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Gesundheit muß wieder was kosten

1945 1960 1980 2000 2020

Vergangenes Wochenende hat Gesundheitsministerin Christa Krammer einen neuen Anlauf zur längst fälligen Reform der Spitalsfinanzierung genommen. Hier die pointierten Standpunkte zweier Experten, wie die ausufernden Gesundheitskosten eingedämmt werden können.

1945 1960 1980 2000 2020

Vergangenes Wochenende hat Gesundheitsministerin Christa Krammer einen neuen Anlauf zur längst fälligen Reform der Spitalsfinanzierung genommen. Hier die pointierten Standpunkte zweier Experten, wie die ausufernden Gesundheitskosten eingedämmt werden können.

Politische Probleme löst man durch Vereinfachung - eine Maxime, der viele Politiker huldigen. Man führe komplexe Zusammenhänge auf eine einfach darzustel-' lende Ursache zurück - und schon glaubt man, die Probleme lösen sich von selbst. Diese Vereinfachungen haben selbstverständlich einen wahren Kern und den großen Vorteil, daß sie jeder versteht. Sie werden daher auch politisch akzeptiert, vor allem dann, wenn sie den Wahlbürger kurzfristig nicht erkennbar belasten beziehungsweise ihn soweit täuschen, daß er die Belastung unterschätzt.

Gegenwärtig haben wir im Sozialbereich zwei langfristig schwerwiegende Probleme zu lösen:

■ Wie finanzieren wir unsere Altersvorsorge? Ist unser Pensionssystem auf Dauer finanzierbar (siehe dazu FURCHE-Dossier 13/1995, Anm. d. Red.)?

■ Wie finanzieren wir unsere Gesundheit?

Momentan ist die Pensionsproblematik nicht unsere erste Sorge. Dank der „demografischen Gnade” (Das Eintreten der Babyboomgeneration ins Arbeitsleben und tausende Gastarbeiter) hält sich das steuerfman-zierte Defizit in Grenzen (55 Milliarden Schilling); erst ab 2010 wird es langsam steigend 215 Milliarden erreichen und damit unfmanzierbar werden, weil der nächsten Generation nicht mehr zumutbar.

Die Finanzierung der Krankenhäuser ist dagegen brandaktuell. Die Kosten explodieren geradezu mit elf Prozent p. a., die - vorübergehende -KRAZAF (Krankenanstaltenfman-zierungsfonds)-Lösung läuft aus, und obendrein hat der Verfassungsgerichtshof die Doppel Verrechnung von Leistungen an Privatversicherte unterbunden, was zusätzlich drei Milliarden kostet. Für 1996 werden Lösungen gesucht; die Sozialpartner befassen sich gerade damit, ohne recht weiterzukommen.

Erste Voraussetzung, um zu Lösungen zu kommen, wäre zunächst ein mal die Ursachen für diese Kostenexplosion zu analysieren und da scheiden sich schon die Geister: Zwar konnte man sich noch einigen, daß die moderne Medizintechnik „schuld” daran ist. Einfache Schlußfolgerung: man muß die Neuanschaffung dieser sündteuren Medizintechnik politisch steuern und sie nicht den (Chef-)Ärzten überlassen, die

scheinbar unverantwortlich und ohne Rücksicht auf Kosten, nur aus Prestigeüberlegungen, viel zu viele Com-putertomografen, Lithotripter und andere moderne technische Wunderapparate angeschafft haben. Tirol will hier eine Vorreiterrolle spielen, entsprechende Initiativen werden vorbereitet.

Das wirkliche Problem sind systemimmanente Fehlsteuerungen

Richtig daran ist, daß durch mangelnde gesamtösterreichische Investi-titonsplanung sicher einige dieser Geräte zuviel angeschafft wurden, und daß man hier sicher einige 100 Millionen einsparen hätte können.

Aber wir geben für die Gesundheit 230 Milliarden© aus, für die Krankenhäuser allein 100; elf Milliarden kommen jährlich dazu. Was sind also die wahren Verursacher dieser Kostenexplosion?

Es sind - wie bei der Pensionsfinanzierung - systemimmanente Fehlsteuerungen, die nur durch grundlegende Änderungen im Sozialsystem zu beheben wären; und dazu

ist man nicht bereit; eher erhöht man Beiträge oder Steuern. Ein Prozent Beitragserhöhungen bringen acht Milliarden Schilling, aber viele Österreicher glauben - oder man redet es Ihnen ein, daß Sie damit billiger fahren als mit Selbstbehalten. Ein widersprüchliches Argument, schon deshalb, da Selbstbehalte „sozialverträglich” gestaltet werden können; Sozialversicherungsbeiträge aber nicht.

Die wahre Ursache der Misere entstand durch die Abwertung der Hausärzte über die Pauschalhonorie-rung. Praktisch sind die Hausärz te gezwungen, alles was über eine Fünf-Minuten-Visite hinaus geht, abzuschieben und vor allem alle Fälle zu vermeiden, die Hausvisiten erfordern könnten. Das Abschieben in das Krankenhaus ist vorprogrammiert. Politisch unerwünscht, haben sich Zwischenstufen zwischen Arzt und Krankenhaus nicht entwickeln können, wie Praxisklinik, flächendeckende Hauskrankenpflege durch mobile Schwestern und Pflegehilfen, Gruppenpraxen mit Labor, Tageskliniken und so weiter.

Die moderne Medizintechnik verursacht aber nicht nur explodierende Kosten, sie reduziert auch die Verweildauer im Krankenhaus (von 28 Tagen 1960 auf zirka zehn); in den USA ist man aber schon bei fünf Tagen^). Gelänge das auch in Osterreich, könnte die halbe Bettenkapazität eingespart, beziehungsweise in Pflegebetten umgewandelt werden.

Außerdem gestattet die moderne Medizintechnik auch, viele Behandlungen ambulant durchzuführen, die noch vor wenigen lahren einen aufwendigen Krankenhausaufenthalt notwendig machten. Hier könnten jene mehrstelligen Milliardenbeträge eingespart werden, die die Politiker

derzeit verzweifelt suchen.

Wodurch erreicht man in den USA diese kurze Verweildauer? Einerseits durch ambulante Vorbereitung (Befundung), andererseits durch vorzeitige Entlassung. Diese vorzeitige Entlassung wird aber durch die Finanzierung über Tagessätze erschwert („das teuerste Bett ist das leere Bett”) und würde auch eine funktionierende Hauskrankenpflege voraussetzen. Diese müßte vor allem von den Hausärzten getragen werden.

Die Hausärzte, die über ungenügende Honorierung klagen, wären natürlich dazu auch bereit, wenn sie dafür honoriert werden. Aber dieses Sonderhonorar plus Kosten für mobile Pflege wäre immer noch ein Bruchteil des Tagessatzes im Krankenhaus (3.000 bis 8.000 Schilling). Die Problematik besteht nun darin, daß mit der Bettenreduktion erst dann begonnen werden kann, wenn diese Haus-krankenpflege flächendeckend funktioniert; vorübergehend sind daher Mehrkosten nicht zu vermeiden.

Ein solches System wäre deutlich kostengünstiger, setzt aber kostenbewußte Patienten als gleichberechtigte Marktteilnehmer voraus.

Die Hauskrankenpflege müßte flächendeckend funktionieren

Hier setzt nun die Ideologie ein: Es wird geleugnet, daß auch das Gesundheitswesen eine ökonomische Tätigkeit ist und daher über den Preis gesteuert werden kann und muß. Symptomatisch dafür ist, daß nicht einmal die Krankenhäuser selbst ihre Kosten kennen und nach 20(!) Jahren Diskussion bis heute die „Leistungsorientierte Krankenhausfinanzierung” sich nicht durchsetzen konnte. Das führt dann dazu, daß wir - als Patienten - im falschen - das heißt, zu teuren - Bett liegen.

Ein Markt zum Nulltarif kann nicht funktionieren, das muß zu Verschwendung führen. In den USA ist der Patient ja auch nur bereit, das Krankenhaus halbgesund zu verlassen, weil er die Kosten (zum Teil) selbst finanzieren muß. Und außerdem ist die (billigere) Hauskrankenpflege durch Familienangehörige oder durch mobile Schwestern gut ausgebaut.

Zum Nulltarif wird jede Bettenreduktion in Österreich von vornherein am Widerstand der Patienten scheitern. Als eine Art „vorbereitende Maßnahme”, die den Patienten zunächst noch nicht belastet, wäre es notwendig, jedem bei Entlassung eine detaillierte Kostenabrechnung in die Hand zu drücken, nur um dem Bürger bewußt zu machen, was sein Aufenthalt im Krankenhaus gekostet hat. Dasselbe gilt für alle anderen Gesundheitsleistungen, die in eine Art Jahresbilanz münden sollte. Nur so könnte allmählich ein Mitdenken der Patienten erreicht werden. Der zweite Schritt wäre dann die Vorfinanzierung mit Rückerstattung, was dann als dritter Schritt in einen Selbstbehalt (wieder sozial abgestuft) münden könnte.

Das Gegenargument der Ideologen, daß die Gesundheitsleistungen ausschließlich vom Arzt (angebots) induziert sind, stimmt nur zum Teil. Der kostenverursachende Einfluß des Patienten ist wesentlich größer, als man glaubt oder zugeben will. Und solange man am ideologisch motivierten Nulltarif festhält, steht das Gesundheitswesen eben vor dem finanziellen Kollaps. Der Autor ist Sozialversicherungsexperle.

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