Annegret Kramp-Karrenbauer - Annegret Kramp-Karrenbauer - © APA/dpa/Kay Nietfeld
Politik

Gretchenfragen für CDU und AKK

1945 1960 1980 2000 2020

Am CDU-Parteitag wurde Annegret Kramp-Karrenbauer zwar bestätigt – doch „C“- und „K“-Frage bleiben offen. Was das für Deutschland und Europa bedeutet. Ein Gastkommentar.

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Am CDU-Parteitag wurde Annegret Kramp-Karrenbauer zwar bestätigt – doch „C“- und „K“-Frage bleiben offen. Was das für Deutschland und Europa bedeutet. Ein Gastkommentar.

Vor rund einem Jahr war Annegret Kramp-Karrenbauer – ein Zungenbrecher, der eine Abkürzung, AKK, zur Konsequenz hatte – als Nachfolgerin Angela Merkels zur Vorsitzenden der größten deutschen Partei gewählt worden: relativ knapp im zweiten Wahlgang gegen Friedrich Merz, nachdem in der ersten Runde Jens Spahn, der engere Kontakte zu Sebas­tian Kurz pflegt, ausgeschieden war. Bei Kramp und Merz handelt es sich nicht nur um zwei ideologische Richtungen, sondern auch um zwei menschliche Charaktere, die Ehrgeiz im Wesen und Herkunft im Westen einen: Hier die umsichtige Frau, die die „rheinischen Jesuiten“ Heiner Geißler und Norbert Blüm als Vorbilder nennt; dort der vorpreschende Mann, dessen Beispiel neben Ludwig Erhard, dem Schöpfer der Sozialen Marktwirtschaft, vor allem er selbst ist.

„Hier und jetzt beenden“?

Beiden Alpha-Tieren wohnt ein Charisma inne: ein leiseres der Löwin hier, ein lauteres dem Löwen dort. Umso beachtlicher, dass sich vergangenes Wochenende am Parteitag in Leipzig die Vehemenz verschob: von Merz, der nicht ganz glaubhaft von Loyalität sprach, zu Kramp, die nicht nur Inhalte vorwegnahm, sondern auch Klärung einmahnte: Falls die Partei ihren Weg nicht teilen wolle, sei es besser, die Sache „hier und jetzt“ zu „beenden“. Was Kramp außerdem ansprach, betraf das neue Programm, das sich die CDU demnächst geben wird. Sie betreut den Prozess seit Langem: seit sie, quasi als Vorstufe zum Vorsitz im Bund, ihr Amt als Ministerpräsidentin im Land an der Saar abgab und als Generalsekretärin der Partei nach Berlin wechselte.

Vieles kreist dabei um das „hohe C“, das "Christliche", das die Partei im Namen trägt und das ihr Öko-Aktivisten vor dem Kongress symbolisch wirksam „entführt“ hatten. Durch seine „Heimkehr“ bekam es jüngst den Wert nach außen, den es nach innen längst hat: Es ist das Maß, um das sich alle Werte drehen, wie der ebenso aus dem Westen stammende Armin Laschet, ein Kandidat im Rennen, immer wieder unterstreicht. Das gilt für die CDU, die die markante Letter – die buchstäblich und übertragen einerseits abrundet und anderseits eröffnet – nicht nur im Programm, sondern auch im Namen hat, vielleicht mehr als in anderen politischen Bewegungen im Rahmen der EVP wie der ÖVP. Dass deren intellektuell verbrämter Generalsekretär, Karl Nehammer, nicht müde wird, den Schlachtruf der linken Laizisten zu wiederholen – „Religion“ sei „Privatsache“ – geht fehl: Sonst gäbe es, prinzipiell, weder den Nachhall der Zehn Gebote im Rechtsstaat noch dürften, pointiert, weiter Glocken öffentlich läuten.

Ökologie und Ökonomie

Vorausgesetzt, dass Nehammer nicht dieselbe europäische Wirkung hat wie seine frühere Amtskollegin Kramp, hängt mit der C-Frage tatsächlich Wichtiges zusammen: nämlich ein entweder harmonischer oder disharmonischer Konnex zwischen Ökologie, Sozialem und Ökonomie. Insofern beschäftigt er heute inoffiziell mehr denn je die Verhandlungen zwischen CDU und deutschen Grünen sowie offiziell zwischen ÖVP und österreichischen Grünen. Konsequenzen haben wird er nicht nur für das Budget, die Bezahlung, sondern auch für die Kultur, die Bewertung eines Staates. Eine heute im Rahmen digitaler Globalität zu verortende ökologisch-soziale Marktwirtschaft hatte nach Josef Riegler, von dem der wegweisende und zielsetzende Begriff stammt, schon Heiner Geißler in Deutschland in der einschlägigen Tradition der päpstlichen Enzykliken des 19. und 20. Jahrhunderts angedacht. Allerdings wies er in seinem Buch „Das Visier öffnen“, das er nach dem Kanzlerverlust von Helmut Kohl an Gerhard Schröder publizierte, bissig darauf hin, dass fünfzig Jahre vor Leo XIII. schon Karl Marx mit dem „Kommunistischen Manifest“ seine eigene Enzyklika vorgelegt hatte.