"Rekordhäftling" Juan Carlos Chmelir (1949-2021) - Juan Carlos Chmelir (1949-2021) war ein seit langem geläuterter Krimineller. Trotz positiver Gutachten kam er nie frei.

Juan Carlos Chmelir: Der Rekordhäftling, der an Justiz glaubte

1945 1960 1980 2000 2020

Nachruf auf den längst sitzenden Häftling Österreichs: Juan Carlos Chmelir (1949-2021). war ein seit langem geläuterter Krimineller. Trotz positiver Gutachten kam er nie frei.

1945 1960 1980 2000 2020

Nachruf auf den längst sitzenden Häftling Österreichs: Juan Carlos Chmelir (1949-2021). war ein seit langem geläuterter Krimineller. Trotz positiver Gutachten kam er nie frei.

Juan Carlos Chmelir wurde der „Rekordhäftling“ genannt. Seine Höchstleistung bestand aber nur vordergründig in der Rekordzahl der Lebensjahre, die er in Gefängnissen verbrachte. Seinen bedeutenderen Rekord stellte er dadurch auf, dass er nicht aufgegeben hat, an den Rechtsstaat zu glauben. Chmelir glaubte an die Gesetze – an jene, die ihn vor Jahrzehnten für seine Straftaten ins Gefängnis brachten und an jene, die ihn nach Erfüllung aller Voraussetzungen zur Haftentlassung wieder in die Freiheit bringen werden.

In diesem Glauben schrieb er am 6. April dieses Jahres vom Krankenbett aus einen Brief an die Anstaltsleitung der Justizanstalt Graz-Karlau. Mit der Hand, mit Kugelschreiber auf einem einfachen Blatt Papier. Formlos in der Ausführung, aber mit Stil im Inhalt. Eine Beschreibung, die auch für den Menschen Chmelir passt. Seine Befunde ließen nur mehr eine geringe Lebensdauer erwarten, schrieb er: „Ich bitte daher die österreichische Justiz meine Person nach knapp 43 Jahren Strafhaft zu entlassen und die letzten Tage oder Wochen mit meiner Familie verbringen zu dürfen.“

Angst, dass sie ihn abdrehen

Ein Foto des Briefes schickte Chmelir über das Mobiltelefon eines anderen Patienten an die FURCHE, zu der er nach persönlichen Treffen und regelmäßigen Telefonaten seit 2008 ein Vertrauensverhältnis aufgebaut hatte. Chmelir bat um Weiterleitung des Briefs an seinen Anwalt; er fürchtete, dass auch dieses Ansuchen wieder einmal verschleppt wird. Oder wie der Grazer Gefängnisseelsorger Norbert Engele, der sich für Chmelirs Freilassung einsetzte, einmal schimpfte: „Was ein Pfarrer schreibt, ist der Justiz völlig wurscht, das wird nicht einmal ignoriert, das ist denen scheißegal.“ Oder wie die vor zwei Jahren nach 40 Jahren Fernbeziehung gestorbene Frau von Chmelir immer fürchtete: „Dass sie ihn abdrehen da drinnen, denn er war ein Revoluzzer – das verzeihen die ihm nie!“

Anstatt zu seiner Familie wurde Chmelir, als es ihm etwas besser ging, wieder in eine geschlossene Anstalt verlegt, wo er auch noch an Covid erkrankte. Am vergangenen Sonntag, kurz nach seinem 72 Geburtstag, verstarb Juan Carlos Chmelir. Der Rekordhäftling, der bis zuletzt an die Justiz glauben wollte.

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