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"Kauft nicht bei Muslimen!"

Im westindischen Bundesstaat Gujarat wurden über Jahre hinweg systematisch antimuslimische Stimmungen geschürt.

Ausgelassenes Treiben kennzeichnet üblicherweise Holi. Mit ungezügelten Farbenschlachten begehen die Inder Jahr um Jahr ihr Frühlingsfest. Doch Ende März 2002 gibt es in Ahmedabad keinen Anlass zum Feiern. Aus Sorge vor Unruhen haben die Sicherheitskräfte vielmehr eine Ausgangssperre über die meisten Viertel der Millionenstadt im westlichen Bundesstaat Gujarat verhängt. Eine unheimliche Stille liegt über den verlassenen Straßen. Der Festtag vergeht in einer Art Friedhofsruhe. "Keine nennenswerten Zwischenfälle", melden die Nachrichten am Abend. Am nächsten Morgen wird die Ausgangssperre in vielen Bezirken wieder gelockert.

Von einer Rückkehr zur Normalität aber kann keine Rede sein. In den folgenden Tagen kommt es zu neuen Gewaltakten. Menschen werden erstochen und erschlagen oder mit Säure angegriffen. Häuser und Geschäfte werden niedergebrannt. Babies sterben an Dehydration in den überfüllten Lagern. Selbst am 4. April, als Premierminister Atal Bihari Vajpayee Ahmedabad mit großer Verspätung einen Besuch abstattet, und an allen Tagen seither kommen wieder Menschen gewaltsam um. Die Zahl der Toten seit dem 27. Februar steigt auf über 800, knapp die Hälfte davon sind in Ahmedabad zu beklagen. Seit an jenem Tag vermutlich extremistische Muslime bei der Stadt Godhra in Gujarat einen Zug mit Hinduaktivisten überfallen haben, die sich im nordindischen Ayodhya an den Vorbereitungen für einen Tempelbau an genau jener Stelle beteiligt hatten, wo 1992 eine Moschee zerstört worden war, nehmen die Racheakte an Muslimen kein Ende.

"Ich bin zutiefst beschämt darüber, was in Gujarat vorgefallen ist, und darüber, dass Menschen in ihrer eigenen Stadt zu Flüchtlingen geworden sind", erklärt der Premier vor den 4.000 muslimischen Opfern der jüngsten Ausschreitungen im Shah-e-Alam-Lager. "Ich kann einfach nicht verstehen, wie ein Mensch einen anderen lebendigen Leibes verbrennen kann. In unserer Tradition verbrennen wir einen Körper, nachdem das Leben aus ihm gewichen ist", sagt Vajpayee. Er verspricht Sicherheit und Rehabilitation. "Wir müssen in die Zukunft blicken. Die Zeit hat eine heilende Wirkung", erklärt er später bei einem anderen Termin auf seiner kurzen, eiligen Tour durch Gujarat.

Vergiftete Atmosphäre

Kaum einer der rund 100.000 überwiegend muslimischen Flüchtlinge in den Camps von Ahmedabad kann aus den Worten des Premiers Zuversicht schöpfen. "Wir haben alles verloren. Unsere Existenz ist zerstört", sagt ein Mann in einem Lager im Vorort Gomtipur. "Wir haben Angst", betont ein anderer. "Wir können nicht mehr zurück", flüstert ein dritter. Auch Mitte April will noch keiner den relativen Schutz der Lager verlassen. Selbst wenn die in der seit bald zwei Monaten währenden Gewaltorgie verwüsteten Viertel wieder aufgebaut und die Häuser und Geschäfte der Muslime neu errichtet würden, ist unsicher, ob die muslimischen Opfer noch einmal in gemischten Bezirken leben wollten. "Das ist unser großes Dilemma", sagt ein Universitätslektor, der sich in der Citizens' Initiative, einer Allianz von knapp drei Dutzend Nichtregierungsorganisationen (NGOs), in der Versorgung der Flüchtlinge mit Lebensmitteln und Arzneien engagiert. "Wenn diese Gesellschaft heilen und wieder ein Gefühl der Zusammengehörigkeit entstehen soll, müssen die Angehörigen der verschiedenen Religionsgruppen miteinander leben. Wie aber können wir die Muslime davon abhalten, sich in Ghettos zurückzuziehen, solange die jetzt so vergiftete Atmosphäre anhält?"

Als "Laboratorium der Hindutva-Kräfte" bezeichnen säkulare Inder heute Gujarat und beklagen, dass es ausgerechnet in diesem Bundesstaat, in dem der große Freiheitskämpfer und Apostel der Gewaltlosigkeit Mahatma Gandhi geboren wurde, der Sangh Parivar (Hindufamilie) gelungen ist, so tiefe Wurzeln zu fassen. "Die Zivilgesellschaft hat hier völlig versagt", gesteht ein Friedensaktivist ein. Die Sangh Parivar, eine Gruppe von Hinduorganisationen, der auch Vajpayees in Neu Delhi regierende Indische Volkspartei (Bharatiya Janata Partei, BJP) angehört, "hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten in Gujarat systematisch die Stimmung gegen die Muslime geschürt und muslimfeindliche Mythen propagiert", sagt Prasad Chako. "Die säkularen Kräfte organisieren sich dagegen immer nur nach Unruhen und lassen dann in ihrer Aktivität wieder nach, anstatt permanent dem Treiben der Hindufaschisten entgegen zu wirken."

Der Erfolg der Sangh Parivar lässt sich auch daran ermessen, dass nie zuvor sich Vertreter der Mittelklasse in so großer Zahl an Gewaltakten gegen Muslime und an der Plünderung von deren Geschäften beteiligt hatten. "Was geschehen ist, ist geschehen", "Es musste eben so kommen", "Was passiert ist, war längst überfällig": Mit solchen Worten rechtfertigen Hinduchauvinisten nun die Gewalt, die die Verfechter eines säkularen Indien nicht einfach nur als ein weiteres Beispiel von "Unruhen" oder "Ausschreitungen" in die lange Geschichte religiös motivierter Konflikte im Land eingehen lassen wollen. Sie sprechen von einem verheerenden negativen Sprung. Wenn, wie diesmal, Angehörige der einen Religionsgruppe derart gezielt angegriffen werden - gab es beispielsweise ein einziges muslimisches Geschäft unter Dutzenden, so wurde dieses und kein anderes zerstört und dessen Besitzer ermordet -, dann könne nicht von "blinder" Gewalt die Rede sein. Dann handle es sich um "Genozid" und "Verbrechen gegen die Menschlichkeit", die als solche gerichtlich verfolgt werden müssten.

Aber wird es dazu kommen? Vajpayee selbst fordert nicht einmal den ebenfalls der BJP angehörenden Chefminister von Gujarat, dem auch die staatliche Menschenrechtskommission schweres Versagen vorgeworfen hat, zum Rücktritt auf. Und in Ahmedabad setzen die Fanatiker ihr Werk fort. "Wenn du ein wahrer Hindu bist, mache 100 Kopien von diesem Zettel und verteile sie. Jai Shri Ram", steht über Flugblättern, wie sie aus der Stadt nicht mehr wegzubekommen sind. Der Verfasser, der sich als "Hindupatriot" bezeichnet, ruft darin zu einem lückenlosen wirtschaftlichen Boykott der Muslime auf. Kein Hindu solle mehr bei einem muslimischen Händler einkaufen noch einem Muslim etwas verkaufen, er solle kein von einem Muslim gefertigtes Produkt mehr erwerben, Filme mit muslimischen Schauspielern meiden, keinem Muslim einen Arbeitsplatz geben noch bei einem Muslim Beschäftigung suchen.

Unhinduistisch

"Das Schlimme ist, dass so viele Hindus für solche Forderungen Verständnis aufbringen", erzählt Anita Dixit vom Verhaltensforschungszentrum in Ahmedabad. "Wenn ich diese Flugblätter verurteile, wie oft bekomme ich da zu hören: Du bist doch auch Hindu. Du solltest das wohl verstehen'." "Dürfen wir wirklich noch von Wunden sprechen, die wieder heilen können? Oder ist es schon ein Krebs, der unsere Gesellschaft zerfrisst?" fragt einer ihrer Kollegen. Hoffnung schöpfen sie, wie so viele andere Friedensaktivisten in Gujarat, heute vor allem aus der Tatsache, dass auch die allerschärfsten Verurteilungen der jüngsten Greueltaten von Hindus kommen. Was die Fanatiker in Gujarat getan haben, "läuft dem Hinduismus gänzlich zuwider. (Diese Menschen) zerstören den Geist des Hinduismus", schreibt einer von vielen, die in der Ideologie der Sangh Parivar eine völlige Verkehrung des Hinduismus sehen. "Vegetarier sind zu Kannibalen geworden", verurteilt der Romanschriftsteller Ruchir Joshi gnadenlos die Anhänger der Sangh.

Doch das sind die Debatten unter den Erwachsenen. "Wie machen wir unseren Kindern das alles verständlich", fragt die Sozialwissenschafterin Geeta Oza. Vor wenigen Tagen ist ihr achtjähriger Sohn, der eine christlichen Eliteschule in Ahmedabad besucht, mit folgender Geschichte nach Hause gekommen: "Heute hat mich ein Mitschüler gefragt, ob ich Hindu oder Muslim bin. Da hab ich gesagt, ich glaube, ich bin Hindu. Worauf er geantwortet hat: Da hast du aber Glück, wenn du Muslim wärst, würde ich dich jetzt umbringen."

Ein Interview mit dem indischen Theologen Francis D'Sa lesen Sie auf Seite 11.

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