hätten am Wahlabend kommen müssen, da war was los hier“, sagt die Frau an der Garderobe. An diesem Tag und den kommenden stehen Kanzler- und Regierungs-Agenden im Vordergrund. Im Foyer steht die Skulptur von Willy Brandt. Raumprägend die Bronzefigur, Sozialdemokratie und Land prägend die Person. Dahinter prangen die Begriffe: Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität. „Wenn man diese Werte ernst nimmt, tut man der Demokratie und den Menschen sehr gut“, erklärt Gesine Schwan die Bedeutung dieser Schlagworte heute: „Die drei sozialdemokratischen Grundwerte lebbar und erlebbar machen, das ist meine Definition von linker Politik, wie ich überhaupt sage: Vernünftige und wohlverstandene linke Politik tut den Menschen gut.“

Zum Start der roten Kanzlerschaft klopfte die FURCHE bei Gesine Schwan an und befragte sie aus zwei Gründen über ihre Partei. Erstens ist Schwan Vorsitzende der Grundwertekommission beim SPD-Parteivorstand, eine auf Traditionstreue und Zukunftsorientierung verpflichtete Quasi- Glaubenskongregation der Sozialdemokratie. Und zweitens zählt die Politikwissenschaftlerin zum SPD-Urgestein. Beeindruckt von Willy Brandts Ostpolitik trat sie vor 50 Jahren der SPD bei. „Das ist meine politische Heimat, es gibt keine andere, wo ich mich mehr zugehörig fühle.“ Zweimal wurde Schwan als Bundespräsidentschaftskandidatin nominiert, ein Zeichen der Wertschätzung. Doch in der langen Beziehungsgeschichte gab es auch Gegenteiliges: Mitte der 1980er-Jahre wurde die streitbare Menschenrechtlerin, Antikommunistin und bekennende Katholikin aus der Grundwertekommission ausgeschlossen, nachdem sie den laxen Umgang der SPD mit den Regimen hinter dem Eisernen Vorhang geißelte. „Ich habe es meinen Oberen nicht immer leicht gemacht“, erklärt sie die Meinungsunterschiede: „Es gibt im konkreten Leben der Sozialdemokratie auch Dinge, die abstoßend sind, genauso wie in der Kirche, aber ich trete da wie dort nicht aus. Wobei es ein großes Glück ist, wenn man von diesen Institutionen nicht abhängig ist.“

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