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Gibt es auch eine gute Art der KINDERARBEIT?

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Viele Kinder in armen Ländern müssen arbeiten. Wie kann man sie am besten schützen? Welche Alternativen soll man ihnen bieten? Eine FURCHE-Debatte.

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Viele Kinder in armen Ländern müssen arbeiten. Wie kann man sie am besten schützen? Welche Alternativen soll man ihnen bieten? Eine FURCHE-Debatte.

Unter welchen Umständen muss man von missbräuchlicher Kinderarbeit sprechen? Welche Arbeiten sind akzeptabel? Und welche Lösungen bräuchte es? Darüber diskutieren Jugend Eine Welt-Sprecherin Angelika Gerstacker sowie Journalist und Autor Georg Wimmer, der kürzlich "Kinderarbeit - ein Tabu" veröffentlichte.

DIE FURCHE: Herr Wimmer, Sie meinen, die Medien stellen Kinderarbeit als Perversion einer richtigen Kindheit dar: Kinder, die in Bergwerken schuften, in schummrigen Fabriken Teppiche knüpfen oder in brütender Hitze Kakaobohnen pflücken. Warum erachten Sie diese Bilder als Trugbilder?

Georg Wimmer: Weil sie nicht repräsentativ sind. Wenn wir von Kinderarbeit reden, haben wir Sklaverei und Kinderprostitution vor Augen, Fälle von Kriminalität und Ausbeutung. Aber Arbeit an sich ist nicht schlecht, die Ausbeutung ist zu verurteilen. Bei uns wird alles durcheinander gewürfelt.

DIE FURCHE: Was unterscheidet denn ausbeuterische von akzeptabler Kinderarbeit?

Angelika Gerstacker: Wenn Kinder ein paar Stunden wöchentlich arbeiten, um ihr Taschengeld zu erhöhen, kann man nicht von missbrüchlicher Kinderabreit sprechen. Allerdings ist die Grauzone zwischen missbräuchlicher Arbeit und erlaubter Kinderarbeit groß und gefährlich. Daher stehe ich allen Versuchen, Kinderarbeit zu legitimieren, sehr skeptisch gegenüber. Uns ist das Recht des Kindes auf Kindheit wichtig. Aber 168 Millionen Kinder weltweit müssen viel arbeiten und 85 Millionen Kinder müssen missbräuchlichen Arbeitsformen nachgehen -kein geringfügiges Problem.

Wimmer: Die von Ihnen genannten Zahlen sind die einzig verfügbaren, aber je mehr man recherchiert, umso klarer wird, dass diese Zahlen mit Vorsicht zu genießen sind. Die Zahl der Kinder, die die sogenannten schlimmsten Formen der Kinderarbeit verrichten, liegt bei zehn Millionen, nicht bei 85 Millionen.

Gerstacker: Die wirklichen Zahlen liegen mit hoher Wahrscheinlichkeit sogar weit darüber, wie im Fall von Straßenkindern.

Wimmer: Sie vermischen da Straßenkinder mit arbeitenden Kindern.

Gerstacker: Ich habe die Straßenkinder genannt, um zu zeigen, dass man nicht klar über Zahlen sprechen kann. Auch "Straßenkinder" arbeiten meist.

Wimmer: Aber die arbeitenden Kinder wehren sich mit Vehemenz gegen die Bezeichnung Straßenkinder. Das sind Kinder, die sich sehr bemühen und dann dargestellt werden als drogensüchtig, als Herumtreiber. In meinem Buch kommen sehr viele Kinder zu Wort. Deren Perspektive geht in dieser Diskussion völlig unter.

Gerstacker: In punkto Prostitution werden Sie mir vielleicht beipflichten, dass das eine missbräuchliche Arbeit für Kinder ist?

Wimmer: Das ist ein Verbrechen, das in allen Ländern verboten ist. Da brauche ich kein zusätzliches Verbot der Kinderarbeit.

DIE FURCHE: Nur jedes fünfte arbeitende Kind übt eine bezahlte Tätigkeit aus, viele arbeiten im Kreise der Familie. Ist denn die Familie ein Hort des Schutzes für die Kinder?

Gerstacker: Das ist sie leider vielfach nicht. Eine Don Bosco-Schwester, die im Benin arbeitet, hat uns von sechs-und siebenjährigen Kindern erzählt, die von ihren bitterarmen Eltern verkauft wurden, etwa in Steinbrüche.

Wimmer: Wenn Kindersklaverei, Kindersoldaten, Kinderprostitution ins Spiel kommen, sind nur zehn Millionen betroffen. Und nur fünf Prozent der Kinder sind in der Exportindustrie tätig. Das sind viel zu viele, aber nicht so viele wie immer behauptet.

Gerstacker: In der Zulieferungsindustrie sind sie in ganz vielen Steinbrüchen tätig. Da werden Sie mir wohl Recht geben, dass es dort keine gute Kinderarbeit gibt?

Wimmer: Die Frage ist, was bietet man den Kindern als Alternative? Es ist wirklich schlimm zu sehen, wenn ein Kind im Steinbruch arbeitet, aber bevor ich es davor "rette", ist die Frage, wie kann das Kind stattdessen überleben? Wenn wir mit einem Verbot drüber fahren, nehmen wir den Kindern die Rechte. Die Kinderbewegungen fordern das Recht, unter würdigen, geschützten Bedingungen zu arbeiten.

DIE FURCHE: Was bedeutet "Kinderarbeit unter würdigen Bedingungen" abgesehen davon, dass sie die Schule besuchen können und nicht gesundheitsgefährdet sind?

Wimmer: Auch, dass sie Zeit für Spiel haben. Dass sie, wenn Geld im Spiel ist, einen gerechten Lohn bekommen.

Gerstacker: Es wäre natürlich eine Illusion, zu fordern: "Bitte schafft die Kinderarbeit überall ab!" Das ist unmöglich.

DIE FURCHE: Dann würde die Kinderarbeit in die Verdrängung, in die Illegalität münden.

Wimmer: Natürlich. Wenn Sie das Verbot wirklich exekutieren, fällt die ökonomische Notwendigkeit ja nicht weg. Kinder werden dann unter schlimmeren Bedingungen arbeiten, sind noch weniger geschützt.

DIE FURCHE: Was müsste man arbeitenden Kindern statt des Verbots anbieten?

Gerstacker: Schutz. Und man muss die Familien miteinbeziehen. Die "Make Chocolate Fair"-Kampagne ist so ein Beispiel. Man muss den Eltern faire Löhne bezahlen, sodass sie erwachsene Mitarbeiter anstellen können und nicht auf die Gratis-Mitarbeit der Kinder angewiesen sind.

Wimmer: Ich halte deshalb nicht viel von dem Label "Ohne Kinderarbeit produziert", sondern wünsche mir das Label "Mit fairen Löhnen produziert." In punkto Kinderarbeit haben viele große Firmen wie Nike ein reines Gewissen, aber bei den Löhnen ziehen alle den Schwanz ein.

Gerstacker: Man muss den Familien Alternativen bieten. Beim Hilfsprogramm "Bolsa Familia" in Brasilien kriegen Eltern einen staatlichen Zuschuss unter der Bedingung, dass die Kinder die Schule besuchen. Dort ist die Zahl der Straßenkinder gesunken.

Wimmer: Der allergrößte Teil der arbeitenden Kinder geht ja zur Schule: Wenn in einem Land 80 Prozent aller Kinder die Schule besuchen, liegt die Zahl der arbeitenden Kinder, die zur Schule gehen, nur zwischen drei bis fünf Prozent darunter. Ich behaupte, dass die Schulen in diesen Ländern so schlecht sind, dass sie mit ein Grund sind, warum Kinder früher arbeiten. Der Unterricht entspricht nicht den Lebensumständen, die Kinder werden schlecht behandelt, geschlagen, die Lehrer sind oft nicht da. Bei uns heißt es immer nur: Schule statt Arbeit! Diese Schulen müssen aber unbedingt verbessert werden.

Gerstacker: Es gibt ja oft nicht mal Schulen! Wir haben ein Projekt in den Favelas von Rio, dort leben 80.000 Menschen und es gibt eine einzige Schule. Weltweit fehlen sechs Millionen Lehrkräfte. Die Zahl der eingeschulten Kinder ist zwar massiv gestiegen, aber viele haben die Schule nicht fertig gemacht oder dort nichts gelernt. Im Schulbetrieb soll nicht nur auf Quantität, sondern stärker auf Qualität geachtet werden.

Wimmer: Als Ursache für das Versagen der Schulpolitik wird dann immer die Kinderarbeit herangezogen und behauptet, die Kinder seien nicht in der Schule, weil sie arbeiten. Das ist eine Verschleierung des Scheiterns dieser Bildungspolitik.

Gerstacker: Es gibt zig Methoden, wie man die Arbeit mit der Schule verbinden kann, etwa, indem man die Schule auf den Abend oder Nachmittag verlegt. Unsere Don Bosco-Projektpartner bieten sehr erfolgreiche Kurzausbildungen an, wo Jugendliche neben der Arbeit eine minimale Ausbildung erhalten, etwa zum Fahrer. Das ermöglicht ihnen, sich stufenweise höher zu qualifizieren.

DIE FURCHE: Das klingt ja danach, dass die Kinder gar keine Freizeit mehr haben.

Wimmer: Die Kinder sind oft einer Doppelbelastung ausgesetzt, auf die man Rücksicht nehmen muss, indem man den Unterricht anpasst. Die Schule muss Rücksicht nehmen auf die Bedürfnisse der Kinder und der Gesellschaft. Es gibt etwa Straßenschulen, die auf den Markt kommen. Da müssen die Kinder nicht durch die halbe Stadt fahren.

DIE FURCHE: Wie sind Ihre Rechercheerfahrungen zur Situation der Mädchen?

Wimmer: Die Mädchen sind sehr oft ganz klassisch in den Haushalten oder im Verkauf tätig. Sie übernehmen die reproduktiven Tätigkeiten der Frauen, nachdem die Löhne so niedrig sind, dass beide Elternteile außer Haus arbeiten. In Lateinamerika stammen die Kinder, die im informellen Sektor auf den Straßen arbeiten, häufig aus Alleinerziehenden-Familien. Der Hintergrund ist der Machismo der Männer, die unglaublich verantwortungslos sind und die Frauen mit den Kindern im Stich lassen.

Gerstacker: Eine junge Näherin in Bangladesch sagt, sie arbeitet lieber in der Textilfabrik - obwohl die Arbeitsbedingungen missbräuchlich sind - statt wie ihre kleine Schwester am Land mit 14 Jahren zwangsverheiratet zu werden. Sie hat zumindest ein minimales Einkommen und eine gewisse Selbstständigkeit.

DIE FURCHE: In Bolivien dürfen Kinder ab August 2015 ab dem Alter von zehn Jahren arbeiten, Zwölfjährige können angestellt werden, solange Schulbesuch und Gesundheit gewährleistet sind. Wie beurteilen Sie das?

Wimmer: Ich finde, dass das Gesetz im Großen und Ganzen ein Schritt in die richtige Richtung ist. Man hat Verbote ersetzt durch Schutzrechte und die Kinder so aus der Illegalität geholt. Beim erlaubten Alter von zehn Jahren habe auch ich geschluckt.

DIE FURCHE: Arbeit ist ja nicht per se schädlich, Kinder können dabei auch Kompetenzen erlernen, Erfolgserlebnisse haben.

Gerstacker: Wenn die Arbeit wirklich überwacht wird, betrachten wir sie auch nicht als generell schädlich. Kompetenzerwerb ist sicher gegeben. Es gibt ja auch eine besorgniserregend große Gruppe von Kindern, die weder in die Schule geht noch arbeitet. Sie erwerben gar keine Qualifikation.

DIE FURCHE: Wie unterscheidet sich die gesellschaftliche Bewertung von arbeitenden Jugendlichen in unseren Breitengraden von jenen Jugendlichen in armen Ländern?

Wimmer: Bei uns gelten Kinder, die am Wochenende oder in den Ferien arbeiten, als besonders engagiert. Wenn das jemand im Süden macht, dann sind wir sofort elektrisiert und schreien auf: "Das ist Kinderarbeit!" Das ist eine Art von Viktimisierung.

Gerstacker: Zurecht. Für Millionen Kinder im Süden ist es ja nicht das Taschengeld, das sie dazuverdienen, sondern es handelt sich um überforderte Kinder, die keine Wahl haben. Jene Kinder, die übers Mittelmeer nach Europa flüchten, sagen nicht: "Ich will in Europa arbeiten", sondern "Ich will in die Schule gehen. Ich möchte so gerne eine Ausbildung absolvieren."

DIE FURCHE: Die ILO hat angekündigt, dass die schlimmsten Formen von Kinderarbeit bis 2016 Geschichte sein würden. Wieso wurde das Ziel nicht erreicht?

Wimmer: Die Politik des Verbotes hat den Kindern bisher mehr geschadet als genützt. Der Fehlschlag dieser Politik zeigt sich auch in dem verfehlten Ziel der ILO, die Zahl dieser zehn Millionen Kinder in den so genannten schlimmsten Formen der Kinderarbeit zu reduzieren. Man kann nicht die zwei völlig unterschiedlichen Phänomene Kinderarbeit und andererseits strafrechtliche Tatbestände wie Sklaverei, Kinderprostitution oder Zwangsrekrutierung mit demselben Mittel bekämpfen.

Gerstacker: Die Zahl der missbräuchlich arbeitenden Kinder ist von 171 Millionen im Jahr 2000 auf 85 Millionen gesunken. Diese Zahl ist nicht durch Verbote gesunken, sondern durch andere, komplexe Maßnahmen der Entwicklungszusammenarbeit.

Wimmer: In meinem Buch gibt es viele Beispiele, wo betroffene Kinder sagen: "Insgesamt hilft mir die Arbeit. Ich habe so einen größeren Handlungsspielraum." Es ist typisch, dass auf den internationalen Gipfeln der ILO gegen Kinderarbeit nie die Organisationen der arbeitenden Kinder eingeladen werden, denn sie stören das Bild, die Einigkeit. Sobald man ihre Perspektive berücksichtigt, wird es kompliziert.

Gerstacker: In vielen Staaten organisieren wir im Rahmen von Hilfsprojekten Kinderparlamente. Die Kinder ernennen dann einen Arbeitsminister, einen Polizeipräsidenten, etc. und überlegen sich, wie man ganze Dörfer kinderfreundlich machen kann.

DIE FURCHE: Muss man beim Thema Kinderarbeit einen pragmatischen, weniger idealistischen Zugang suchen, weil man die Realitäten nicht so schnell ändern kann?

Wimmer: Das Ziel einer kindergerechten Welt will ich niemals aufgeben. Aber die Kinder haben aktuelle Probleme, brauchen aktuelle Lösungen. Und man muss ihre Leistungen respektieren und schätzen.

Gerstacker: Man muss mit aller Vehemenz dagegen arbeiten, dass Millionen Kinder gequält und ausgebeutet werden. Das sind wir ihnen schuldig als Erwachsene, sie zu schützen und ihnen eine Zukunft zu ermöglichen. Dazu gibt es zig Rezepte, es mangelt oft nur am politischen Willen und am Geld.

DIE DISKUTANTEN

Angelika Gerstacker

Angelika Gerstacker ist die Pressesprecherin von Jugend Eine Welt und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema Kinderarbeit. Zuvor war die Menschenrechtsexpertin für die NGOs Care Österreich, Amnesty International Österreich sowie für die Gesellschaft für bedrohte Völker international tätig.

Georg Wimmer

Der Journalist Georg Wimmer ist Autor des kürzlich erschienenen Buches "Kinderarbeit - ein Tabu" (siehe links) und Mitarbeiter der Plattform für Menschenrechte Salzburg. Er war langjähriger Redaktionsleiter des Freien Rundfunk Salzburg, für seine Radiofeatures ist er mehrfach ausgezeichnet worden.

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