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Kirche: Mehr als eine Sinnapotheke

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Seit zwei Jahren ist Kurt Koch Bischof von Basel: Engagement in der Gesellschaft - auch im spirituellen Sinn - ist für die Kirche die bleibende Herausforderung.

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Seit zwei Jahren ist Kurt Koch Bischof von Basel: Engagement in der Gesellschaft - auch im spirituellen Sinn - ist für die Kirche die bleibende Herausforderung.

DIEFURCHE: Sie diagnostizieren das „ Verdunsten der christlichen Sonntagskultur”: Ist der Sonntag noch zu retten? Bischof Kurt Koch: Den Sonntag al-leine1 retten zu wollen, ist eine Illusion. Ich bin davon überzeugt, daß die Rettung des Sonntags unabdingbar mit der Vermenschlichung der Arbeitsbedingungen verknüpft ist. Denn die Menschen sind deshalb am Sonntag Konsumsklaven, weil sie unter der Woche Arbeitssklaven sind. Hier wäre ein gemeinsames Vorangehen von Kirche und Gewerkschaft angebracht: Solange die Gewerkschaften für den freien Samstag alleine, die Kirchen für den freien Sonntag alleine kämpfen, kann es mit der Niederlage beider enden.

DIEFURCHE: Wie kommt es, daß der Sonntag seine Würde eingebüßt hat? Koci i: Die Tendenzen zur Flexibilisierung der Arbeitszeiten kommen einem Lebensgefühl des heutigen Menschen entgegen, der Individualisierung der Lebensstile. Die Entwicklungen im Wirtschaftsleben bescheren uns so eine neue Variante des alten Mottos: „Jeder soll nach seiner Facon selig werden.” Heute heißt es: „Jeder soll nach seiner Facon Sonntag feiern”, - der eine am Montag, der andere am Dienstag, der dritte am Mittwoch. Individualisierung heißt allerdings immer auch Desolidarisierung. Es genügt nicht, daß jeder seinen Sonntag hat. Eine gesunde Gesellschaft braucht einen gemeinsamen Sonntag, da diese Institution ja immer der Verlebendigung von Gemeinschaft gedient hat und quasi als psychosoziale Kläranlage fungiert.

DIEFURCHE: Es soll also die Wirtschaft auf die Sonntagsarbeit verzichten ... KoCH: Ja. Wir müssen uns darauf zurückbesinnen, daß Wirtschaft ursprünglich der Wirtlichkeit des Lebens dient. Verhängnisvoll ist, daß wir nur noch eindimensionale zweckrationale Wirtschaftlichkeit, nicht aber umfassende Wirtlichkeit sehen. Die Wirtschaft kann nicht gesund sein, wenn die Menschen dabei krank werden.

DIEFURCHE: Spiegelt der drohende Verlust des Sonntags die Stellung der Kirche in der Gesellschaft wider? KOCH: Tatsächlich ist Religion innerhalb der Gesellschaft nur mehr ein Subsystem unter vielen anderen. Im Gegensatz etwa zur mittelalterlichen Gesellschaft ist die heutige Gesellschaft wie ein riesiges Einkaufszentrum in viele autonome Teilbereiche gegliedert. Neben den Bereichen Politik, Wirtschaft oder Kultur, findet sich dann auch eine Abteilung für religiöse Anliegen, die sich jedoch nur dann regen Zuspruchs erfreuen darf, wenn sie bestimmte Funktionen erfüllt. So wird von den Kirchen erwartet, daß sie, gewissermaßen als geistliche Notfallstationen oder Sinnapotheken, sämtliche Lebensstörungen erklären und bewältigen. Beligion wird damit immer mehr Sache des persönlichen Geschmacks. Will das Christentum seine gesamtgesellschaftliche Funktion zurückgewinnen, darf es nicht ein Subsystem unter vielen anderen sein. Es muß das Fundament selbst des Lebens darstellen.

DIEFURCHE: Um die Abteilung für religiöse Anliegen herum haben sich allerlei pseudoreligiöse Gruppierungen und der Esoterikmarkt angesiedelt. Kann die Kirche das Bedürfnis nach Spiritualität nicht mehr stillen? KOCH: Als Kirche müssen wir diese Tatsache als vitale Herausforderung wahrnehmen. Wir kommen nicht umhin, uns die kritische Frage zu stellen, wie es um die Spiritualität innerhalb der Kirche bestellt ist, und ob sie vielleicht nicht hin und wieder an spirituellem Asthma leidet. Ich sehe im esoterischen Bereich sehr viele Dimensionen, die in unserer christlichen Kirche zu kurz kommen, wie zum Beispiel das Denken, daß sich der Mensch eingebunden weiß in die gesamte natürliche Umwelt und sich nicht in einem universalen Rassismus von der Natur absetzt. Freilich gibt es in der Esoterik dann auch viele Dimensionen, die ich mit dem christlichen Glauben nicht für vereinbar halte.

DIEFURCHE: Kann es sein, daß das spirituelle Asthma durch ein Kreisen der Kirchen um sich selbst verstärkt wird? KOCH: Ja. Ich habe manchmal tatsächlich den Eindruck, daß die Kirche alle Feuerwehren zum Löschen der innerkirchlichen Brände aufbietet - und dann dort, wo es in der Welt brennt, keine Feuerwehren mehr zur Verfügung hat. Das heißt nicht, daß man -von den innerkirchlichen Bränden abstrahieren soll, aber in Relation zu den eigentlichen Problemen in der Gesellschaft müssen wir die wahren Prioritäten zurückgewinnen. Denn die Kirche ist ja um der Welt willen da. Wenn die Kirche nur noch um sich selbst kreist, dann wird sie nach den Worten Karl Rahners zu einem „Ofen, der sich selber wärmt”.

DIEFURCHE: Wo muß sich die Kirche wieder verstärkt einbringen KOCH: Die Kirche hat eine frohe Botschaft zu verkündigen - von einem Gott, der sich als Liebhaber des Lebens offenbart hat. Deshalb muß die Kirche überall dort, wo es um das Leben des Menschen, der Gesellschaft und der Natur geht - ich schließe hier bewußt die ökologische Dimension mit ein -Partei für das Leben ergreifen und gegen alle Mächte des Todes kämpfen.

DIEFURCHE: Schöpfungsverantwortung - ein Thema mit Zukunft? KoCH: Der ganze Einsatz des Christentums für die Würde des Lebens, auch des ungeborenen Lebens, ist ein Teil der Schöpfungsverantwortung. Die Kirche kann hier nur ganzheitlich denken, denn der Schutz des Lebens ist integral. Was heute hinzukommt ist, daß das menschliche Leben eingebettet ist in eine viel größere Lebensgemeinschaft und daß der Schutz dieses Lebens den Schutz seiner natürlichen Grundlagen mit einschließt.

DIEFURCHE: Welche Bedeutung hat der Dialog von Kirche und Gesellschaft? KoCH: Der Dialog entsteht aus der Grundhaltung heraus, daß kein einzelner Mensch die Wahrheit gepachtet hat, sondern daß alle Menschen, bei aller Gewißheit des Glaubens, auf dem Weg sind, Wahrheit zu finden. Ich bin 'der Uberzeugung, daß der Heilige Geist nicht bei uns Bischöfen vorsprechen muß, wo er wirken darf, sondern ich gehe davon aus, daß er auch in der Gesellschaft und bei Menschen außerhalb der Kirche wirkt. Da sich der Heilige Geist in den Zeichen der Zeit erkennbar macht, sollten wir diese Zeichen erkennen. Daraus ergibt sich notwendigerweise die Grundhaltung des Dialogs.

DIEFURCHE: Halten Sie die kirchliche Basisbewegungen wie das österreichische Kirchenvolks-Begehren für ein adäquates Instrumentarium des Dialogs? KOCH: Ich halte es für sehr wichtig, daß diejenigen, die von sich behaupten „Wir sind Kirche”, sich auch artikulieren, worin sie denn Kirche sind und welche Vorstellungen von deren Zukunft sie haben. Allerdings frage ich mich, ob die im Kirchenvolks-Begehren angesprochenenen Themen auch tatsächlich die Zukunftsfragen des Christentums sind. Es ist für mich recht eigenartig, daß in einem Kirchenvolks-Begehren beispielsweise die ganze Frage der Ökumene nicht angesprochen ist. Ich teile die Meinung von Johann Baptist Metz, der in einem Vergleich mit den reformierten und evangelischen Kirchen festgestellt hat, daß dort im Grunde genommen alle Po-stulate des Kirchenvolks-Begehrens gelöst sind, und die Kirche trotzdem vor ähnlichen Problemen steht.

DIEFURCHE: Ihre Vision von einer Kirche der Zukunft?

KoCH: Die Kirche der Zukunft muß mystischer sein. Das bedeutet nicht, daß es nur noch kleine Teresas von Avila oder Johannesse vom Kreuz geben darf. Sondern ich meine damit, daß im Mittelpunkt der Kirche wieder deutlicher das Mysterium Gottes stehen muß. Man soll ihr nachsagen können, daß sie ein Ort Gottes ist. Dazu muß sie aber spiritueller werden und sich auf ihre geistlichen Grundlagen besinnen. Und eine Kirche, die mystischer wird, wird letztlich auch geschwisterlicher, freilich im Sinne einer erlösten Geschwisterlichkeit.

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