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Kinder in Nahost versöhnen

Er wollte „sein“ Waisenhaus im Libanon besuchen – gelandet ist Stefan Maier im Bürgerkrieg. Hundert Reisen in den Zedernstaat später ist der Salzburger zum Friedensmakler geworden.

Wenn überall erkannt und angesprochen zu werden das Privileg von Stars ist, dann ist Stefan Maier ein Star – zumindest im Nahen Osten. Noch nicht lange ist es her, dass Maier mit dem Erzbischof von Salzburg durch den Basar von Kairo geht. Der Bischof bleibt unerkannt, aber eine Stimme im Menschengewühl ruft: „Stefan!“ Der Angesprochene dreht sich um, und eine junge Frau läuft ihm entgegen. Vor Jahren hat die Ägypterin an einem Caritas-Friedenslager teilgenommen. Der Initiator und Organisator dieser Treffen ist ihr unvergessen geblieben, sie erkennt ihn selbst an einem völlig unerwarteten Wiedersehensort und unter Tausenden anderen wieder.

Star Maier – die Zuschreibung passt insofern gut, als dass der Leiter der Auslandshilfe der Caritas Salzburg und Nahost-Koordinator der Caritas Österreich so ganz und gar nicht selber zu strahlen versucht. Besser als ein deutsches Adjektiv beschreibt das englische Wort „modest“ den 38-Jährigen – alle Bedeutungsinhalte dieses Wortes: anspruchslos, anständig, maßvoll, bescheiden, sittsam … treffen auf Maier zu. So stellt man sich den klassischen Caritasler seit Leopold Ungar vor – nur ohne Kollar halt; wobei es Kolleginnen und Kollegen gibt, denen Maiers „Armuts-Tick“ bereits zu ausgeprägt ist: „Nur weil man für Benachteiligte eintritt, muss man nicht selber wie ein Obdachloser daherkommen“, lautet ein scharfer Kommentar, den DIE FURCHE unter anderem auch über den Salzburger „Mr. Nahost“ aufschnappt. Jugendliche würden Maiers ausgebleichten Militär-Parka und seine Fellmütze (beides Modell Prager Frühling) aber schon wieder als cool, vielleicht sogar als kultig beschreiben.

Maiers Stern leuchtet, weil das, was er macht, und die Erfolge, die er damit erreicht, auf ihn zurückscheinen. Dabei ist er ein Fixstern: Wo er steht, da bleibt er stehen, was er sich vornimmt, das zieht er durch. Nicht astronomisch, dafür landläufig ausgedrückt, rangiert so einer zwischen Dickschädel, Sturkopf und Überzeugungstäter. Und das schon vor seiner ersten Reise in den Libanon. Ohne seine Hartnäckigkeit wäre es gar nie dazu gekommen:

Im erzbischöflichen Privatgymnasium Borromäum in Salzburg sammelt er Monat für Monat bei seinen Klassenkollegen Geld für ein Waisenkind im Libanon. Dass seine Mitschüler von diesem Klassenhilfsprojekt nicht im Laufe der Zeit abspringen, hat er sich von jedem beim Start der Aktion mit Unterschrift bestätigen lassen. Da ist er 15.

Vater: „Wenn geschossen wird, Kopf runter!“

Mit 18, die Matura abgeschlossen, das Zoologie-Studium noch nicht richtig angefangen, will er in den Libanon. Das Waisenhaus besuchen, für das er anfangs in seiner Klasse, mit Fortdauer der Schulzeit und zum Jugendrotkreuz-Sprecher aufgestiegen schließlich im ganzen Borromäum gesammelt hat. Im Frühjahr 1990 geht es nach langen Visa-Prozeduren los. Der ursprüngliche Reisebegleiter und Pfarrer von Maiers Heimatpfarre Salzburg-Elsbethen muss absagen. Der Erzbischof verbietet ihm die Reise. Zu gefährlich – in Zeiten des Priestermangels sowieso. Ein Gemeinderat springt ein, nicht ohne vorher eine hohe Lebensversicherung abgeschlossen zu haben. Doch einer muss ja mit – denn Maier von seinem Vorhaben abzubringen, gelingt nicht; seine Mutter sucht Zuflucht im Gebet, sein Vater gibt dem Sohn den guten Rat mit: „Wenn geschossen wird, Kopf runter!“

Die US-Reporterlegende P. J. O’ Rourke hat seine Libanon-Reportagen aus dieser Zeit in einem Buch mit dem Titel „Reisen in die Hölle“ zusammengefasst. Maier hätte es vorher lesen sollen. Dass „sein“ Waisenhaus in Aajaltoun steht und diese Ortschaft auf der Hauptkampflinie liegt, macht die Anreise noch komplizierter und die Taxifahrt sehr teuer. Am Karfreitag 1990 klopft Stefan Maier an die Pforte des Waisenhauses. Eine Klosterschwester öffnet. Den unerwarteten Besuch aus Österreich vor sich sehend, vergisst sie ihre Berufung als Barmherzige Schwester und schimpft ihren Gast: „Vous êtes fou!“ – ein Verrückter …

In den kommenden Tagen und Nächten erlebt Maier die Schrecken des damals schon 17 Jahre hin- und herwogenden Bürgerkriegs aus nächster Nähe: Artilleriebeschuss, Autobomben, Scharfschützen, Tote, Verletzte, Flüchtlinge, Kinder, die ihre Eltern verloren haben … Sein „Ich muss was tun“-Reflex lässt ihn nach der (gesunden!) Rückkehr aus dem Libanon ein Kinderferienprojekt organisieren. Drei Wochen Urlaub vom Krieg will er den Waisenkindern ermöglichen. Das Jugendrotkreuz steigt ein, Maier organisiert, und im Sommer 1990 starten die Kriegskinder-Ferien, von denen im Laufe der kommenden Jahre über 100 Kinder profitieren. Die erste Gruppe holt Maier noch direkt aus dem Schutzraum ab, um sie für drei Wochen Frieden nach Österreich zu bringen – seine zweite Reise.

Medikamente hinein, Schwerverletzte hinaus

Als er im Oktober 1990 zum dritten Mal in diesem Jahr in den Libanon kommt, hat er 14 Koffer mit 180 Kilogramm Gepäck, davon mehr als 100 Kilo Medikamente, und eine große Summe an Spendengeldern mit. Doch niemand holt ihn vom Flughafen ab. Beirut ist abgeriegelt, eine Großoffensive wird erwartet. Wieder hilft ihm ein Taxler. Über Schleichwege wechseln sie vom muslimischen in den christlichen Teil der Stadt. Wo das Taxi nicht mehr fahren kann, hilft der Fahrer beim Koffertragen. Wenige Tage später – der Großangriff ist angelaufen – retten Maiers Medikamente Menschenleben.

Im Caritas-Büro von Maier in der Salzburger Getreidegasse hängt eine Schwarzweißaufnahme. Das Foto zeigt einen schwerverletzten neunjährigen Jungen: Kamil, seine Beine sind zerfetzt, der rechte Unterarm abgetrennt, doch im Libanon im Kriegszustand gibt es keine ausreichende medizinische Versorgung für den Buben. Maier nimmt Kamil und seine Mutter mit nach Salzburg. Die abenteuerliche Reise sollte verfilmt werden – sie ist spannend und rührend zugleich.

Kinder und Krieg, das Thema lässt Maier bis heute nicht los – und der Libanon. 2009 kommt er zum hundertsten Mal in den Zedernstaat. Die von ihm initiierten Friedenslager sind eine Institution geworden. Jeden Tag wird auf diesen Lagern unter den Kindern als Auszeichnung für besondere Leistungen, Hilfestellungen etc. ein „Star of the day“ gewählt. Und wann strahlt Star Maier? „Wenn ich Briefe wie den von der 14-jährigen Abdira Abdel Massih erhalte, in dem steht: Wir sind aus verschiedenen Ländern hergekommen, aber bei diesem Lager haben wir gesehen, dass wir Freunde sein können.“

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