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Kaukasischer Knoten

Schon immer war es der Nordkaukasus, der Russland am meisten Widerstand entgegensetzte.

Seit Jahrhunderten hat sich der gesamte Kaukasus zu einem komplizierten Knoten verflochten. Jene mythenumrankte und gebirgige Gegend, an deren Felsen seinerzeit Prometheus angekettet lag, macht gewöhnlich mit Konflikten auf sich aufmerksam. Sie ist ein Konfliktherd in der Terminologie der internationalen Politik, ein Naturparadies mit dem höchsten Berg Europas, sofern man das Gebiet zum abendländischen Kontinent zählt, eine Region buntester Vielfalt und widersprüchlichster Interessen, verflochten zu einem "kaukasischen Knoten".

Regionales Kräftemessen

Aus drei großen Kraftzonen gewissermaßen setzt er sich zusammen. Da ist einmal der zu Russland gehörende Nordkaukasus wie die Republiken Tschetschenien, Nordossetien oder Dagestan. Südlich des Hauptgebirgskammes erstreckt sich der von Moskau als "nahes Ausland" definierte Südkaukasus mit seinen beiden christlichen Staaten Georgien und Armenien sowie dem islamischen Aserbaidschan. In den Knoten verwoben sind drittens aber auch die Wechselwirkungen mit den historischen Regionalmächten Iran und Türkei, nun auch den USA.

Die Einflusskonkurrenz mit ihnen spielt nicht nur auf der geopolitischen Ebene, sondern genauso auf der geoökonomischen, insofern der Transit kaspischen Öls über das unruhige Dagestan und Tschetschenien verläuft. Die Konkurrenzpipeline über den Südkaukasus ist in Bau.

Kein Landesteil der Russischen Föderation fordert Russlands Sicherheit und territoriale Integrität derart heraus wie der Nordkaukasus. Speziell er kämpft mit sozialen und wirtschaftspolitischen Krisen. Ökonomisch am Boden, sieht sich die Region der Massenarmut, hohen Arbeitslosigkeit und zunehmender Entfremdung vom Rest Russlands gegenüber. Die Führungen wurden meist nicht wirklich von der Bevölkerung gewählt, sondern vom Kreml durchgedrückt und gelten als hochgradig korrupt. Alles in allem bester Nährboden für Extremismus und Kriminalität.

Es ist ein kleiner Landstrich, mit dem das große Russland seit Jahrhunderten auf Kriegsfuß ist. Lässt man die ethnisch überwiegend russischen Gebiete Rostow am Don, Krasnodar und Stawropol außer Acht, umfasst der Nordkaukasus im engeren Sinn die südlich davon gelegenen sieben nationalen, de facto aber ethnisch bunt gemischten Teilrepubliken Adygien (Mehrheit Russen), Karatschajewo-Tscherkessien, Kabardino-Balkarien, Nordossetien-Alanien, Itschkerija (= Tschetschenien, historisch wegen der Erdölindustrie stärker russifiziert), Inguschetien, und Dagestan. Nur um die sechs Millionen Einwohner zählen diese Republiken, der Anteil der Russen hat sich in den letzten Jahren stark verringert.

Der Nordkaukasus besticht durch Vielfalt. Zur ethnischen - in sich in Dutzende "Teips" (Clans, Stämme) zersplittert - kommt die sprachliche: kaukasische (allein in Dagestan über zwei Dutzend Subgruppen) neben der indogermanischen (Osseten, Armenier) und der Turksprachgruppe (Karatschaier, Balkaren). Auch die religiöse Zugehörigkeit ist im Detail weitaus vielfältiger, als sie in der russischen Wahrnehmung dargestellt wird. Die meisten Einwohner der Region gehören dem Islam an, nur Russen und Osseten sind mehrheitlich Christen. Viele Auseinandersetzungen der letzten Jahre haben aber gezeigt, dass gerade die Muslime keine einheitliche Front gegen Russland bilden, die unter "Dschihad" subsumierbaren Übergriffe in den letzten Jahren aus Tschetschenien nach Dagestan stoßen in der Region selbst auf massive Ablehnung. Andererseits ist die islamistische Rhetorik im Laufe der letzten 15 Jahre stärker geworden.

Gewohnheit vor Gesetz

In Dagestan, mit zwei Millionen Einwohnern Russlands größte Kaukasusrepublik, gibt es mittlerweile zwei islamische Universitäten und 650 Islamschulen, finanziert auch aus dem arabischen Raum. Generell lässt sich festhalten, dass die Stärke der Islamisierung vom Osten (Kaspisches Meer) gegen Westen hin (Schwarzes Meer) abnimmt. Festhalten lässt sich außerdem, dass die vielen und wechselnden Kultur- und Religionseinflüsse die kulturelle Grundsubstanz nicht verdrängen konnten. Die stammesmäßigen Gewohnheitsrechte, als "Adat" bezeichnet, stehen meist über dem islamischen Gesetz.

Im ethnisch mehr zersplitterten Osten vereinigten religiöse Autoritäten im 18. und 19. Jahrhundert die Bevölkerung auf der Basis des Islam zum Widerstand gegen die russische Expansion. In mehreren blutigen Kriegen versuchten die Zaren seit Iwan dem Schrecklichen 1559, den Kaukasus zu unterwerfen. Immer war es der Nordkaukasus, der den Russen am meisten zu schaffen machte, am leuchtendsten im "großen Kaukasuskrieg" zwischen 1816 und 1864 unter Anführung des legendären dagestanischen Gotteskriegers Imam Schamil. Über ethnische und Stammesgrenzen hinweg einigte Schamil - "der Allumfassende" und Abkömmling der Awaren, des wohl größten der über 30 Völker Dagestans - die Widerstandsbewegung zwischen 1834 und 1859 gleichsam zu einem islamischen Staatsgebilde. Dabei kam der religiöse Unterbau von den strenggläubigen Sufi-Orden mit ihrem "Muridismus", einem streng hierarchischen Gehorsamssystem zwischen Schülern (Murid) und Meistern. Schamil, dritter Imam der Muriden, hat diesen Religionszweig radikalisiert und die Scharia, das islamische Recht, zum alleinigen Gesetz in der Region ausgerufen.

Letztlich unterlag er den Russen. Mit dem Ende des "großen Kaukasuskrieges" 1864 vertrieben Kolonialrussen die autochthone Bevölkerung besonders nahe dem Schwarzen Meer und veränderten die ethnische Struktur radikal, wobei die Russifizierung gegen Osten hin schwächer wurde und in Dagestan wenig merkbar war. Aber die kaukasischen Völker erhoben sich bei jeder Gelegenheit auf Freiheit schnell wieder - so schon beim Russisch-Osmanischen Krieg 1877/78.

Russlands "Problem" mit dem Kaukasus setzte sich auch unter den Sowjets fort. Deren ethnische Deportationen waren nirgends so brutal wie im Norkaukasus, die Bevölkerungsgruppen der Tschetschenen, Inguschen, Balkaren und Kabardiner wurden 1943/44 komplett nach Zentralasien und Sibirien deportiert. Einige Konflikte rühren noch heute aus dieser Zeit, so der 1992 blutig eskalierte zwischen Osseten und Inguschen wegen territorialer Rehabilitationsansprüche. Infolge dieses ersten bewaffneten Konflikts in Russland nach dem Zerfall der Sowjetunion wurden zehntausende Inguschen - mit Unterstützung der Russen, die Nordossetien gleichsam als ihren Vorposten aufrüsteten - aus ihren Häusern vertrieben.

Aufgezwungenes System

Einen Schlüssel zur Organisation der ethno-territorialen Verhältnisse in der Region haben die Sowjets nie gefunden. Sie zwangen dem Kaukasus ein System von autonomen Republiken und autonomen Gebieten auf, das willkürlich nicht verwandte Ethnien - wie Kabardiner und Balkaren - in seltsame binationale Republiken zusammenfasste, andere wiederum voneinander trennte. Nach dem Zerfall der Sowjetunion brach die Wunde der historischen Erfahrung in einem Aufschwung nationaler Bewegungen auf. Präsident Boris Jelzin goss Öl ins Feuer, als er allen so viel Souveränität anbot, "wie Ihr vertragen könnt". Ethnischer Partikularismus drohte die autonomen Gebietseinheiten zu zerreißen. Am stärksten war die Separationsbewegung der Tschetschenen 1991. Gerade der folgende Krieg gegen Moskau stellte eine Reihe von Gebietsstreitigkeiten unter einzelnen Bergvölkern völlig in den Schatten. Nach der Geiselkrise im nordossetischen Beslan wird eine neue Ausbreitung ethnischer Konflikte befürchtet. "Der Kaukasus ist ein Organismus", sagte der frühere georgische Präsident einst. "Wenn ein Teil nicht zur Ruhe kommt, kommt das Ganze nicht zur Ruhe."

Der Autor ist

Korrespondent in Moskau.

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