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Hinterjedem Bart ein Osama?

Irak im Nachkriegschaos: Eine Irakerin wünscht sich Saddam zurück, eine andere freut sich indes über die Befreiung. Ein Lokalbesitzer wiederum fürchtet um sein Leben. Und die alliierten Soldaten sehen in jedem Imam einen potenziellen Terroristen.

Am schwarzen Brett im Foyer des Hotels "Palestine" - wo die meisten im Irak verbliebenen Journalisten Stellung bezogen haben - hängt ein Protestbrief gegen die Übergriffe der US-Army. Unterzeichnet ist das Schreiben von einer lokalen Ratsversammlung in Bagdad, die sich "Al Jihad" nennt. Dschihad? Ein Reizwort für alle Amerikaner, die darunter nur den heiligen Krieg der Islam-Terroristen verstehen. Der Zusammenschluss vieler muslimischer Gemeinden zu Hilfsgemeinschaften erscheint den US-Truppen als verdächtig und gefährlich.

Im Haus von Imam Ahmed Hussein Dabash, des Dorf-Geistlichen von Dabash im Norden Bagdads (siehe auch Interview auf dieser Seite), trifft sich eine große Versammlung. Der Gemeindearzt ist da, kirchliche Mitarbeiter, Überlebende der Angriffe, Kinder. Aus vielen Schilderungen ergibt sich langsam ein Bild der Ereignisse vom 9. bis 11. April 2003: Gleichzeitig mit den vor- rückenden Panzerspitzen seien US-Kampfflugzeuge gekommen. In Panik flüchteten die Familien. Offensichtlich fürchteten die US-Panzerbesatzungen aber, aus der flüchtenden Menge angegriffen zu werden. Die Flugzeuge führten deswegen aus, was im Militärjargon als "Luftunterstützung" bezeichnet wird. Ein Massaker an Zivilisten, so der Tenor der Gemeindeversammlung, mit uranangereicherten Geschossen sei die Folge gewesen.

Palmwedel als Trauerfahne

Was hier geschehen war, sei kein Einzelfall gewesen, wird uns versichert. Die genaue Zahl der Opfer werde man nie erfahren, heißt es. Viele liegen heute noch in Gräbern am Straßenrand. Große Palmwedeln stecken auf den Grabhügeln im Sand, daneben die leeren Gruben von exhumierten Opfern. Auf zerschossenen Häusern hängen schwarze Fahnen zum Gedenken an die getöteten Familienmitglieder. Ahmed Hameed, ein Iraker, der seit Jahren als Maschinenbauingenieur in Wien lebt und seine Familie in Dabash besucht, übersetzt aus dem Totenbuch des Imams: "Sechs Tote in einer achtköpfigen Familie..., Opfer von Clusterbomben: zerrissen, im Auto verbrannt, verblutet in der Wohnung des Gemeindearztes".

Doktor Mustafa ist angesprochen. Er beklagt den Unwillen zur Kooperation der amerikanischen Soldaten: "Warum können die US-Militärs nicht Offiziere schi- cken, die mit uns vernünftig verhandeln." Und er fügt hinzu: "Zu mir ist ein Major der US-Army gekommen und hat mir 400 Dollar pro Tag angeboten, wenn ich für ihn ausspionieren würde, was wir hier in unserem Hilfskomitee besprechen. Und unseren Imam hat dieser Major immer nur Osama' genannt."

Reichtum und Verbindungen haben viele Iraker in die Nach-Sad- dam-Zeit herüberretten können. Diese mächtigen Gruppen seien "schlimmer als die US-Mafia", schimpft ein Restaurantbesitzer in Bagdad. "Wenn jetzt jemand hereinkommt, mich niederschießt und das Restaurant übernimmt - er würde nicht verfolgt, niemand würde dagegen Einspruch erheben, bei wem auch?"

Zusammenstöße mit Kriminellen sind alltäglich. Dabei kommt es zu grotesken Situationen: Ein Freund von Ahmed Hameed wurde mit seinem Auto von einer bewaffneten Bande gestoppt. Bevor es noch ans Ausrauben ging, erblickte der Freund jedoch einen alten Bekannten unter den Bandenmitgliedern. Das Wiedersehen war herzlich und nach einem kurzen eindringlichen Appell des Bekannten an seine Spießgesellen ließen sie den Mann unbehelligt weiterfahren. Zumeist enden die Überfälle aber brutal. Auch von einem schwunghaften Drogenhandel der Irakis mit den US-Truppen hört man immer wieder.

Üble Besatzung oder ...

Von Bagdad geht die Fahrt nach Basra. Das einstige "Venedig des Nahen Ostens" ist schwer bombardiert und in Mitleidenschaft gezogen worden. Strom funktioniert nur wenige Stunden am Tag und die defekten Wasserleitungen führen zu einem massiven Anstieg von Typhus und Cholera. Die Jubelberichte der Besatzer über eine funktionierende Infrastruktur seien glatte Propagandalügen, ist die Leiterin der Kinderklinik von Basra, Jenan Hassan, erbost. Und "die Lebensmittelverteilungen der Besatzer sind großteils Propagandaaktionen, die meist gestoppt werden, wenn die Kamerateams wegfahren". Ähnliches weiß sie von den zum Teil aus Kuweit mitgebrachten "Jubeltruppen", die die US-Soldaten begrüßt haben, zu berichten. Die meisten Spitäler wurden geplündert, klagt die Primarärztin. Sie selbst hat britische Soldaten erfolglos um Schutz für ihre Klinik gebeten. Die Ärzte der Kinderklinik haben daraufhin bewaffnet Tag und Nacht das Spital bewacht.

Unter Saddam wäre Sicherheit gewesen, und die Basisversorgung hätte funktioniert, zieht sie einen riskanten Vergleich zu früher. Man habe gewusst, wie man sich zu verhalten hat, dass alles mit Spitzel infiltriert ist, es Repression, politische Gefangene und Folter und Hinrichtungen gibt. Aber wer sich politisch nicht betätigte, war relativ sicher. Wer kann ihr diese Haltung in ihrer jetzigen Situation übelnehmen?

Das riesige Monument von Saddam und seiner im Iran-Krieg gefallenen Generäle auf den Sockelsteinen am Kai des Schatt el Arab in Basra sind gestürzt. Stattdessen steht jetzt an Saddams Platz die Figur jenes Generals, der Kritik an Saddams Iran-Krieg geübt hat. Saddam ließ ihn und seine ganze Familie daraufhin ermorden.

... eine echte Befreiung?

Beim abendlichen Gang entlang der schattigen Ufermauer lädt eine Familie in ihren Garten ein. Es sind Schiiten, die ihr Haus erst nach dem Sturz Saddams zurück- erhalten haben. Die Tochter erzählt, wie 1991 ihr Neffe und Onkel von den Schergen Saddams verschleppt worden waren. Niemals mehr hat man von ihnen gehört. Wenige Tage später holten sie den Vater. Frau und Kinder sind dann bei Verwandten untergekommen. Über ein Jahrzehnt lebten sie in Angst und Trauer. Für sie ist der Sturz Saddams "eine echte Befreiung" und sie sind bereit, mit den "Befreiern" zu kooperieren.

In das Büro des Internationalen Roten Kreuzes kommen Angehörige, die nach Vermissten suchen: Menschen die während der Golfkriege verschwunden sind, Menschen, die unter Saddam verhaftet, gefoltert und ermordet wurden. Wären Saddams Söhne den US-Truppen lebend in die Hände gefallen, ein Berg an Grauen und Menschenverachtung hätte sich vor einem internationalen Gerichtshof aufgetan. Derzeit ist das Rote Kreuz überfordert, Ärzteteams müssen angefordert werden, um die Massengräber zu untersuchen. Und die Formulare mit den letzten Nachrichten, den letzten Spuren dieser Vermissten, ausgefüllt von den verzweifelten Angehörigen, werden immer mehr.

Der Autor ist freier Journalist.

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