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Politik

Im Spiegel des anderen

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Die Politikerbrüder Hans-Jochen und Bernhard Vogel blicken zurück.

Wenn Brüder Geschichte (be)schreiben, kann es anregend sein. Umso mehr, wenn sie sich nicht wie die "Ge"-Brüder Grimm weiland Märchen, sondern politischen Tatsachen widmen und noch dazu weltanschaulich unterschiedlich geprägten Bewegungen angehören: der ältere ist Sozial-, der jüngere Christdemokrat. Gemeinsam ist beiden die Karriere bis in hohe Partei- und Staatsämter: zum Bundesvorsitzenden der SPD und Bundesminister der eine, zum jeweiligen CDU-Landesvorsitzenden und Ministerpräsidenten in Rheinland-Pfalz und Thüringen, somit West und Ost, der andere.

Aus der "Vogelperspektive" - also aus einer distanzierten Warte von elder statesmen - betrachten Hans-Jochen (Jahrgang 1926) und Bernhard Vogel (1932) die Bonner Republik von deren Anfängen über das Ende des Eisernen Vorhangs bis zum Beginn der Berliner Republik. In getrennten und gemeinsamen Beiträgen erzählen sie fundiert und flüssig über das Werden ihrer Personen im wachsenden Staat von 1945 an und geben Einblick auch in das eine oder andere Internum ihrer Parteien. Interessant und berührend sind die Zeilen über den Bau und den Fall der Berliner Mauer, zu RAF-Terror und dessen Opfern, über das gelegentlich ambivalente Verhältnis Bernhards zu Heiner Geißler und Helmut Kohl oder jenes Hans-Jochens zu Willy Brandt und Gerhard Schröder.

Die deutsche Nachkriegsvergangenheit zieht am Leser vorbei, als wäre sie noch Gegenwart und führte schnurstracks in die Zukunft. Verläuft (sich) der Inhalt zu reibungslos? Die Ecken und Kanten der Biografien bleiben vielleicht zu sparsam erwähnt. Es ist die Geschichte, es sind die Geschichten jedenfalls zweier sprühender Personen, zweier signifikanter Figuren, die zwar nicht ohne Partei wurden, was sie sind - die letztlich aber doch Distanz genug zur eigenen Warte von Politik gewahrt haben, um nicht nur gegenüber dem Bruder, sondern auch insgesamt als eigenständige Köpfe und (heute seltener in der Politik) wohl auch "Herzen" wahrgenommen zu werden: im Spiegel des anderen, im Spiegel der Zeit.

Deutschland aus der Vogelperspektive

Eine kleine Geschichte der Bundesrepublik

Von Bernhard und Hans-Jochen Vogel

Herder Verlag, Freiburg 2007

319 Seiten, € 20,50

Die Politikerbrüder Hans-Jochen und Bernhard Vogel blicken zurück.

Wenn Brüder Geschichte (be)schreiben, kann es anregend sein. Umso mehr, wenn sie sich nicht wie die "Ge"-Brüder Grimm weiland Märchen, sondern politischen Tatsachen widmen und noch dazu weltanschaulich unterschiedlich geprägten Bewegungen angehören: der ältere ist Sozial-, der jüngere Christdemokrat. Gemeinsam ist beiden die Karriere bis in hohe Partei- und Staatsämter: zum Bundesvorsitzenden der SPD und Bundesminister der eine, zum jeweiligen CDU-Landesvorsitzenden und Ministerpräsidenten in Rheinland-Pfalz und Thüringen, somit West und Ost, der andere.

Aus der "Vogelperspektive" - also aus einer distanzierten Warte von elder statesmen - betrachten Hans-Jochen (Jahrgang 1926) und Bernhard Vogel (1932) die Bonner Republik von deren Anfängen über das Ende des Eisernen Vorhangs bis zum Beginn der Berliner Republik. In getrennten und gemeinsamen Beiträgen erzählen sie fundiert und flüssig über das Werden ihrer Personen im wachsenden Staat von 1945 an und geben Einblick auch in das eine oder andere Internum ihrer Parteien. Interessant und berührend sind die Zeilen über den Bau und den Fall der Berliner Mauer, zu RAF-Terror und dessen Opfern, über das gelegentlich ambivalente Verhältnis Bernhards zu Heiner Geißler und Helmut Kohl oder jenes Hans-Jochens zu Willy Brandt und Gerhard Schröder.

Die deutsche Nachkriegsvergangenheit zieht am Leser vorbei, als wäre sie noch Gegenwart und führte schnurstracks in die Zukunft. Verläuft (sich) der Inhalt zu reibungslos? Die Ecken und Kanten der Biografien bleiben vielleicht zu sparsam erwähnt. Es ist die Geschichte, es sind die Geschichten jedenfalls zweier sprühender Personen, zweier signifikanter Figuren, die zwar nicht ohne Partei wurden, was sie sind - die letztlich aber doch Distanz genug zur eigenen Warte von Politik gewahrt haben, um nicht nur gegenüber dem Bruder, sondern auch insgesamt als eigenständige Köpfe und (heute seltener in der Politik) wohl auch "Herzen" wahrgenommen zu werden: im Spiegel des anderen, im Spiegel der Zeit.

Deutschland aus der Vogelperspektive

Eine kleine Geschichte der Bundesrepublik

Von Bernhard und Hans-Jochen Vogel

Herder Verlag, Freiburg 2007

319 Seiten, € 20,50