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Gewalt, Gewalt und "Normalität"

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Drei Jahre nach der Unabhängigkeit präsentiert sich der Südsudan weiter als ein Land voller Konflikte und Gewalt -im Großen zwischen Regierung und Rebellen wie in lokalen Auseinandersetzungen. Langfristige Entwicklungsstrategien sind dennoch eine Chance.

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Drei Jahre nach der Unabhängigkeit präsentiert sich der Südsudan weiter als ein Land voller Konflikte und Gewalt -im Großen zwischen Regierung und Rebellen wie in lokalen Auseinandersetzungen. Langfristige Entwicklungsstrategien sind dennoch eine Chance.

Im Juli 2011 wurde der Südsudan unabhängig. Doch Friede währte, wenn überhaupt, nur kurz. Seit Dezember 2013 kämpfen Rebellen gegen die Regierung. Millionen sind seither auf der Flucht. Anfang November verständigten sich Präsident Salva Kiir und Rebellenführer Riek Machar auf ein Ende der Gewalt. Nachstehendes Gespräch mit Rob Osborne, Projektmanager der Jesuiten Ostafrikas, fand vor dieser Ankündigung statt.

DIE FURCHE: Vor gut drei Jahren sprach die FURCHE mit dem sudanesischen Bischof Macram Gassis - es war der Vorabend der Unabhängigkeit des Südsudan. Gassis sprach von großer Hoffnung und dass sich vieles ändern werde. Wenn man heute die Nachrichten aus dieser Region hört, scheint das Gegenteil davon eingetreten zu sein.

Rob Osborne: Der jüngste Konflikt, der Ende Dezember letzten Jahres begann, kam für alle überraschend. Darüber wird in den Medien seither berichtet. Aber abgesehen davon gab es seit der Unabhängigkeit im Südsudan immer Gebiete mit schlechter Sicherheitslage. Diese Regionen sind weiterhin instabil. Die Kirche engagiert sich vor allem da, wo das Leben eigentlich "normal" weitergeht. Dort arbeitet sie etwa an einer Verbesserung der Gesundheitsversorgung. Die Mehrheit der zehn Bundesstaaten, aus denen der Südsudan besteht, befindet sich in solcher "Normalität" und ist von den aktuellen Auseinandersetzungen wenig betroffen. Die Jesuiten etwa arbeiten im Bundesstaat Lakes im Zentrum des Landes mit der Hauptstadt Rumbek sowie in West-Bahr-el-Ghazal, das an den Sudan und die Zentralafrikanische Republik grenzt.

DIE FURCHE: Und wo wird gekämpft?

Osborne: Aufgrund des Konfliktes sind etwa eine Million der zehn Millionen Südsudanesen aus ihren angestammten Gebieten vertrieben worden. In drei Bundesstaaten ist die Flüchtlingssituation besonders prekär - im Prinzip ist der ganze Nordosten des Landes betroffen. Hier ist die Gewalt am extremsten. Man schätzt, dass zusätzlich 350.000 Menschen in den Sudan, nach Äthiopien, Kenia und Uganda geflohen sind - alles in allem eine immense humanitäre Krise. Die UNO warnt davor, dass viele dieser Flüchtlinge, die von ihrer Landwirtschaft gelebt haben, keine Ernte einbringen können

DIE FURCHE: und somit ist eine Hungersnot vorprogrammiert ...

Osborne: ... vor allem in den Gebieten, in denen sich die Binnenflüchtlinge aufhalten. Während der Regenzeit, die bis in den Oktober dauert, sind viele Gebiete außerdem wegen der schlechten Straßen nicht erreichbar. Auch der Regen zerstört die Ernten. Generell ist die Transportsituation auf dem Landweg sehr schlecht, oft müssen die Menschen aus der Luft mit Nahrung versorgt werden. Es gibt nur eine befestigte Straße von Uganda nach Juba, der Hauptstadt des Südsudan. Alle anderen Verbindungswege zwischen den Städten des Landes sind besonders zur Regenzeit in einem äußerst schlechten Zustand.

DIE FURCHE: Und über den Sudan, von dem sich der Südsudan abgetrennt hat, kommt weder Hilfe noch Handelsverkehr ins Land?

Osborne: Beispiel Gemüse: Das wird im Land nicht produziert, sondern aus Uganda importiert. Auch aus Äthiopien kommen Waren, aber nicht aus dem Sudan im Norden - es gibt dort etwa ein großes Zementwerk, aber davon hat der Südsudan nichts, Zement wird auch aus Kenia oder Uganda importiert.

DIE FURCHE: Die Jesuiten arbeiten also in den friedlicheren Gebieten des Südsudan.

Osborne: Man muss die Tätigkeiten der Jesuiten und des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes JRS unterscheiden, letzterer ist im Nordosten in den Flüchtlingslagern tätig.

DIE FURCHE: Was sind die Probleme in jenen Regionen, die vom Konflikt zwischen Regierung und Rebellen nicht betroffen sind?

Osborne: Im Westen, wo auch die Jesuiten tätig sind, leben die Dinka - diesem Volk gehört auch der südsudanesische Präsident Salva Kiir an. Dort gibt es keine Kämpfe zwischen den Rebellen und der Regierung, man findet hier aber lokale Gewalt vor, die auf Auseinandersetzungen zwischen den Clans der Dinkas fußen - etwa durch Rinderdiebstahl. In einem unserer Projekte war das eine große Herausforderung. Aber wir haben dann verstärkt Frauen eingesetzt - und die gelten nicht als Angriffsziel. Diese Konflikte sind aber lokal beschränkt.

DIE FURCHE: Sie haben nichts mit dem Konflikt mit dem Sudan oder den Rebellen zu tun?

Osborne: Ja. Ein Problem ist, dass die Regierung an die loyalen Dinkas Waffen verteilt hat; das hat aber dazu geführt, dass diese Waffen in den lokalen Auseinandersetzungen eingesetzt wurden. Man versucht nun, diese Waffen wieder einzusammeln.

DIE FURCHE: Und die Rebellen?

Osborne: Bei den Rebellen, die gegen die Regierung kämpfen, ist es auch nicht sicher, dass sie ihrem Führer gegenüber loyal sind. Würde Rebellenführer Riek Machar ein Friedensabkommen unterzeichnen, heißt das noch lange nicht, dass ihm alle Rebellen folgen. Auch das verkompliziert die Lage. Die Rebellensoldaten sind im Allgemeinen kleinen lokalen Rebellenführern gegenüber loyal und nicht automatisch der Gesamtführung. Die Rebellen kommen aus dem Volk der Nuer, aber die sind - wie die Dinka - untereinander oft zerstritten. Es gab da einen Rebellenführer, der gegen die Regierung kämpfte, und nun auf Seiten der Regierung gegen seine vorherigen Mitrebellen in den Kampf zieht, obwohl die wie er Nuer sind.

DIE FURCHE: Wie arbeiten Sie in dieser Lage?

Osborne: Wir konzentrieren uns auf langfristige Entwicklungsprogramme. Unsere Langzeitstrategie ist, das Lebensgefühl der Menschen zu stärken. In diesem Sinn arbeiten wir weiter - trotz der lokal begrenzten Konflikte. Wir betreiben so seit sechs Jahren ein Berufsausbildungs-Zentrum in der Stadt Rumbek, wo man Diplome in Solar-Elektrizität oder in Grundlagen der Wasserversorgung und Sanitäranlagentechnik erlangen kann. Bei Rumbek befindet sich auch das "Multieducational & Agricultural Institute of South Sudan", das die Lebensbedingungen und Nahrungsmittelsicherheit auf dem Land verbessern soll, durch Aneignung von landwirtschaftlichen Techniken und Fertigkeiten. Für dieses Bildungsinstitut haben uns lokale Stammesführer das Land geschenkt.

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