"Im Zweifelsfall für Hugo Chávez"

Der Generalstreik in Venezuela ist beendet, doch der Kampf der Opposition gegen Präsident Hugo Chávez geht weiter. Für Jesuitenpater Klaus Vathroder ist Chávez autoritär, aber kein Diktator. Und die Armen des Erdöllandes hoffen weiterhin auf die Reformkraft "ihres" Präsidenten.

Die Furche: Hugo Chávez wurde 1998 mit dem höchsten Votum der venezolanischen Geschichte zum Präsidenten gewählt. Letztes Jahr wurde gegen ihn geputscht, zu Wochenbeginn ist ein 63-tägiger Generalstreik gegen Chávez zu Ende gegangen. Hat sich die Begeisterung in Ablehnung verkehrt?

Klaus Vathroder: Chávez stellt für viele Menschen immer noch eine reale Hoffnung dar, obwohl die letzten drei Jahre kaum reale Verbesserungen des Lebensstandards gebracht haben. Man traut ihm zu, die Armen aus dem Elend führen zu können. Natürlich gibt es in den Armenvierteln auch Chávez-Kritiker, doch würde man diese zu einer Entweder-Oder-Entscheidung zwingen wollen, würden die meisten dann doch zu Chávez stehen.

Die Furche: Warum? Sie sagen doch, es hat sich wenig zum Besseren gewandelt ...

Vathroder: Sein großer Verdienst - neben all den Fehlern - ist die Politisierung der Gesellschaft. Menschen, die bisher nie das Recht hatten mitzureden, wurde das Gefühl vermittelt, sie wären wichtig, sie hätten etwas zu sagen. Chávez hat ihnen zugehört. Menschen aus den Armenvierteln haben vor drei Jahren erstmals in der Geschichte dieses Landes am Verfassungsentwurf mitarbeiten können.

Die Furche: Wer die Medienberichterstattung verfolgt, kommt eher zum Schluss, Venezuela sei knapp einem Bürgerkrieg entkommen?

Vathroder: Die Informationen, die von den Massenmedien transportiert werden, sind allesamt manipuliert. Die privaten Fernsehsender Venezuelas vermittelten den Eindruck, der Streik wäre total. Das stimmt nicht. Der Streik spielte sich nur in einem Sektor der venezolanischen Wirtschaft ab. In dessen Zentrum steht das staatliche Erdölunternehmen PDVSA. Hier im ärmeren Westen der Hauptstadt spürte man den Streik kaum. Die Menschen gingen zur Arbeit, der Nahverkehr funktionierte, man kaufte und verkaufte. Im reicheren Osten aber waren viele Geschäfte geschlossen.

Die Furche: Nach wie vor ruft die Opposition zu zivilem Ungehorsam auf. Geteilte Stadt? Geteiltes Land?

Vathroder: Wir leben nach wie vor in einem nicht erklärtem Ausnahmezustand. Die großen privaten Sender, die sich unter Kontrolle der Opposition befinden, haben jede Demonstration live übertragen. Die einzigen Werbeeinschaltungen galten dem Aufruf zum Sturz von Chávez. Das beeinträchtigte die Menschen psychisch sehr stark. Viele sind depressiv, wissen nicht, wie es weitergehen soll. Ich habe noch nie so viele Menschen getroffen, die in den Gottesdiensten für Frieden beten, für Verständigung und für ein gewaltloses Ende des Konfliktes.

Die Furche: Welche Position hat die Kirche in diesem Konflikt?

Vathroder: Leider hat die katholische Kirche in diesem Konflikt bereits eine sehr schwierige Position. In der Aprilkrise hat die Kirchenhierarchie unverkennbar mit der Opposition sympathisiert. Unser Kardinal hat damals ein Dekret unterschrieben, das gemeinhin als Billigung des Putsches gegen Chávez verstanden wurde. In den Armenvierteln hat dieses Verhalten eine unglaubliche Enttäuschung hervorgerufen. Die Menschen zeigten sich erschüttert und beklagten, dass sich "ihre Kirche" so deutlich auf die Seite der Reichen stellt. Das war die Botschaft, die bei ihnen angekommen ist. Seither hält sich die Kirche mit Äußerungen zurück, was positiv ist. Andererseits wünsche ich mir, die Kirche würde viel stärker für Versöhnung eintreten und darauf hinweisen, dass der Andere nicht Feind, sondern politischer Gegner und Andersdenkender ist. Es darf keinesfalls darum gehen, den Gegner mit Gewalt vom politischen Spielfeld zu entfernen. Es muss Platz für alle geben. Das kann nur gelingen, wenn die Spielregeln der Demokratie eingehalten werden.

Die Furche: Das Ende des Generalstreiks deutet die Opposition als ihren Beitrag für konstruktive Verhandlungen ...

Vathroder: Es gibt schon seit einiger Zeit einen so genannten Verhandlungstisch, an dem ein Ausweg gesucht wird. Bisher habe ich aber den Eindruck, als habe sich dort überhaupt nichts bewegt. Man darf nicht vergessen, dass Chávez das Resultat einer über vierzig Jahre andauernden verfehlten Politik ist. Man will offensichtlich erst dieses Resultat beseitigen und dann alternative politisch-soziale sowie ökonomische Lösungsmodelle entwerfen. Bis jetzt hat die Opposition kein Programm außer: Weg mit Chávez! Als wäre damit auch nur ein Problem gelöst.

Die Furche: Chávez hält somit nicht nur die Regierung, sondern auch die Opposition zusammen.

Vathroder: Ja, ohne Chávez als Gegenpol würde die Opposition vermutlich sofort auseinander fallen. Denn welche Gemeinsamkeiten - außer der Absetzung von Chávez" - sollte etwa MAS (Bewegung zum Sozialismus) mit relativ weit rechts positionierten Parteien haben? Die Opposition ist ein Konstrukt, dessen politische Kräfte massiv auseinander streben.

Die Furche: Gemeinsam ist der Opposition aber, dass sie Chávez autoritäres bis hin zu diktatorischem Verhalten vorwirft.

Vathroder: Chávez hat auch autoritäre Ansätze. So könnte man sich durchaus kritisch darüber unterhalten, wie der Präsident mit der Verfassung umgeht, wie er mit den Staatsgewalten umgeht. Chávez aber national wie international als Diktator zu bezeichnen, der zur Befreiung des venezolanischen Volkes beseitigt werden muss, ist schlicht irrational.

Die Furche: Diese Vorwürfe werden aber von vielen geglaubt ...

Vathroder: Die Angst vor einem kommunistischen Venezuela, wie es täglich in den privaten Fernsehsendern angekündigt wird, beherrscht die Ober- und Mittelschicht stark. Das sind ja genau jene Gruppen, die vom Erdölboom gelebt haben. Sie befürchten, sie werden durch Chávez alles verlieren. Es gibt viele Menschen in der Oberschicht, die ihn zutiefst hassen, die ihn nicht einmal ansehen können. Denn natürlich wird ihr luxuriöse Lebensstil von Chávez immer wieder in Frage gestellt: Wie können in einem Land mit derartigem Erdölvorkommen bis zu 70 Prozent der Bevölkerung in Armut leben?

Die Furche: Der ehemalige US-Präsident Jimmy Carter hat nun ein Referendum für den kommenden August vorgeschlagen. Ein Lösungsweg?

Vathroder: In Venezuela kann nach Ablauf der halben Amtszeit eine Regierung abgewählt werden. Die Opposition war es, die diese demokratische Möglichkeit bis jetzt nicht für sich nützen wollte. Durch die Vermittlung Carters scheint jetzt diesbezüglich eine Verständigung möglich. Wohl auch, weil die venezolanische Wirtschaft durch diesen Streik bereits zig Milliarden US-Dollar verloren hat. Das Budget wurde sicherlich nicht zum letzten Mal nach unten korrigiert. Und wer zahlt am meisten drauf? Die Ärmsten, denn das so wichtige Sozialpaket, vor allem für den Wohnungsbau in den Elendsviertel, ist bereits verschoben worden.

Das Gespräch führte Birgit Zehetmayer, Ludwig Boltzmann Institut für zeitgenössische Lateinamerikaforschung.

Jesuit im

Armenviertel von Carácas/Venezuela

Klaus Vathroder SJ lebt seit vielen Jahren in Carácas und leitet dort die Stiftung "Centro Gumilla". Diese Jesuitengemeinde betreibt soziale Wohnbauprojekte in den Armengebieten von Carácas und lebt so inmitten jener Bevölkerungsschicht, die vor fünf Jahren Hugo Chávez ins Präsidentenamt von Venezuela gehoben hat.

Vathroder studierte an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main. Nach seiner Priesterweihe 1991 begann er ein Studium der Wirtschaftstheorie an der Katholischen Universität Andrés Bello in Carácas. Zurückgekehrt nach Deutschland arbeitete er über Entwicklungspolitik in Afrika. Seine Faszination für Südamerika führte ihn bereits 1997 wieder nach Carácas, wo er sich in dem vom bekannten Jesuitenpadre Francisco José Virtuoso gegründeten Konsortium "Catuche" engagierte. Ein Armenviertel sollte gemeinsam mit der ansässigen Bevölkerung in eine lebenswerte Stadt verwandelt werden. Von José Virtuoso übernahm Vathroder alsbald auch die Agenden der sozialpolitisch engagierten Zeitschrift "Sic", deren Herausgeber er bis heute ist. Zudem wirkt er als Priester im Armenviertel Catuche. Weitere Informationen unter http://www.gumilla.org.ve

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